Das Rollatoren-Rennen von Bad Bevensen

22. Oktober 2008 von Gegengeraden-Gerd

Power pur: Lydia von Schlotts geländegängiger Renn-Rollator. Quelle: domn.sopca.com

Vom Geheimtipp zur Touristen-Attraktion: Längst findet das alljährliche Rollatoren-Rennen von Bad Bevensen weit über die Grenzen des Landkreises Uelzen hinaus Beachtung. Aus sämtlichen Teilen des Landes, zum Teil sogar von anderen Kontinenten, sind Sportfreundinnen und -freunde in die pulsierende Gerontopolis in der Lüneburger Heide geströmt.

Auch die Prominenz kann es sich nicht mehr leisten, dieses Event zu ignorieren. Alle, wirklich alle sind gekommen: Hardy Krüger. Pierre Brice. Carmen Nebel. Und natürlich Räpper Bushido, der seit seinem vielbeachteten Duett mit Karel Gott und der Großdruckversion seiner Autobiografie zahlreiche neue Anhänger unter  ”Best Agern” gefunden hat. 

Als waffenerfahrener Koryphäe für “asozialen Gangster-Lifestyle” (Selbsteinschätzung) kommt Bushido die Ehre zu, den Startschuss abzufeuern - freilich mit der strikten Auflage, die Waffe weder auf die Teilnehmer noch auf das Publikum zu richten, der örtlichen Kreissparkasse während der Dauer des Rennens fernzubleiben und die Pistole nach Beendigung desselben an ihren Besitzer zurückzugeben: Harm Bräutigam, 92, Galionsfigur der örtlichen Schützen-Szene und berühmt für seine einfallsreichen Kunstschüsse.

Spätestens seit er dem damaligen Bundespräsidenten Carstens bei dessen letzten Besuch in der Kurmetropole spontan eine Mücke vom Ohrläppchen schoss, gilt Bräutigam als stadtbekanntes Original. Trotz geborstener Scheiben in der Eisdiele nebenan hatte er die Lacher auf seiner Seite. Das Staatsoberhaupt reagierte mit dem gebotenen Humor, und hätte Bräutigam nicht später immer wieder Kollateralschäden schwer zu kaschierender Natur verursacht beim rastlosen Versuch, diesen größten seiner Triumphe zu wiederholen - vielleicht wäre er es und nicht der Jungstar aus den Berliner Ghettos, der heute das Rennen eröffnen würde.

So aber gehört Bräutigam zu den Haupt-Leidtragenden des kometenhaften Aufstiegs des Rollatorensports. Schließlich verdrängte dieser das bis dahin unangefochten regierende Schützenwesen auf Rang zwei der populärsten Sportarten der Stadt. Erst als Bräutigam im letzten Jahr nach geschicktem Wett-Einsatz auf den Überraschungssieger des Rennens sein Vermögen nahezu verdreifachen konnte, machte er seinen Frieden mit dem Trendsport, der jedes Jahr mit neuen Superlativen aufwartet. 

Viel wurde im Vorwege diskutiert über den anspruchsvollen 127-Meter-Parcours im Herzen der Stadt. Unebenes Pflaster, Gullideckel, plötzlich auftauchende Parkbänke und das gefürchtete Herbstlaub, das selbst die hochgezüchteten Mensch-Maschine-Kombinationen der Topfavoriten vor schwere Traktionsprobleme stellt: Diese Strecke ist nichts für schwache Nerven. Auch die “Todeskurve” an der Kneipp-Wassertretstelle wurde bis heute nicht entschärft. 

Dabei steht vielen noch die grauenhafte Massenkarambolage des letzten Jahres lebhaft vor Augen: Als ein bis heute nicht gefasster Zuschauer die Anonymität der Masse zum Auslösen eines Knallteufels nutzte, geriet Top-Favorit Brock Deckert, zu diesem Zeitpunkt unangefochten an der Spitze, vor Schreck derart aus der Fassung, dass er die Kontrolle über seinen Boliden verlor und mit einem Gartenzwerg kollidierte. 

Für seine Verfolger war es zum Bremsen zu spät. Wie durch ein Wunder blieben sie unverletzt. Doch das Rennen war für sie gelaufen. Nutznießer der Situation: Asgeir Alftarleggur aus Island, ein bis dahin gänzlich unbeschriebenes Blatt. Ungerührt zog Alftarleggur an den ineinander verkeilten Rennmaschinen der Konkurrenz vorbei und sicherte sich den Gesamtsieg, als erster internationaler Champion dieser Sportart, die bislang so klar von deutschen Spitzenathleten dominiert wurde.

Spitzenathleten wie Brock Deckert. Der 81-jährige Ex-Marineoffizier ist heute schon eine lebende Legende. Niemand kam je so nahe an die magische 5-Stundenkilometer-Grenze wie er - und keine Figur im Rollatorensport ist so umstritten. Sind Spitzenleistungen wie die seinigen ohne illegale Hilfsmittel überhaupt noch möglich? Eine Frage,  die in der Szene heiß diskutiert wird, und dies nicht nur hinter den Kulissen. 

Denn seit ARD und ZDF angekündigt haben, nach ihrem Tour-de-France-Debakel in großem Stil in den als “sauber” geltenden Rollatorensport zu investieren, ist Geld im Spiel, viel Geld; Geld, das die Rollatorenszene für immer verwandeln wird, soviel steht fest. Und darum ist dieser letzte Wettbewerb vor dem Einstieg des Fensehens der meistbeachtete in der Geschichte des Rollatoren-Rennens. Die Spannung knistert wie statische Elektrizität in Kunsthaar-Perücken. Alle wissen: Das Fernsehen schaut zu, und wer heute das Siegertreppchen besteigt, wird morgen ganz nah dran sein an den verheißungsvollen Futtertrögen der Großsponsoren, befüllt von  boomender Medienpräsenz und dem wachsenden Interesse einer Zuschauerschaft im demographischen Wandel.

Für die Fernsehverantwortlichen ist Rollatoren-Rennen ein Traum - das “Ben Hur des 21. Jahrhunderts”, wie gemacht für das neue Jahrtausend, beliebt bei Senioren und von wachsender Faszination auch für die schwer zu begeisternde Kern-Zielgruppe zwischen neun und vierundsechzig. Schließlich vereinen die packenden Duelle der Rollatoren-Piloten das Beste von Formel 1 und Leichtathletik: Spitzentechnik und Muskelkraft, Mensch und Maschine, Geschwindigkeitsrausch und Geschick.

Vor allem aber vereint das Rollatoren-Rennen weibliche und männliche Zielgruppen: Frauen und Männer treten gleichzeitig an,  Geschlechtergrenzen sind passé. Was die Männer an Muskelkraft zu bieten haben, gleichen die Frauen durch überlegenen Kreislauf, Langlebigkeit und bessere Augen aus. Die Spitzen-Athletinnen lieben es, sich im direkten Wettkampf mit den Besten des sogenannten “starken Geschlechts” zu messen.

Frauen wie Lydia von Schlott, mit 73 Jahren eine der Newcomerinnen hier und doch schon ein echter Star.  Als Betreiberin eines Kurzwarengeschäfts in Georgsmarienhütte hat sie ihre Steherqualitäten jahrzehntelang unter Beweis gestellt. Ihren sportlichen Durchbruch erlebte sie im diesjährigen Vorprogramm des “Duhner Wattrennens” zu Cuxhaven. Beim technisch außerordentlich anspruchsvollen Rollatoren-Beach-Buggy-Contest am Sandstrand des Nordseeheilbades, auch bekannt als “Paris-Dakar des Nordens”, gewann sie mit einer ganzen Runde Vorsprung - so etwas hatte es nie zuvor gegeben.

Vorjahressieger Alftarleggur hat in Bad Bevensen dieses Jahr nicht gemeldet - vielleicht in der weisen Voraussicht, seinen Triumph nicht wiederholen zu können. Dem Vernehmen nach hat er Siegesruhm und -prämie in den Aufbau einer Rollatoren-Fahrschule in Florida gesteckt. Somit konzentriert sich das Hauptinteresse von Medien und Publikum auf den ungleichen Zweikampf zwischen Brock und von Schlott: Routine gegen Leidenschaft, alt gegen jung, Mann gegen Frau. Als gelte es, die Spannung ins Unerträgliche zu steigern, haben beide im Training direkt nebeneinander liegende Startplätze eingefahren - der Altstar die “1″, die Herausforderin die “2″. 

Mit konzentrierten Mienen begeben Brock und von Schlott sich auf ihre Positionen, dicht gefolgt von einem exzellenten Starterfeld, das ein wahres “Who is Who” der Rennrollatorenwelt darstellt. Gebanntes Schweigen liegt nun über Bad Bevensen. Selbst das Fallen eines Stützstrumpfes würde in dieser Stille wie das Abfeuern eines Kanonenschlages wirken. 

Alle Augen richten sich auf die kleine Ehrentribüne vor dem “Garten der Sinne”, als Bushido die ortsübliche Heizdecke über den Knien zurückschlägt und zur Startpistole greift …

(Fortsetzung folgt!)

Veröffentlicht in Sport allgemein

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Über Gegengeraden-Gerd:

Gerhard von der Gegengerade, 53, ist seit 1910 Dauerkarten-Besitzer des FC St. Pauli.

Gegen Bestechung in Form diverser Sachzuwendungen hat er sich bereit erklärt, die Redaktion der Stadionzeitung VIVA ST. PAULI als Fußball-Sachverständiger zu unterstützen.

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