Meine Bewerbung als Profi-Fan

23. Oktober 2008 von Gegengeraden-Gerd

Sehr geehrtes Fernsehen, liebe DFL,

hiermit bewerbe ich mich auf die in naher Zukunft freiwerdende Position als Profi-Fan. Ich weiß, die Stellenbeschreibung ist noch nicht raus, aber proaktives Handeln finden Sie doch bestimmt gut, oder?

Als langjähriger Anhänger des FC St. Pauli bin ich für diese anspruchsvolle Herausforderung bestens aufgestellt: Ich verbinde ein Höchstmaß an Belastbarkeit mit minimalen Ansprüchen und uneingeschränkter Auswärtsmobilität, auch international übrigens. Habe ich bloß bisher nie zeigen dürfen.

Genau hier liegt des Pudels Kern begraben, wenn ich das mal so sagen darf: Ich sehe da nämlich eine Winn-Winn-Situation auf uns zukommen. Sehen Sie, ich bin im besten Fan-Alter. Ich habe Erfahrung und Stimmbänder aus Stahl. Und ich will endlich mal die Welt kennenlernen. Darum bin ich bereit, Sie zu unterstützen. Sie auf der anderen Seite verwalten den Zugriff auf die wertvollste Ressource der Welt. Und Sie brauchen verlässliche Leute zum Jubeln. Denn eins ist klar: Wenn wir so weiterwurschteln mit den Amatören auf den Rängen, dann wird das nix mit dem Fortschritt des deutschen Fußballs.

Ich meine: Ist doch klar, dass Sie die Krise kriegen. Kein Fußball vor zwei hier, pro fuffzehn dreißig da, bloß nich zu viel Schponsering, aber immer schön Frih-TV. Und macht man nen harmlosen Vorschlag zur Güte, wird wieder überall gejault. Wissen Sie was, liebe Funktionärsfreunde: Pellen Sie sich ein Ei drauf! Ich finde Fußball um 12:30 eine völlig vernünftige Idee. Nicht ganz zu Ende gedacht, aber sonst goldrichtig. Also, was soll das halbgare Termingeschiebe auf 13:00 oder 13:30? Bloß nicht zurückrudern jetzt! Im Gegenteil: Außenbordmotor an und Volldampf voraus!

18 Erstliga-, 18 Zweitliga- und 20 Drittliga-Vereine: Das macht über 2500 Minuten feinstes Fußball-Entertainment pro Woche. Fast zwei Tage non-stop – und da sind Chämpiöns Lieg und Pokal noch nicht mal mit drin! Allenfalls Provinznüsse spielen mit dem Gedanken, auch nur eine Sekunde davon missen zu wollen, um irgendeinen „Lieblingsverein“ von zugigen Stufen anzufeuern. Und das vielfach ohne Dach und oft noch im Regen. Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich rede. Ich war lange genug bei dem Zirkus dabei, um mit Fug und Recht sagen zu können: Das sind Wahnsinnige, liebe Freunde, die müssen dringend vor sich selbst gerettet werden!

Und zwar nicht nur aus humanitären Gründen: Haben Sie mal darüber nachgedacht, was geschieht, wenn einer dieser Unbelehrbaren, die ihren Clubs quer durch die Republik und darüber hinaus folgen, sich beim Freiluftturnen ne Lungenentzündung zuzieht und Sie, meine Herren, wegen unterlassener Sorgfaltspflicht verklagt? Lachen Sie nicht: Das könnte bald schon Realität sein. Eine klitzekleine Gesetzesänderung, und der Spieltag wird zum Zahltag! Wollen Sie diese Schuld auf sich laden? Und das finanzielle Risiko?

Aus all diesen Gründen kann nur eine Konsequenz folgen: radikale Spielplan-Entzerrung – jetzt! Erstes Wochenendspiel samstags um sieben, letztes sonntags um zehn. Was nicht in dieses Zeitfenster passt, findet unter der Woche statt. (In Viertelstundenportionen natürlich, optimaised for office juhs. Man muss ja auch an die Berufstätigen denken.)

Für Couch-Athleten verspricht diese revolutionäre Spielplan-Innovation maximale Freiheit: Endlich allen Entscheidungszwängen fliehen! Schluss mit der quälenden Wahl zwischen Cottbus gegen Wolfsburg und Leverkusen gegen Bochum, Wehen gegen Ahlen und Ingolstadt gegen Oberhausen. Schon bald wird es zum guten Ton gehören, sich als Alles-Seher zu qualifizieren – an entsprechende Orden nebst Publicity-trächtiger Verleihungszeremonie werden Sie schon gedacht haben.

Auf Supporter-Seite ergibt sich aus o.g. Sachzwängen die längst überfällige Einführung des Profi-Fantums, welche aus sozialromantischen Gründen viel zu lange hinausgezögert wurde. Denken Sie nur an den Schritt zum Profi auf dem Rasen! Einst ein „heißes Eisen“ – heute eine Selbstverständlichkeit, ein Pfeiler unserer freiheitlich-demokratischen Fußball-Grundordnung. Wo stünden wir, wenn noch heute um jede Trainingseinheit gefeilscht werden müsste, weil die Herren Kicker abseits ihrer sportlichen Karriere noch Rohre zu flanschen, Fliesen zu legen oder Tankstellen zu bewirtschaften hätten?

Für die neuen chiering crews auf den Rängen (ehemals „Schlachtenbummler“) wird sich alles zum Besten wenden. Schon mit drei bis vier professionell ausgebildeten Einheiten à vier- bis fünftausend Mann (m/w)  sollte sich bei geschickten Fernsehschnitten eine Atmosphäre generieren lassen, die der in jetzigen Fußballtempeln gleichkommt, wenn sie ihr nicht sogar überlegen ist. Durch das geschickte teim schpredding der einzelnen Spiele über alle verfügbaren Zeitachsen können die Einheiten abwechselnd im Schichtbetrieb agieren und auf diese Weise mit äußerst schlankem Personaleinsatz eine Vielzahl von Arenen bespielen.

Die neu geschaffenen Arbeitsplätze sorgen für positive Presse und würden sich gerade jetzt, im Angesicht der heraufdämmernden Wirtschaftskrise, hervorragend machen.  Sollten die zu ihrem Unterhalt nötigen Gelder sich nicht oder nur unter Verzicht auf eine ausreichende Gewinnmarge aus den Fernseh- und sonstigen Erlösen generieren lassen, bin ich zuversichtlich, dass die Bundesregierung schon einspringen wird. Was für Banken recht ist, kann für den Fußball nur billig sein.

Das weisungsgebundene Beschäftigungsverhältnis der neuen Fan-Generation eröffnet vielseitigste Einsatzmöglichkeiten für ihre gutgelaunte, vieltausendfache Sängerschar: Frühstücksfußball in Bremen. Mittags Sponsorengeburtstag bei Mannheim mit mehrfachem Absingen von „For he’s a jolly good fellow“ und „Hipp, hopp, hurra“ zur Verbesserung der bilateralen Beziehungen, gern unter Anleitung von Gotthilf Fischer. Dann weiter zum Revierderby auf Schalke, und zwischendurch noch was Wohltätiges, am besten mit Kindern (Fotogelegenheit!): Alles drin, alles in Ihrem Ermessen. Es sind Ihre Leute! Sie werden nichts ohne Ihr explizites „Go“ tun und sich mit unbotmäßigen Sprechchören oder Transparenten wohltuend zurückhalten.

Ich bin sicher, ich spreche Ihnen aus der Seele. Und ich bin fest davon überzeugt, Ihr Idealkandidat zu sein. Lassen Sie sich nicht davon irritieren, dass ich Unterstützer eines als „kritisch“ verschrienen Clubs bin. Für mich ist die Sache karo einfach: Wenn ich eine solche Gelegenheit beim Schopf packen kann, dann is mir ihre Frisur egal, verstehen Sie?

Ich stehe mit Freuden zeitig auf und ertrage Fehlpässe oder vergurkte Abseitsfallen schon vor dem ersten Kaffee ohne Murren. Darüber hinaus bin ich gern bereit, meinen Vor- und/oder Zunamen an von Ihnen zu benennende Geldgeber anzupassen und auf Wunsch auch die Namensrechte möglicher Früchte meiner Lenden an Sie oder einen Ihrer Werbepartner abzutreten. Einer Erbfanschaft nach frühneuzeitlichem Modell stehe ich offen und ideologiefrei gegenüber (wir sprechen über eine HCS oder Häppy Corporate Sörvitude – das hässliche Wort „Leibeigenschaft“ lassen wir man schön in der Mottenkiste der Geschichte). Wes Brot ich ess, des Lied ich sing – das, so meine ich, darf auch für meine ungeborenen Gören gelten. Schließlich dürfen Sie und Ihre Partner etwas erwarten für Ihr Geld.

Erwarten wir also freudig das finale Röcheln der Fanproteste. Das alles ist nichts als ein letztes Aufbäumen der traurigen Saurier auf den Rängen – zum Aussterben verurteilte Wesen, die den Riesen-Meteoriten nicht wahrhaben wollen, der längst am Himmel hängt, und dessen Einschlag ihren Untergang bringen wird. Lassen Sie uns Säugetiere sein in dieser Zeit des willkommenen Wandels! Ob Hunde, Schweine oder Gnus, überlasse ich gern Ihnen.

Meine Leistung als Fan gebe ich vertrauensvoll in Ihre Hände und freue mich schon jetzt auf die Herausforderung, den unaufhaltsamen Fortschritt des Fußballs konstruktiv zu begleiten. Über eine Einladung zum persönlichen Gespräch würde ich mich sehr freuen.

Hochachtungsvoll, Ihr

Gerhard von der Gegengerade

P.S. (Nachtrag 2012): Ihre Idee, den Rückrundenspielplan komplett willkürlich auszuwürfeln, finde ich ebenfalls ganz großartig. Mehr dazu auch hier. Und auch der Kuschelpunker ist begeistert.

Veröffentlicht in Fußball allgemein

11 Antworten

  1. Cesar

    Dein Bestes Ding! Klasse!!!

  2. Mazonia - Entdecke das Neuland » Blog Archive » Bewerbung bei der DFL als Profi-Fan

    [...] hat ja mal jemand eine gute Idee. Gegengeraden Gerd hat ein ausführliches Bewerbungsschreiben an die DFL formuliert. Endlich kapiert mal einer was [...]

  3. Matze

    Moinsen,

    wollt nur sagen, dass ich diese super Idee verlinkt habe. http://www.mazonia.de

    Viele Grüße,
    Matze

  4. Paule

    Ja, sehr schön. Nur Oberhausen gegen Paderborn geht derzeit nicht. Nimm einfach FSV Frankfurt – ist ähnlich langweilig.

    gruß aus Offenbach

  5. Gegengeraden-Gerd

    Tach zusammen, vielen Dank für Lob und Links – und @Paule: Recht hast du, danke für den Hinweis! Hab aber lieber mal Ingolstadt genommen, nich Frankfurt. Irgendwie hab ich ne Schwäche für die Anderdogs in Städten, wo’s auch andere Proficlubs gibt …

  6. Jekylla

    Ganz grosses DFL-Kino, ich darf jetzt erstmal den O-Saft von der Tastatur wischen :-D

  7. Neue Anstosseiten im TV, im Stadion und am Tresen « The Boys and Eve

    [...] Interessanter als Löw & Ballacks Talkrunde im Geheimen, für die derzeit noch die Verlautbarung geschrieben wird, ist die Veröffentlichung zu den neuen DFL-Anstosszeiten und TV-Vermarktungen. Wie man sich schon mal vorab einen Platz auf der richtigen Seite sichert, sagt uns Gegengeraden-Gerd. [...]

  8. Gegengeraden-Gerd: Jetzt rede ich! » » Klettfußball

    [...] Morgenstund hat Gold im Mund? Glaub ich gern. Deshalb supportet sie auch so schlecht. [...]

  9. Gegengeraden-Gerd: Jetzt rede ich! » » Ich kaufe ein “K”!

    [...] die Begründung der Strafmaßforderung gegen meinen Lieblingsverein FC St. Pauli unterstütze ich, wie alles, was von DFB, DFL und Konsorten kommt, bedingungslos. [...]

  10. Das ist so nett von dir DFL « Habt ihr nichts anderes zu tun?

    [...] Danke DFL, du tust wirklich alles um mich glücklich zu machen! Doch nicht nur mich, denke einmal an die vielen Arbeitslosen, das wirst du sicher nicht bedacht haben, aber diese Menschen haben dann eine Aufgabe, sie haben einen neuen Job. Wer nicht genau weiß wie er sich bewerben soll, bzw. wie er argumentativ auf der sicheren Seite ist, der schaue bitte hier. [...]

  11. Links – 2,3,4 « Gegen das TV-Diktat!

    [...] Ebenso wie George Orwells “1984″ wurde wohl auch der Text vom “Gegengeraden-Gerd” aus dem Jahre 2008 irgendwie als Bauanleitung mißverstanden und ist nun offenbar die Blaupause für DFB-/DFL-Gedankenspiele.[...]

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Über Gegengeraden-Gerd:

Gerhard von der Gegengerade, 55, ist seit 1910 Dauerkarten-Besitzer des FC St. Pauli.

Als leicht entflammbare Ein-Mann-Meckerecke regt er sich über das Geschehen am Millerntor und in der sonstigen Fußballwelt auf. Das Ergebnis veröffentlicht er hier und auf Twitter in wüsten Pamphleten zwischen Wahn (klar erkennbar) und Witz (möglicherweise unfreiwillig).

Nebenbei unterstützt Gerd die Stadionzeitung VIVA ST. PAULI als Fußball-Sachverständiger.