Zweikomponentenschicksal

29. August 2011 von Gegengeraden-Gerd

So., 28. August 2011: Eintracht Braunschweig – FC St. Pauli 1:0 (0:0)

Es hätte die Mona Lisa des Fußballs werden können. Die Leinwand war gekauft, Ölfarben und Staffelei standen bereit. Sogar das Blattgold für Bilderrahmen und Verzierungen hatte ich in mühsamer Kleinstarbeit von Omis Standuhr abgepuhlt.

Es wäre mein Meisterwerk geworden, meine eigene Kleingartenparzelle in der Unsterblichkeit: „Das zweifache Paradies“. Der gemalte Beweis, dass Doppeltsehen nicht zwangläufig den Moment kurz vorm Kotzen markiert. Links eine Tabelle mit güldenem Platz 18 – rechts eine Tabelle mit güldenem Platz 1.

Es wäre mein Meisterwerk geworden:  Der gemalte Beweis, dass Doppeltsehen nicht zwangläufig den Moment kurz vorm Kotzen markiert.

Weltuntergang in St. EllingenSonnenaufgang auf St. Pauli: Ich trink ja auch gern Bier, aber manchmal schmeckt Schadenfreude noch besser. Und darum hatte ich vor lauter Vorfreude auf die Fortsetzung des letzten zwangsverlängerten Wochenendes (samt Montag) total vergessen zu unken. Und einfach mal das Beste angenommen. Vollkommen wahnsinnig, ich geb’s ja zu. Aber was soll man tun, wenn man vom letzten Heimsieg noch immer mehr Euphorie als Blutkörperchen in den Adern hat?

Ging ja auch vielversprechend los: Der Spaßverein vom anderen Ende der Stadt hat am Sonnabend alles gehalten, was sein 0:5 gegen Bayern vom Wochenende davor versprochen hatte: 3:4 gegen Köln, Bodenberührung im tiefsten Souterrain der Tabelle, Michael Oenning auf dem Weg zum HSV-Trainer mit dem größten Fan-Rückhalt aller Zeiten – bei Braun-Weiß (wo der „Übersteiger“ recht  hat, hat er recht!).

Ich trink ja auch gern Bier, aber manchmal schmeckt Schadenfreude noch besser.

Fehlte nur noch ein klitzekleiner Auswärtssieg, und ich hätte den Pinsel schwingen können. Hätte.

Bei mir ist das so: Wenn der Spaß so groß wird wie zuletzt, hat er irgendwann den Bremsweg eines Supertankers. Alternativ der Titanic. Ihr ahnt, worauf ich hinaus will: Irgendwann verlier ich sogar die Fähigkeit, mir so was wie Eisberge überhaupt vorzustellen. Deswegen ist Spaß so gefährlich!

Irgendwann kommt eben doch der Eisberg. Und dann: Radomms. Rutschen entweder ganze Tribünen ins Eismeer oder ein paar Millionen Liter Tränen suppen wie Schweröl ans Ufer des nächsten Heimspiels.

Zugegeben: Ich hätte mit dem Spaßbremsen noch rechtzeitig anfangen können. Zum Beispiel als ich auf die Uhr geguckt hab und zehn Minuten um waren und sich bei mir noch kein Haar gekrümmt hatte, weder aus Entsetzen noch aus Gänsehaut.  Dabei dacht ich immer, Vorsicht wäre die Mutter der Porzellankiste – und nicht die Tochter des Heimsieges?

Wenn der Spaß zu groß wird, hat er irgendwann den Bremsweg eines Supertankers.

Ich hätte spaßbremsen können, als in der 13. die erste richtige Chance ein gelbes Trikot trug (und Gott sei Dank neben das Tor köpfte).  Oder als unser erstes zartes Möglichkeitenpflänzchen per Mondrakete über die Querlatte katapultiert wurde (wobei Schachten wenigstens geschossen hat!). Oder als Boller schon in der 43. Minute verletzt raus musste. Getriebeschaden! Aufruhr im Maschinenraum!

Stattdessen stieg ich aufs Gaspedal – und zerschellte singend an der Schicksalswand.

Minute 65: Eine Braunschweiger Ecke segelt hoch in unseren Strafraum. Ein Herr Kruppke aus Braunschweig hüpft heiter zum Ball. „Nur zu, mein Junge“, rufe ich, noch immer wahnsinnig vor Freude: „Schau dir nur an, was unser Philipp im Tor mit deiner Kugel macht, hähä! Sowas hält der doch im Halbschlaf zum Frühstück. FRÜÜÜH-…..“

Zerschellt an der Schicksalswand

Das nächste, was ich sagte, ist auf Frühstücksbüffets mit gutem Grund meist nicht zu finden. Stattdessen haben unglückliche Fußballer es gern an den Schuhen. Oder den Handschuhen, wie in diesem Fall … Denn leider: Lange hielt Tschauner die Null fest. Und plötzlich nur das Nichts. Und die Kugel, die er eigentlich sicher in Händen hielt, kullerte weiter in unser Netz. 1:0 für Braunschweig.

Lange hielt Tschauner die Null fest. Und plötzlich nur das Nichts.

OK, wir hatten auch Chancen, vor dem Braunschwieger Tor und auch danach: Bruns! Aus drei Metern in die Arme des Keepers (kurz nach der Halbzeit). Kruse! Flachschuss aus linker Position, aber der Keeper hat ihn. Und der Schiri war ein Armleuchter, oder die Regel mit dem Elfmeter für Fouls im Strafraum ist wieder abgeschafft worden: Oder genau wo genau wie hat der emsige Herr Kumbela aus Braunschweig doch gleich den ähnlich fleißigen Max Kruse aus Hamburg-St. Pauli zur Raseninspektion gezwungen?

Und die Braunschweiger schienen zeitweise dermaßen in Richtung Großchancenvernichtung gebürstet statt auf Torjubelkrawall, dass ich sogar nach dem Tor noch ernsthaft versucht habe, mit einzureden, das Glück wäre auf unserer Seite (und nicht da, wo es meistens ist). Wie konnte ich nur!

Das Ergebnis ist bekannt: 13 statt 16 Punkte. Zweiter statt Erster. Und kommt mir jetzt nicht mit „Ist doch immer noch prima!“ Das hieß „Aus der Traum vom Kiez-DaVinci“, versteht ihr?!? Soll ich jetzt Obstschalen malen oder was?

Zweikomponentenschicksal im Treppenhaus-Talk

Naja. Als ich nach Hause komm, lauf ich auch noch meiner Nachbarin über den Weg. Thekla aus dem Körnerladen. Niemals um eine gut abgehangene Weisheit aus anderen Dimensionen verlegen.

„Hach Gerd“, säuselt Thekla, und nimmt mich tröstend in den Arm. „Es ist doch nur ein Spiel. Und schau mal: Es gehört im Leben halt alles zusammen!“ Und dann hält sie mir ihre selbstgeschnitzte Holzbrosche in die Visage.

Thekla: „Siehst du: Die eine Hälfte, das ist Yang – das sonnenbeschienene Hochplateau …“

Gerd: „Ach was. Gibt’s da oben nen Bierstand?“

Thekla (ungerührt): „… das Prinzip des ewigen Lichts. Aber Yang gibt es eben nur zusammen mit Yin!“

Gerd (trocken): „Wie Zweikomponentenkleber?“

Thekla (mit größter Geduld): „Wie Licht und Schatten, Heiß und Kalt, Hoch und Tief …“

Gerd (atmosphärische Schwankungen signalisierend): „…  Rausch und Kater. Grmblalshättichdasnichschonlängstgewusst…“

Thekla (indigniert ab).

Kann ich nicht einmal meinen Spaß selbst bremsen, ohne dass Yin seine schwieligen Hände am Hebel hat?

Meine Güte, Thekla. Als hätt ich diesen chinesischen Schicksals-Schmonzes nicht schon vor Jahrzehnten und in drei Trilliarden unglücklich verlorenen Fußballspielen inhaliert. Bis ich kurzzeitig den Verstand verlor. Siehe oben.

Kann das nicht einmal ne Portion Yang ohne Yin geben? Kann ich nicht einmal meinen Spaß selbst bremsen, ohne dass Yin, der Arsch, seine schwieligen Hände am Hebel hat?

Dieses Schicksalsding ist ja wie Schraubenkaufen im Baumarkt: Brauchst nur eine – musst trotzdem die ganze Packung nehmen. Ich will meinen Eisenwarenhöker zurück, wo’s alles einzeln gibt! Und den Traum von der schönsten Doppeltabelle aller Zeiten, den auch.

Zum Weiterlesen, -schauen und -hören: 

Magischerfc.de: Bildergalerie / Hintergrundbericht

Spielbericht vom Übersteiger

Audio-Reportage von Wolf Schmidt (AFM-Radio)

Nordsupport: “Stinkig, aber heil” (Spielbericht)

KleinerTod: “Keine Punkte in Braunschweig” (Spielbericht) 

fcstpauli.com: Spielbericht / Bildergalerie

kicker.de: Spielbericht

Veröffentlicht in FC St. Pauli

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Über Gegengeraden-Gerd:

Gerhard von der Gegengerade, 55, ist seit 1910 Dauerkarten-Besitzer des FC St. Pauli.

Als leicht entflammbare Ein-Mann-Meckerecke regt er sich über das Geschehen am Millerntor und in der sonstigen Fußballwelt auf. Das Ergebnis veröffentlicht er hier und auf Twitter in wüsten Pamphleten zwischen Wahn (klar erkennbar) und Witz (möglicherweise unfreiwillig).

Nebenbei unterstützt Gerd die Stadionzeitung VIVA ST. PAULI als Fußball-Sachverständiger.