Zahnabdrücke in Hollywut

18. Dezember 2010 von Gegengeraden-Gerd

Psychologisch, ne? Nix anderes als ein komplizierteres Wort für schwierig. Alles hochpsychologisch heutzutage: Fahrkartenautomaten. Fernbedienungen. Fußball. Fürs innere Weltklima eine einzige Katastrophe.

Ist doch klar: Wenn der Bartels das Ding in der dritten Minute oder so in die Maschen jagt statt in den Himmel, verwandeln sich die übermächtigen Bayern in Sekundenbruchteilen in gebrochene Männer! Hätten unsere nur so weiterspielen müssen, wie sie es sowieso am Anfang gemacht haben, und gut wär’s gewesen. Indiesemjahrbestimmtkeinweltpokalsiegerbesieger-T-Shirts drucken, paar Siegesgesänge raushauen, Abgang.

Oder meinetwegen noch ein bisschen die Bayern kommenlassen und dann später den Sack zu. War ja alles drin in diesem Spiel der unbegrenzten Möglichkeiten. Nur kein Ball im Netz.

Stattdessen: Meine Gebissspuren in den Arena-Wellenbrechern. War ja kein Tresen oder Lederriemen zum Draufbeißen in der Nähe. Meine Zahnabdrücke in Hollywut: auch ein Stück Ewigkeit. Das fußballgewordene Gegenstück zu diesen Hand-und-Fußabdrücken der Filmstars.

Könnte man natürlich auch am Millerntor einführen: Für jede vergebene Riesenchance einmal herzhaft in den Stadionbeton beißen, Name drunter, fertig. „Zeckenbiss“ einmal anders. „Walk of Gräm“ am Millerntor? Wär in drei Spieltagen fertiggepflastert. Andere Vereine würden das dann noch von Colgate präsentieren lassen oder so. Wir könnten das ja für Fanräume versteigern, fänd ich besser.

Allerdings hätte Plan B auch seinen Charme: Die Dinger einfach reinmachen! Luftsprünge statt Frustknabbern! Wobei das auf Befehl natürlich nicht so einfach geht. Schon wegen der Nerven und so. Einfaches Experiment: Jetzt bloß nicht an braun-weiße Elefanten denken! NA? Schon sind se da.

Also lieber psychologisch anfassen das Ganze. Stell ich mir so vor: Stani tritt vor die Mannschaft und spricht: „Jungs, Regeländerung! Ins Tor schießen ab sofort verboten!“ Kann man ja ganz einfach begründen sowas. Von wegen Blatter mal wieder oder so. Irgendso’n Scheich in Katar fände Einnetzen zu vulgär. Oder Regelvereinheitlichung mit American Football oder so. Gründe gäb’s genug. Hauptsache der Apell kommt: „Dass mir ja keiner den Ball ins Netz hämmert, Leute. Treffen ist böse! Böse!! Immer dran denken!!!“

Dann noch ein bisschen Finetuning (so à la „Je weiter daneben, desto mehr Punkte“, und „Extrabonus für flache Ecken“). Und schon ist der Drops gelutscht. Zweistelliger Heimsieg, ab in die Winterpause, herrlich! „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit?“ Ich bin dabei!

Veröffentlicht in FC St. Pauli

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Über Gegengeraden-Gerd:

Gerhard von der Gegengerade, 55, ist seit 1910 Dauerkarten-Besitzer des FC St. Pauli.

Als leicht entflammbare Ein-Mann-Meckerecke regt er sich über das Geschehen am Millerntor und in der sonstigen Fußballwelt auf. Das Ergebnis veröffentlicht er hier und auf Twitter in wüsten Pamphleten zwischen Wahn (klar erkennbar) und Witz (möglicherweise unfreiwillig).

Nebenbei unterstützt Gerd die Stadionzeitung VIVA ST. PAULI als Fußball-Sachverständiger.