Wie ich lernte, die Bombe zu lieben

24. August 2011 von Gegengeraden-Gerd

Mo., 22. August 2011: FC St. Pauli – MSV Duisburg 2:1 (1:1)

Ich gebe zu, ich habe geschimpft wie ein Rohrspatz. Die aller-aller-allerletzten Sekunden im Spiel gegen Düsburg, Kalla passt genial in die tiefsten Tiefen, Daube kriegt die Pille im Düsburger Sechzehner -  und was fällt diesem Satansbraten ein?!

Ein QUERPASS. Wie erfrischend! Quer nach hinten links, anstatt einfach draufzuhämmern. Oh, wie ich diese Bälle liebe! Wie ich mich gefreut habe, wieder und wieder, in der 1. Liga! Wie ich sie beglückwünscht habe, unsere Fußballgötter, mit Gänseblümchengirlanden um meine Sprechblasen: zu ihrer Selbstlosigkeit, zu ihrer Toleranz für den Gegner! Toreschießen, wie ordinär – da stehen wir doch drüber!

Irgendwann kurz vor dem Abstieg hat sich die Freude dann vielleicht ein klitzekleines Bisschen abgenutzt. Irgendwie hab ich wohl ein paar tausend Querpässe zu viel gesehen im Oberhaus, und die Tabellenkrämer von DFB und DFL lassen halt leider nur die Bälle gelten, die wirklich im Netz landen.

Also habe ich Daube verflucht. Oh, wie ich ihn verflucht habe! Und wer mich kennt, weiß: Wenn ich erstmal Fahrt aufgenommen habe, schlägt meine FPM-Zahl (Flüche pro Minute) die Beats per Minute irgendwelcher Elektromusikschallplattenaufleger locker. Daube. Daube! DAUBE!

Und dann??? BARTELS!!!! Da kommt doch tatsächlich noch ein Braun-Weißer herangerauscht, in allerbester Schussposition, und Daube, Daube! DAUBE!!! Hat ihn gesehen, und Bartels hat getroffen, und alles fliegt auseinander, das ganze verdammte Stadion, und wir ham doch gerade erst neu gebaut, und die Gegengerade soll doch noch ein bisschen halten … Was soll’s, es war großartig.

Alles hüpft, alles schreit, und in diesem Moment war’s das alles wert, die ganze verteufelte Rückrundenhölle nach dem Derby, jedes verflixte Last-Minute-Gegentor, das wir fressen mussten. Und eine Stimme aus dem Unterbewusstsein, Abteilung für seltsame Vergleiche, flüstert mir leise zu:

Irgendwie stimmt das Wort Bombenstimmung. Man muss tief fallen, um richtig zu explodieren.

So was kann der Pazifist in mir natürlich nicht vertreten und bietet Vergleich Nummer 2 an, mehr so aus der Bioland-Ecke: Fast eine ganze Rückrunde waren meine Erwartungen wie Edelpilze auf dem Mulch der Enttäuschung gewachsen, gedüngt mit unglücklichen Niederlagen und vergeblichen Hoffnungen.

Nun war Erntezeit. Nun, am Montag, dem 22. August 2011, in der 90 plus 3. Minute, als ich mich längst mit einem 1:1 abgefunden hatte. „Wenn wir Glück haben und nicht wieder so nen verspäteten Sonntagsschuss kriegen und als Verlierer vom Platz schleichen“, dachte ich: Siegtor für die anderen, noch ein trotziges YNWA, Abgang. Wie unendlich oft war das schon so?

Auch diesmal haben wir “You’ll never walk alone” gesungen. Aber es war ein euphorisches YNWA, im Wissen, dass am Ende des Sturms tatsächlich ein goldener Himmel wartet, und der süße, silberne Gesang der Lerche. Das hatte ich zuletzt eher für Schlager-Schwachsinn gehalten.

Bis eben dieser Moment kam, der für alles entschädigte. Wir haben ihn uns verdient, auch in diesem Spiel gegen elf als Fischbrötchen getarnte Zebras. Schon beim Einlaufen der Mannschaften hab ich ja ein bisschen am Verstand des Schiedsrichters gezweifelt, denn wo bitte gibt es zwischen „Braun-Weiß, längs“ und „Weiß-Blau, Quer“ Verwechslungsgefahr? Oder wollten die Düsburger das so? Wo wir doch gerade 4:5 im Testspiel gegen Werder verloren hatten und sonst noch gar nicht in dieser Saison? Oder einfach Versteckspiel, von wegen „mit dem Rasen verschmelzen“ und so?

Tödliche Vergleiche

Könnte sein, denn die Duisburger waren verängstigt, und wenn ihr mich fragt: Wir haben sie ein Stück weit aufgebaut. Nach gutem Anfang zu lange gewartet. Zu wenig erschreckt. Einen Tick zu oft in Ruhe gelassen, kommen gelassen. Und natürlich mal wieder geschlafen kurz nach unserer Führung, als Schindler seine dritte Großchance flach und voll reingehauen hat, als wir sie am Boden hatten. Einmal kurz nicht aufgepasst , 1:1. Déjà-Vu, jippie.

Und dann haben wir die Nullstreifenzebras auch noch mutig bleiben lassen, denn ich würd jetzt nicht sagen, dass wir aus der Kabine kamen wie Schuberts wilde verwegene Jagd. Eher vorsichtig, beinahe tastend, ängstlich schauend, was die Grünen machen. „Ach du Scheiße“, ging mir so durch den Kopf, „jetzt vergleichst du unsere Jungs schon mit der FDP!“

OK, das war sicher zu hart. Aber das Spiel blieb politisch. Denn so allmählich ging das los mit der Kampagne „Kiezkicker gegen Rechts“. Was ich ja grundsätzlich super finde. Nur in diesem Moment mal nicht: Zeitweise haben unsere Jungs die rechte Platzhälfte dermaßen gemieden, als wäre die frisch vermint. (Um das Ding mit den geschmacklosen Vergleichen noch einen weiter zu drehen.) Links dagegen drängelten sich Braun-Weiß und Grün dermaßen eng, dass nach dem Pliatsikas-Platzverweis sogar zehn Grüne reichten, um elf St. Paulianer in Schach zu halten. Und wenn sie noch so sehr stürmten.

“Na halleluja”, hab ich gedacht, und uns überlegen und harmlos gefunden. Einen Tick zu berechenbar. Aber naja … Nach so was wie Bochum muss es ja auch mal wieder zurück zum Tagesgeschäft gehen.

Aber wer hätte das gedacht: Nervenstark waren unsere Jungs auch! Und niemand war nervenstärker als Dennis Daube in diesem einen, magischen Moment. Dem Moment, als ich ihn in Grund und Boden fluchte.

Also sorry, Dennis! Stattdessen jubele ich innerlich jetzt immer noch und lästere stattdessen ein bisschen über den Düsburger Torwart im Hollandtrikot. Der war zwar gut, aber nach dem Spiel zeitweilig etwas von der Rolle: Was denn die drei Minuten Nachspielzeit sollten, hat er die Presse gefragt.

Ja, hmm… Was die wohl sollten? Könnte ein bisschen mit dem legeren Tempo zu tun haben, das auf MSV-Seite gepflegt wurde. Zeitweilig hab ich gedacht, dass da nur noch ein Feldbett im Strafraum fehlte. „Ein Bett im Spielfeld, das ist immer frei“ und so.

Aber na gut. Bei dem Krach in der 93. hätte Herr Fromlowitz eh nicht schlafen können.  Und viel lieber sing ich: „90 Minuten sind lang …“

Fotos:

Der Spanier (Titel “Addicted”), www.stefangroenveld.de (Konfetti-Inferno, “Spitzenreiter”, Abendhimmel)

Zum Weiterlesen, -schauen und -hören:

Audioreportage von Wolf Schmidt (AFM-Radio)

KleinerTod: “Flutlichtsieg trotz Montagsspiel” (Bericht + Bilder) 

Stefan Groenveld: “90 Minuten sind lang” (Bildergalerie + Kurzbericht) 

Spielbericht vom Übersteiger

Magischerfc.de: “Das ist die perfekte Welle”

Pathos’ Blutgrätsche: “Das Glück des Tüchtigen

Spielverlagerung.de: Spielbericht (mit extra viel Taktik!)

Fußball von links: “Wenn der Himmel brennt”

Minute-by-Minute-Spielberschreibung von Forums-User wfrosch

USP-Bildergalerie

Bildergalerie auf fcstpauli.com

Spielbericht auf fcstpauli.com

Spielbericht auf kicker.de



 

Veröffentlicht in FC St. Pauli

3 Antworten

  1. KleinerTods FC St. Pauli Blog

    [...] Und wer bis hierhin nicht nur die Bilder sich angesehen, sondern auch den ganzen Text gelesen hat, braucht vielleicht noch mehr. Sehr lesenswert ist http://www.gegengeraden-gerd.de/fc-st-pauli/wie-ich-lernte-die-bombe-zu-lieben/.…]

  2. Gegengeraden-Gerd: Jetzt rede ich! » » Energiewende

    [...] mir was auffällt: Aachen, 3:1, schön spät „den Sack zu“? Duisburg, 2:1, der ultimative Last-Minute-Sieg? Und jetzt das hier? Das kann weder Zufall noch Wahnsinn [...]

  3. Gegengeraden-Gerd: Jetzt rede ich! » » Wermaulwurf

    [...] Ich mach das ja schon ein paar Jahre hier, und allmählich frag ich mich, was aus mir werden soll. Nehmen wir zum Beispiel das Karlsruhe-Spiel, auch wenn’s schon ein bisschen her ist: Nicht mal das tollste, und nicht halb so spektakulär wie die Aufholjagden gegen München und Düsburg. [...]

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Über Gegengeraden-Gerd:

Gerhard von der Gegengerade, 55, ist seit 1910 Dauerkarten-Besitzer des FC St. Pauli.

Als leicht entflammbare Ein-Mann-Meckerecke regt er sich über das Geschehen am Millerntor und in der sonstigen Fußballwelt auf. Das Ergebnis veröffentlicht er hier und auf Twitter in wüsten Pamphleten zwischen Wahn (klar erkennbar) und Witz (möglicherweise unfreiwillig).

Nebenbei unterstützt Gerd die Stadionzeitung VIVA ST. PAULI als Fußball-Sachverständiger.