Von Ewigkeit zu Ewigkeit

29. Januar 2010 von Gegengeraden-Gerd

Sa., 23.01.2010, 13:00: FC St. Pauli – Alemannia Aachen 1:0 (1:0)
Fr., 29.01.2010, 18:00: MSV Duisburg – FC St. Pauli 0:2 (0:2)

Abflug! (Foto: Norbert Harz)

Kann mir mal einer sagen, was ich mit den ganzen Kompaktpferden anfangen soll? Wir schreiben 2010, plötzlich ist das Leben ein Ponyhof, und vor lauter Wiehern im Wohnzimmer würd ich nen zünftigen Trauermarsch gar nicht mehr hören können, wenn ich doch mal Anlass hätte, einen aufzulegen.

Was fressen die Viecher überhaupt? Brauchen die Schneeketten draußen? Und wie ist das mit der Wartung? Das sind eben so Fragen, da hat man als St. Pauli-Fan historisch gewachsen ja überhaupt keine Ahnung von. (Sogar nen neuen Stadionrasen wollen die jetzt kaufen. Und nicht als Ponyweide, sondern zum Fußballspielen!) Da muss schon das Wetter mitmachen, damit man wenigstens noch so’n bisschen leiden kann für sein Geld.

Das geht ja auch um Lebenszeit. Muss man ja auch mal bedenken: Wenn die da eine Chance nach der anderen zelebrieren und wie warme Messer durch Gegners Abwehrbutter fahren wie in der ersten Hälfte zu Duisburg – ja, da vergeht die Zeit doch wie im Fluge! Da altert man doch schneller! Das ist doch bestimmt irgendwie gesundheitsschädlich!

Besser dagegen das Modell Aachen, Halbzeit zwo: Minus 50 Grad, da hält man schon wegen der Temperaturen länger, Prinzip Tiefkühlkost. Und dann noch hübsch spannungsloses Gegurke: So fühlt sich die Ewigkeit an. Man lutscht sein gefrorenes Bier und ist mit jedem Stück Astra ein bisschen näher an der Unsterblichkeit. Es lebe der Entschleunigungstee in der Halbzeitpause!

Wobei das natürlich auch so Leute gibt, die sagen: Also ich für meinen Teil, ich lebe ja lieber glücklich als ewig, und wenn ich da noch ein, zwei Ponys am Start habe zum In-den-finalen-Sonnenuntergang-Reiten, ja, das ist doch eigentlich gar nicht so schlecht.

Und dann schwärmen die, als wär schon Frühling: Von einem bisschen Geschiebe am eigenen Strafraum, von so einem bisschen den Gegner kommen lassen, gerade so, dass der denkt, er dürfte auch mitmachen bei diesem Auswärtskick im Matsch, gerade so, dass dem komischen Zebra-Maskottchen das Lächeln nicht schon in den ersten fünf Minuten vor Entsetzen gefriert.

Und dann vom langen Ball auf Rothenbach, der so ansatzlos kommt, dass es bald arrogant wirkt, vom Zurücklegen auf Naki, und von einem dieser Bälle, die man wie in Zeitlupe sieht, weil man ahnt, was kommt, weil man die Vorfreude schon fühlen kann, weil man am liebsten mitfliegen würde und rausgucken auf die hilflosen Gegner im Strafraum, auf den Zwischenlandeplatz „Ebbers International“, und dann gleich weiterfliegen, in die Maschen, zu einem der mühelosest wirkenden Treffer der Vereinsgeschichte, zum furiosen Auftakt einer fast perfekten Halbzeit mit Chance um Chance und Angriff um Angriff …

So gesehen könnt man natürlich sagen, dass eine Halbzeit, die so gut ist, dass man sie wieder und wieder in Zeitlupe träumen möchte, bloß um nix davon zu verpassen, so ganz vielleicht, so höchst hypothetisch, so ganz und gar unwahrscheinlich (aber könnte ja doch sein) auch ein Stückchen Ewigkeit darstellt… Mein Gott, sind ja ganz neue Perspektiven!

Wenn das so weitergeht, schreib ich nur noch Hymnen. Natürlich im Countrysound. Passt besser zum Ponyreiten.

Veröffentlicht in FC St. Pauli

Eine Antwort

  1. Stefan

    Toll geschrieben – danke!

Deinen Senf dazugeben? Man zu!

Achtung: Kann nen Moment dauern, bis dein Kommentar online zu sehen ist - büdde nich' ungeduldig werden!

Über Gegengeraden-Gerd:

Gerhard von der Gegengerade, 55, ist seit 1910 Dauerkarten-Besitzer des FC St. Pauli.

Als leicht entflammbare Ein-Mann-Meckerecke regt er sich über das Geschehen am Millerntor und in der sonstigen Fußballwelt auf. Das Ergebnis veröffentlicht er hier und auf Twitter in wüsten Pamphleten zwischen Wahn (klar erkennbar) und Witz (möglicherweise unfreiwillig).

Nebenbei unterstützt Gerd die Stadionzeitung VIVA ST. PAULI als Fußball-Sachverständiger.