Verkleidetes Abseits

20. Februar 2008 von Gegengeraden-Gerd

Fr, 01.02.2008, 18:00: 1. FC Köln - FC St. Pauli 1:1 (0:1)

Na super, denk’ ich. Zum Karneval nach Köln. Das kann unmöglich gut gehen. Und dann noch die Vorbereitung – 2:2 gegen Hannover. Wo bleibt da die verkorkste Generalprobe? Selbst die neue Südtribüne ist weder eingestürzt noch geklaut worden, und wenn ich eines definitiv als böses Omen erkenne, dann natürlich ein gutes Omen, wofür bin ich schließlich St. Pauli-Fan?

Kurz und gut: Es hat ein oder zwei Gelegenheiten in meinem Leben gegeben, die ich optimistischer angegangen bin als dieses Auswärtsspiel. Selbst mein absolut voraussehbares Schicksal als nasser Sack beim Versuch einer Riesenfelge anlässlich der Bundesjugendspiele ‘67 hat mich positiver in die Zukunft blicken lassen als der sichere Untergang bei einer Horde Alaaf schreiender Frohsinnsterroristen.

Und dann das: Schon richtig, Karneval in Köln, jaja – aber das hier ist neu: Der FC St. Pauli nutzt den Mummenschanz-Faktor als strategischen Vorteil und verkleidet sich einfach als Champions-League-Teilnehmer! Zuckerpässe, Übersteiger, Fußballgötter allesamt! Nicht wiederzuerkennen, die Bande! An die Wand gespielt die deprimierte Prinzengarde, in trübem Moll plätschert der Narrhalla-Marsch – Stani, du alter Fuchs! Was für ein raffiniertes Manöver!

Ich also völlig aus dem Häuschen. Karnevals-Schutzschild aus, Zweckpessimismus verdrängt bis weit unter die Grübellinie. Schon feilsche ich mit meinem Nebenmann, wer von uns nach dem Spiel der feschen Schiedsrichterin Bibiana einen Heiratsantrag macht, und ob er dabei die fiese Stoiber-Maske vom Greuel-Julklapp aufsetzen muss – da macht der Wahnsinn das, was er immer tut, und schlägt zurück.

Kann mir richtig vorstellen, wie das gewesen sein muss: „He, Abseits“, ruft der Eckball. „Schon wieder nicht verkleidet, du Spaßbremse?“ Das hätte man Abseits nicht sagen sollen. Schon immer war es neidisch auf den beliebten Eckball. Was die da alle trieben: Schlüssel klappern, Hooooooey- Rufen und so. „Diesmal nicht!“, sagte sich also das Abseits. „Diesmal bin ich nicht ‚Bu!‘, sondern HURRA! Diesmal gehe ich als TOR.“

Leider hat Bibiana für einen Moment vergessen, dass Karneval ist. Und hat das verkleidete Abseits anerkannt. 1:1. Das mit dem Heiratsantrag überlege ich mir lieber nochmal.

Veröffentlicht in FC St. Pauli

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Über Gegengeraden-Gerd:

Gerhard von der Gegengerade, 55, ist seit 1910 Dauerkarten-Besitzer des FC St. Pauli.

Als leicht entflammbare Ein-Mann-Meckerecke regt er sich über das Geschehen am Millerntor und in der sonstigen Fußballwelt auf. Das Ergebnis veröffentlicht er hier und auf Twitter in wüsten Pamphleten zwischen Wahn (klar erkennbar) und Witz (möglicherweise unfreiwillig).

Nebenbei unterstützt Gerd die Stadionzeitung VIVA ST. PAULI als Fußball-Sachverständiger.