Unheimlich heilig
So., 01.03.2009, 14.00 Uhr: TSV 1860 München - FC St. Pauli 5:1
Kleiner Gedanke für alle, die sich nach dem einen oder anderen Spiel fragen, ob das hier noch Fußball ist: Auch ein Rehpinscher und ein Bernhardiner haben auf den ersten Blick wenig gemeinsam. Und trotzdem gehören beide zur Spezies „Hund“. Sie könnten sich sogar miteinander paaren, wenn sie wollten, was allerdings eher ungelenk aussieht. Womit wir beim letzten Auswärtsspiel des FC St. Pauli wären.
Bei dem mir noch ganz andere Viecher einfallen: Löwen. Arena. Da war doch was? Richtig: Vor einer langen Zeit, in einer Galaxis gleich um die Ecke (es könnte sogar unsere gewesen sein), gefiel sich ein mächtiges Imperium darin, ab und zu missliebige Bevölkerungsgruppen den Raubkatzen zum Fraß vorzuwerfen; öffentlich, zur Unterhaltung.
Das Endergebnis war meist ein Punktsieg für die Löwen. Wenn auch selten ein so deutlicher wie der des TSV 1860 München vom Sonntag. Was daran liegen könnte, dass zu Römerzeiten selbst unfreiwillige Gladiatoren die angebotenen Hilfsmittel – Zahnstocher, Kuchengabeln; was immer den Spaß etwas verlängerte, ohne den Wunsch-Ausgang zu gefährden – intensiv nutzten, um dem hungrigen Getier tüchtig einen mitzugeben, ehe sie sich verspeisen ließen.
Kann man vom Umgang der Kiezkicker mit dem zu München angebotenen Ball nicht sagen. Im Gegenteil: der Sprung unter demselben hindurch, statt ihn per Kopf in Richtung des gegnerischen Territoriums zu wuchten, wurde gleich mehrfach dargeboten. Genauso wie das Umtänzeln desselben, gern auch in Dreierformation: Leichtfüßig wie Ballett. Und genauso wirksam als Nahkampftaktik.
Ich sach nur: 76. Minute. Sechster Eckball München. Frei wie ein Vogel segelt der Ball auf den kurzen Pfosten zu, schwerelos und weiß, andächtig verfolgt von den Blicken der braun-weißen Rasengemeinde. Fast meint man, sie ein leises „La Paloma“ anstimmen zu hören. Wer will schon einen so erhabenen Moment durch plumpe Abwehrgesten ruinieren?
Es kommt, wie es kommen muss: Der Wind des Lebens, verkörpert durch den Münchner Hoffmann, treibt La Paloma ins Netz hinein. 5:1. Einmal muss es vorbei sein, Gott sei Dank.
Da war er wieder, der seltsamste Heilige des Fußballs: Gestatten, Pauli, Vorname Sankt. Spezialgebiet: Wiederbelebungsmaßnahmen. Eint noch den zerstrittensten Gegner und macht Lahme vor Freude über die eigene Wunderkraft nicht nur gehend, sondern verleiht ihnen Flügel. So wie Münchens zweiterfolgreichstem Fußballverein, der eine Woche zuvor noch 1:4 gegen den MSV Duisburg untergegangen war und sich dermaßen erfolgreich selbst zerfleischte, dass selbst die Metzel-verwöhnten Römer das ohne weiteres in ihr „Brot und Spiele“-Programm aufgenommen hätten.
Der heilige Sankt Pauli. Was hatten wir gehofft, dass diese mythische Gestalt irgendwohin ausgewandert wäre, hinweggewandelt über die Wasser der Elbe, des Meeres, des Ozeans – meine Fresse, sowas kann man doch in diesen Kreisen!
Denn hatte nicht eine Woche zuvor der sonst so heilige Verein in geradezu hinterlistiger Manier einen harmlosen Gegner, der auch noch in Unterzahl geriet, ruchlos dahingemeuchelt? Mit kaltblütig herausgeholten Elfmetern und mitleidlosen Kopfballgeschossen?
Wer weiß - vielleicht geht das nicht, auswärts. Und dann noch in katholischen Gegenden. Da wird St. Pauli wieder unheimlich heilig. Ehrlich gesagt: Heimlich unheilig wäre mir lieber.
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Veröffentlicht in FC St. Pauli

3. März 2009 um 14:54
Sehr schöner bericht wieder mal. vielen dank für deine mühen.
3. März 2009 um 23:34
Ich lese ja immer wieder gerne hier.
5. März 2009 um 23:39
Super beschrieben, wie immer. Rostock hat übrigens auch Probleme…..oh,oh…
6. März 2009 um 12:51
@Jekylla: Danke, umgekehrt auch so!
@Antony1987, Michael: Gern geschehen, danke für euer Lob! Bin mal gespannt, was die Vögel heute Abend wieder anstellen. Hand auflegen für Hansa? Hoffentlich nicht!
9. März 2009 um 12:41
[...] Das Grauen ist verjagt, die Leidenschaft zurück. Keine Spur vom sanften Fußball-Heiligen Sankt Pauli, der noch den kaputtesten Gegner aufbaut. [...]
16. März 2009 um 17:48
In eigener Sache: Danke an die Person, die diesen Artikel über folgende nicht zu überbietende Google-Anfrage gefunden hat:
“wann darf man rehpinscher paaren”
Das hat meinen Tag erst richtig gemütlich gemacht!
22. März 2009 um 20:38
[...] Und so geschah’s: Grünes Männchen tankt sich durch bis zu unserer Torlinie. Flanke nach links, Schuss nach vorn: drin. Unsere Abwehr? Widerstandslos wie eine Erdmännchen-Kolonie vor nem Borg-Kollektiv. „Widerstand ist zwecklos“? Glaub ich nicht. Aber vielleicht wäre er nicht nett genug gewesen für Sankt Pauli. [...]
7. April 2009 um 13:42
[...] Wär das nicht eine unheimlich tolle Sache zum Retten? Müssen es wirklich immer Abstiegskandidaten sein? [...]
19. Januar 2010 um 21:48
[...] Vu. Die, deren Namen die Franzosen rufen, wenn sie das komische Gefühl haben, irgendwas nu aber wirklich schon mal erlebt zu haben irgendwo, [...]