Traumquote mit der Goliathwache (oder: Das hier ist Fernsehen)

20. April 2012 von Gegengeraden-Gerd

Wenn der Schutzmann ums Eck kommt … (Illustration: Der Übersteiger)

Sehr geehrte ARD, liebe Programmdirektoren,

vergessen Sie die Davidwache. Hier kommt die Goliathwache!

Und für Sie die einmalige Chance, endlich wieder was zu bestellen mit ihrem abstiegsgefährdeten Vorabendprogramm.

Lassen Sie sich das nicht zu sehr auf der Zunge zergehen, denn Sie werden sie noch zum Schnalzen brauchen: Ein Kultclub. Ein Stadion. Fußball, Dramen, Totenkopffahnen. Eine Tribüne voller herrlich verrückter Freibeuter. Und direkt unter ihrem Hintern: der größte Stadion-Polizeipalast Europas.

Glauben Sie nicht? Wird gerade gebaut! Die neue Gegengerade am Millerntor! 10.000 Stehplätze. 3000 Sitzplätze. 570 Quadratmeter für Fanräume. Und gut 600 für ein Polizeirevier.

Und zwar nicht irgend so ne Krümmels-Stadionwache wie in jeder X-beliebigen Arena. Dieses Baby ist nicht nur während der Spiele besetzt! Stattdessen „Rund um die Uhr, Tag für Tag!“ Mindestens, wenn Dom ist. Und das ist in Hamburg bekanntlich fast immer.

Na, Groschen gefallen? Hier kommt Ihr Großkultrevier!

„Wir waschen uns nie – St. Pauli!“ ist Geschichte! Die Zeit der Seifenopern beginnt.

Wenn der Schutzmann ums Eck kommt,

Nimmt der Ultra reißaus.

Weil der Ultra den Schutzmann nicht mag …

Links der Fanladen in seinen herrlichen neuen Räumen, rechts die Goliathwache in neubarocker Pracht, dazwischen nur wenige Meter Abstellraum: Da sind Spiel, Spaß und Spannung garantiert!

Und Sie wissen doch bestimmt aus der Presse (Melodie zum Mitsingen hier):

Ultra fischt gern im Trüben

Und der Schutzmann treibt’s ihm aus.

Rund um die Uhr, Tag für Tag …

(Sie können gern auch „Fußballfan“ oder „Schlachtenbummler“ statt „Ultra“ singen. Bei mir passt dann bloß das Versmaß nicht. Aber Sie haben bestimmt bessere Reimschmiede am Start.)

OK, Pilotfolge. Benutzen Sie einfach Ihre Fantasie: Der letzte Kran ist noch nicht ganz abgebaut. Feiner Staub bedeckt die neuen Sitzschalen. Gelangweilt schiebt Kult-Platzwart Tito Killefitz die Kalkmaschine am Rasenrand vorbei. Plötzlich ein mächtiger Schatten: Bibo Bärenstark, harte Schale, weicher Kern, der behaarte Arm des Gesetzes, gespielt von, sagen wir, Jan Fedder, auf dem Weg zu seiner letzten Mission. Dem neuen Revierleiter der Goliathwache stehen turbulente Tage bevor. Er wird alles erleben, was Fernsehen Fernsehen macht.

Drama: Saisonauftakt gegen den MSV Hoppenhausen. Plötzlich ein Raunen. Der mächtige Mäzen der Gäste wird von einer Kassenrolle niedergestreckt. Wer ist der Täter? Bibo Bärenstark hat da schon so einen Verdacht. Gut getarnt mit Kutte und falscher Vokuhila, hat er ein Auge auf den Fanräume-Eingang. Kurz nach dem Spiel ist es so weit: Als ein völlig aufgelöster junger Mann „Es war ein Versehen! Es war ein Versehen!“ stammelnd nach dem Weg zum Fanladen fragt, schickt ihn das liebenswerte Schlitzohr einfach eine Tür weiter. Großes Hallo bei der Reviermannschaft der Goliathwache.

Action: Weil der Vorsänger einer Fangruppe es an Respekt mangeln lässt, als er Transparente schleppend aus dem Lagerraum zwischen Fanräumen und Wache kommt, nimmt Bibo ihn kurzentschlossen hops: Wenn nicht er der Jugend beibringt, wie man anständig grüßt, wer dann? Der Showdown folgt auf dem Fuße: Eine zu allem entschlossene Meute Radaubrüder hält den Eingang der Goliathwache besetzt. Cops gegen Krawallmacher, Spartaner gegen Athener, es ist wie bei 300, Film gesehen? Rest der Folge können Sie sich vorstellen. (Genug Filmblut budgetieren!)

Emotionen: Der kleine Paul ist ein aufgeweckter Bursche. Er mag St. Pauli und Gitarrenmusik. Seit Jahren hält Paul ein unaufgeräumtes Kinderzimmer im Hafencity-Loft seines Papas besetzt. Auf einem Bummel über den Hamburger Dom entdeckt er an einem Krimskrams-Stand eine Fahne mit Polizeistern drauf. Die findet Paul so toll, dass er sie an einen Besenstiel nagelt und mit zu seinen Freunden am Millerntor nimmt. Weil der brummige Bibo und seine Crew das Herz der Gegengeraden längst im Sturm erobert haben, findet Pauls Idee rasch Nachahmer. Bald weht ein Meer aus Polizeifahnen am Millerntor. T-Shirts werden bedruckt, Quietscheentchen bemalt. Das Herz von St. Pauli hat eine neue Heimat.

Na, überzeugt? Wo das herkommt, ist noch mehr! Bürostuhlrennen à la Ben Hur! Ein Holodeck wie bei „Star Trek – Die nächste Generation!“ Knisternde Flirts im Wellness-Bereich! Gefangenenaufstand in der Sicherheitsverwahrung! Es gibt nichts, was man auf 600 Quadratmetern nicht tun könnte.

Und wenn Sie wollen, können Sie sogar Talkshowelemente einbauen. Gequatscht wird auf der Gegengerade genug. Ich weiß, wovon ich rede.

Nur über die neue Goliathwache – über die wird so gut wie nicht geredet. Bei so wenig Widerspruch wird das Ding gebaut, da können Sie Quotengift drauf nehmen!

Also: Sie sagen dem Fedder Bescheid, ich schreib schon mal ein paar Drehbücher. Und dann sehen wir uns nach der Sommerpause zum Ortstermin im Großkultrevier. Deal?

Große Banner, kleine Pyros,

mal Fußball, mal nicht,

hier im Großkultrevier …

Große Sünden, kleine Schädel,

das wahre Gesicht,

zeigt sich hier im Großkultrevier.

Mit musikalischen Grüßen,

Ihr Gerhard von der Gegengerade

 

Zum Weiterlesen: Blaulight Express oder mehr Mehrwert für die Goliathwache

Veröffentlicht in FC St. Pauli

11 Antworten

  1. Much

    Also ich lese ja wirklich fast alles von dir, aber das ist einer der geilsten Beiträge aller Zeiten – RESPEKT!!!

  2. andrepascal

    Ich lache; und weine auch!

  3. Gefahrengebietsdemonstrationsverlierer | Übersteiger-Blog

    [...] keine Ahnung von wem) Einen Grund zum Lachen in dieser Situation bietet auf jeden Fall Gegengeraden-Gerd mit der “Goliath-Wache”. Ich freue mich übrigends schon sehr auf Tante Kriemhilds Bericht am Montag. Print PDF [...]

  4. #fcsp Der spinnt der Gerd! Fedder & die Goliathwache « Quotenrock by QuoteniRud.us

    [...] Was geht? Der Gerd will uns in diesen aufregenden Momenten vor dem Koggen- Clash ein wenig zerstreuen, hat was von ‘ner Polizei-Stadionwachenserie am Heiligen Geistfeld geschrieben:Traumquote mit der Goliathwache (oder: Das hier ist Fernsehen). (…) Und dann: Fedder, Fedder, Fedder! Jan Fedder als Bibo Bärenstark. Ehrlich! Dann tret ich aus, aus diesem Verein GEZ, wenn die das so besetzen da, die ARD oder so. Wieso schlägt der Gerd denn den Fedder vor? [...]

  5. Rummel Rummel Rusch, de Bulle sit in Busch | It's a kind of magic | SPNU - St. Pauli News & Social Club |St. Pauli NU*

    [...] “‘Wir waschen uns nie – St. Pauli!’ ist Geschichte! Die Zeit der Seifenopern beginnt.” Schreibt Gegengeraden-Gerd in seiner beachtlichen Parabel auf das neue Großstadtrevier am Millerntor. Und mir wird so unbehaglich, wie lange schon nicht mehr [...]

  6. Jekylla

    Was für ein großartiger Text!

  7. U. F. O. Sankt Pauli - offizieller Fanclub des FC St. Pauli von 1910 e. V.

    :-) klasse geschrieben, zum lachen, nachdenken und auch zum heulen – ich war so frei, einen Link zu dieser Seite auf unserem Facebookprofil zu posten… weiter so! Gruß Steve :-)

  8. Nevergiveup

    klasse Artikel, vielen Dank!
    2te Strophe :)
    ich wollt nie ins fernsehen,
    doch es sieht wohl danach aus,
    weil ich in ihren Augen nur Störenfried bin.
    Ich könnt nur noch kotzen,
    doch es kommt nix mehr raus,
    wo sind Notwendigkeit und Sinn?
    Große Knüppel, blutge Nasen
    ob Spieltag, ob nicht,
    so wirds hier im neuen Revier…
    doch wir werden uns wehren,
    im Dunkeln, bei Licht,
    so wirds erst lustig im neuen Revier….

  9. 11 Freunde

    »Vergessen Sie die Davidwache. Hier kommt Ihr Großkultrevier!«, schreibt etwa Gegengeraden-Gerd in seinem satirischen Text »Traumquote mit der Goliathwache«. Und auf dem Blog stpauli.nu schreibt der Autor vom »Finale des Mythos der Gegengerade. (…) Vergleichbar mit einer Roten Flora mit Schüco-Fenstern und Starbucks-Filiale«.

  10. Der Verein am Wochenende (37/2012) und die Goliathwache | Übersteiger-Blog

    [...] jetzt noch zum Thema der letzten Tage, die Goliathwache ((c) by Gegengeraden-Gerd). Hier das Positionspapier der Fanszene:, sowie der Link zur (inzwischen schon recht umfangreichen) [...]

  11. » Magischer FC

    [...] bester Blogeintrag fremder Blogger: die Goliathwachen-Artikel von Gegengeraden-Gerd [...]

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Über Gegengeraden-Gerd:

Gerhard von der Gegengerade, 55, ist seit 1910 Dauerkarten-Besitzer des FC St. Pauli.

Als leicht entflammbare Ein-Mann-Meckerecke regt er sich über das Geschehen am Millerntor und in der sonstigen Fußballwelt auf. Das Ergebnis veröffentlicht er hier und auf Twitter in wüsten Pamphleten zwischen Wahn (klar erkennbar) und Witz (möglicherweise unfreiwillig).

Nebenbei unterstützt Gerd die Stadionzeitung VIVA ST. PAULI als Fußball-Sachverständiger.