Torahnung

2. November 2011 von Gegengeraden-Gerd

Fr., 28. Oktober 2011, 18 Uhr: Union Berlin – FC St. Pauli 0:2 (0:0)

Ich hätte es wissen müssen. Überraschungseier sind schließlich auch braun-weiß. Aber ich hatte ein gutes Gefühl. Also bin ich nicht gefahren. Nichts ist gefährlicher als ein gutes Gefühl! Jedenfalls bei mir.

Wenn ich sage: „Baut Euer Zelt da drüben auf, ist ’n super Platz“, dann trampelt da bestimmt zwei Stunden später ne Elefantenherde drüber. Und wenn’s in Nordfriesland ist! Darum bin ich skeptisch, wenn ich Torahnungen habe. Wie vor Berlin.

Böse Torahnung! So ein Pochen im Untermagen: einmal, zweimal – einmal, zweimal. Immer wieder. Untermagen, das ist, wo bei mir die Euphorie gärt. Darum also: gutes Zeichen. Übersetzt: schlechtes Zeichen. Sehr schlecht! Denn das ging ja nicht irgendwo hin. Das ging nach Berlin-Köpenick.

Untermagen, das ist, wo bei mir die Euphorie gärt. Darum also: gutes Zeichen. Übersetzt: schlechtes Zeichen.

Union Berlin! Synonym für: großartiges Stadion, großartige Stimmung, große Enttäuschung. Letzter Auswärtssieg: 1994. Im DFB-Pokal! Erste Runde! Da war Hollerbach noch St. Paulianer und selbst ich beinah jung.

Für die zweite Pokalrunde hatte ich damals übrigens kein gutes Gefühl. Zum Glück: Wir kamen bis ins Viertelfinale. Und stiegen trotzdem auf!

Seitdem war nix mehr zu holen in Köpenick. Und darum: Kopfbefehl gegen Bauchgefühl. Keine Ausrede fürs Familienfest. Kaffeetrinken bei Tante Kriemhild statt Fußballzauber mit Onkel Kruse.

Kaffeetrinken bei Tante Kriemhild statt Fußballzauber mit Onkel Kruse.

Was sich übrigens ein bisschen so anfühlte wie der Heimkick gegen den FSV Frankfurt: Gemütlichkeit. Baden im güldenen Sonnenschein. So was nenn ich solare Heimspielzersetzung! Das Ergebnis kennen wir ja: mehr Traumschiff als Piratenschiff. Bis auf hinten raus. Da war’s eher „Derrick“. Vollkommen überflüssigerweise!

Ein Grund mehr, meinem guten Gefühl für Berlin zu misstrauen. Selbst beim Kaffeetrinken wollte ich keine Zwischenergebnisse wissen. Zwischendurch, kurz nach 18 Uhr, wieder Körpergefühle: Zickzackzick – ein „Zorro-Z“-förmiges Ziehen zwischen Blinddarmnarbe und Bauchnabelregion. Verdammt, bestimmt das erste Gegentor!

So was wie gegen Frankfurt nenn ich solare Heimspielzersetzung!

Von wegen. Nach dem Spiel hält mir mein nerviger Nerd-Neffe sein Smartfon unter die Nase. 2:0 für uns. Naki! Thorandt!! Ekstase !!! Mir wären beinahe die Augen in den Bienenstich gefallen.

Später zu Hause dann Euphorie-Archäologie. Auf den Spuren einer längst untergegangenen 90-Minuten-Zivilisation. Die Nase am Bildschirm als wär’s das Sichtfenster der Taucherglocke auf dem Weg nach Atlantis. Der Mund weit offen.

Die 8. Minute: Zickzackzick – zorromäßiges Flachpassflorett in der Berliner Hälfte! Schnell, genial, kühn. Waren das die Traumschiff-Urlauber vom letzten Heimspiel?

Schnell, genial, kühn. Waren das die Traumschiff-Urlauber vom letzten Heimspiel?

Die Erklärung für mein blinddarmregionales Ziehen am Kaffeetisch hatte ich damit. Nur für meine pochende Torahnung noch nicht. Meister Bartels wollte beim Abschluss der „Zorro-Kombination“ wohl die Spannung ein bisschen erhalten. Knapp vorbei ist auch daneben!

In der zweiten Hälfte war es dann so weit: Braun-weiße Lehrstunde! Für Union und für mich! Gegner und alle Gewissheiten zerschmettert!

Was für ein herrlicher Frust. Ich geh jetzt erstmal Überraschungseier kaufen. Passt ja bestens zur Jahreszeit. In zwei Wochen stehen bestimmt Osterhasen im Regal. Wundern würd ich mich das überhaupt nicht. Jetzt nicht mehr.

Fotos: Antje Frohmüller. Vielen Dank, dass ich deine Bilder verwenden darf, Antje!

Zum Weiterhören, -lesen und -schauen:

Mehr sehenswerte Bilder von Antje Frohmüller. Und die wieder mal hörenswerte Audioreportage von Wolf Schmidt (AFM-Radio).

Ich hoffe wirklich, Bartels bleibt die Abschlußstärke eines Platzwarts erhalten, ansonsten würde ihn uns Barca schnell wegkaufen.
(blog.uebersteiger.de)

“So soll es sein:” Glaub ich sofort, lieber Übersteiger. KleinerTod auch in Berlin “so nah, als wär man da”. Der Norden auf Rädern treibt “Team Green” basisdemokratisch zur Verzweiflung. Turus.net lobt die braun-weiße “Topform im Fanblock und auf dem Rasen”,  UNVEU und Union Foto-Hupe haben ein paar sehr schöne Bilder, auch von unserem Block, und “Blutgrätsche Deluxe” ne kleine Presseschau zum Spiel.

Auffällig war, wie geschickt St. Pauli den Ball in den eigenen Reihen hielt und wie wenig Union dagegen ausrichten konnte.
(Tagesspiegel, Berlin)

Veröffentlicht in FC St. Pauli

2 Antworten

  1. Tägliche Presseschau des magischen FC, 03.11.2011 | Blutgrätsche Deluxe

    [...] Gegengeraden Gerd [...]

  2. Gegengeraden-Gerd: Jetzt rede ich! » » Klettfußball

    [...] Ich hatte ein schlechtes Gefühl [... was laut Gerd ja eigentlich gut sein müsste, aber Gerd genießt halt die Gegensätze, d. Red.] [...]

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Über Gegengeraden-Gerd:

Gerhard von der Gegengerade, 55, ist seit 1910 Dauerkarten-Besitzer des FC St. Pauli.

Als leicht entflammbare Ein-Mann-Meckerecke regt er sich über das Geschehen am Millerntor und in der sonstigen Fußballwelt auf. Das Ergebnis veröffentlicht er hier und auf Twitter in wüsten Pamphleten zwischen Wahn (klar erkennbar) und Witz (möglicherweise unfreiwillig).

Nebenbei unterstützt Gerd die Stadionzeitung VIVA ST. PAULI als Fußball-Sachverständiger.