Teilchenbeschleuniger

8. April 2010 von Gegengeraden-Gerd

 

So., 28.03.2010, 13:30: FC St. Pauli – Hansa Rostock 2:0 (1:0)
Mo., 05.04.2010, 20:15: Fortuna Düsseldorf – FC St. Pauli 1:0 (0:0)

Und es gab ihn DOCH: Spuk am Riesenrad gegen Rostock (Foto: Antje Frohmüller)

Wenn Ihr mich fragt: Fußball und Elementarphysik ist doch eigentlich dasselbe. Kann man unendlich über philosophieren, und ob das am Ende dann stimmt, was die Experten sagen, ist Ansichtssache.

Die Sachen, über die am heißesten diskutiert wird, sind eh die unsichtbaren: Da ham Schein-Abseits und Graviton doch ne ganze Menge gemeinsam (wobei: neulich hab ich gelesen, dass die Physiker nach nem Hicks-Teilchen suchen oder so – also das ist im Fußball definitiv längst nachgewiesen; 1:0 für die Rasen-Universität, schönen Dank an das Schankpersonal und ein Hoch auf den ungebremsten Zusammenstoß von Prosit-Tron mit Prosit-Tron).

Um mal ’n bisschen Butter bei die Fische zu kriegen, konstruiert man dann millionenteure Weltwunder aus Stahl, Beton und Plastik, in denen Sachen durch die Gegend geschossen werden. Die heißen dann Stadion, Arena oder Teilchenbeschleuniger, und was später rauskommt beim jeweiligen Experiment, lässt sich vorher nicht ahnen. Dafür schreiben da aber wieder ganz viele Leute drüber.

Doch, doch: Fußball ist eine einzige Teilchenkollision. Das Runde und das Eckige, das Leder und die Latte, die Birne von Retov und das Kinn von Fabian Boll. Dann macht das „Radomms“, ein völlig neues Teilchen schwebt im Raum, und die Fachwelt ist baff. Besonders wenn das neue Dingsbums knallrot und viereckig ist, sich auf mysteriöse Weise verdoppelt und gleich beide Ursprungsteilchen vom Experimentierfeld verschwinden lässt, ohne dass das irgendjemand versteht.

Wenigstens gab das am Ende ein eindeutiges Ergebnis beim Rostock-Experiment. Zweimal Jubelexplosion – da freut sich der Laie auf den Rängen, und die Fachwelt wundert sich wohlig über neue Wunder der Fußballphysik wie diesen absoluten Wahnsinns-Pass auf Oberteilchenkanonier Ebbers, für den jeder braun-weiße Experimentator glatt den Fußballnobelpreis verdient hätte – wenn der Pass nicht von blau-weißer Seite geschlagen worden wäre. Aber gut, nominieren wir Ebbe, muss man erstmal machen, das Ding.

Und dass ganz nebenbei dank der kühnen Initiative von Dr. Dr. hc mult. Deniz Naki einmal mehr entscheidende Glaubenssätze der Tragik-Theorie widerlegt wurden (sonst wäre aus dem geblockten Ball von Kruse ja kein Tor mehr geworden), find ich ja auch ziemlich dufte.

Natürlich funktioniert nicht jedes Versuchsfeld gleich. Also, diese Anlage in Düsseldorf da zum Beispiel – ich weiß ja nicht so recht … Reichlich Beschleunigung hin und her, aber das Versuchsobjekt will nicht so recht in die Strafraumzone, in die es soll. Und plötzlich eine Detonation aus dem Nichts – große Energieverpuffung bei Hain (negativ) und dem Gegner (positiv). Intensiver Wunsch nach Reset-Knopf auch für Einzelbegegnungen bei mir. Denn so verkehrt war der Versuchsaufbau ja nicht. Nur der Ausgang.

Zum Glück experimentieren wir jetzt wieder in meinem Lieblings-Teilchenbeschleuniger am Millerntor. Teilmodern, teilarchaisch, irgendwie ein bisschen zusammengedengelt wie die „Millennium Falcon“ in Star Wars, besonders im Moment.

Aber eine Art magisches Versuchslabor, in dem die verschiedensten Meinungs- und Stimmungsteilchen durcheinanderschwirren und aufeinanderprallen, beschleunigt von Leidenschaft und Hoffnung und ein bisschen Wunderglauben: Normalotron und Ultratron, Sitzplatz-, Stehplatz- und Logenforschung, manchmal ziemlich aufgeladen, immer voller Energie.

Und wo all diese Elementarteilchen in den magischsten Momenten zu einem neuen und ganz und gar einzigartigen verschmelzen: dem Sanktpaulitron. Hoffentlich auch heute.

 

Veröffentlicht in FC St. Pauli

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Über Gegengeraden-Gerd:

Gerhard von der Gegengerade, 55, ist seit 1910 Dauerkarten-Besitzer des FC St. Pauli.

Als leicht entflammbare Ein-Mann-Meckerecke regt er sich über das Geschehen am Millerntor und in der sonstigen Fußballwelt auf. Das Ergebnis veröffentlicht er hier und auf Twitter in wüsten Pamphleten zwischen Wahn (klar erkennbar) und Witz (möglicherweise unfreiwillig).

Nebenbei unterstützt Gerd die Stadionzeitung VIVA ST. PAULI als Fußball-Sachverständiger.