Spritzenspiel

13. April 2012 von Gegengeraden-Gerd

2:1 !!!! Fin Bartels und Dennis Daube freuen sich ein bisschen. Foto: Stefan Groenveld

 

Di., 10.04.2012, 17:30: FC St. Pauli – Union Berlin 2:1 (0:1)

Ihr kennt doch bestimmt „Pulp Fiction“? Großartiger Fußballfilm. Hab ich jetzt erst erkannt. Nach dem denkwürdigen Sieg des FC St. Pauli gegen den 1. FC Union Berlin.

Stellt euch einfach vor, John Travolta wäre Max Kruse und Uma Thurman die Gegengerade. Dann tut euch diese Szene mit der Adrenalinspritze ins Kopfkino. Und dann wisst ihr ungefähr, wie das war, damals, als Kruse das 1:1 gegen Union schoss.

Und ihr wisst auch, wie sich das Spiel bis dahin angefühlt hat. Herzstillstand muss ja nicht immer was mit Aufregung zu tun haben. Manchmal ist einfach kein Puls da.

Hamburg, Millerntor, Gegengerade, kurz nach Sonnenaufgang: Ein junggebliebener Spielkritiker wischt sich die letzten Frühstücksflocken aus dem Bart und stürzt sich ins Vergnügen. Auflaufen der Mannschaften. Tanz der Kassenrollen auf der „Süd“. (Sogar mit Anleitung! Unbedingt angucken!)

"Here we throw again!" - Foto: Stefan Groenveld.

"Here we throw again!" - Foto: Stefan Groenveld.

Danach: Mühsal. Stolperer stolpern. Stänker stänkern. Schweiger schweigen. Würde man das Stück Gegengerade hier in Scheiben schneiden, könnte man das im Baumarkt zum Schallisolieren anbieten.

Auf dem Rasen führen drei, vier, fünf Unioner Trainings-Kurzpassspielchen in unserem Strafraum auf. Am Ende hält Tschauner. (Freut mich, dass er wieder da ist. Aber nicht, weil Bene dann nicht da ist. Steht anderswo aber schon besser.)

Chancen platschen in den Fußballmodder wie Straußeneier in Schneematsch. Kruse kommt links nicht am Torwart vorbei. Nakis Hereingabe von rechts ist zu scharf. Ebbers rauscht einen Meter vor dem Tor heran, kriegt sie nicht, ärgert sich.

Herzstillstand muss ja nicht immer was mit Aufregung zu tun haben. Manchmal ist einfach kein Puls da.

Kurz danach steht rechts über der neuen Anzeigetafel-Digitaluhr eine „1“ für Union. Ecke, Kopfball, drin. Auch das noch.

Naki schießt neben das Tor. Thorandt köpft drüber. „Das Tolle an Herzen ist, dass sie nicht vorbei schlagen können.“ Wie wahr. Stillstehen aber schon. Wie das hier. Bis.

Bis:  Ein Kruse-Freistoß nach der Halbzeitpause erstmal nichts bringt, aber wenigstens in der Union-Häfte bleibt. Wieder zu Kruse kommt. Kruse schießt, flach von rechts an der Strafraumgrenze, es sieht nach gar nicht so viel aus, doch der Ball zischt weiter, durch die Beine eines Unioners: TOR, TOOOR! 1:1!!!

Manchmal ist daneben fast so wichtig wie drin. Weil daneben das Trampolin für den Jubel ist. Es folgt die krasseste Verwandlung seit Kafka. Als würde Roger Willemsen plötzlich zu Batman. Die Gegengerade beginnt zu pulsieren, als hätte man ihr eine Spritze ins Herz gejagt.

Manchmal ist daneben fast so wichtig wie drin. Weil daneben das Trampolin für den Jubel ist.

Schlagartig ist Leben im Spiel, fiebriges Vibrieren, Adrenalin zum Atmen. Spannung steigt, Uhr tickt. Berlin kassiert Gelb-Rot. Überzahl für St. Pauli. (Als wären wir das nicht gefühlt schon vorher gewesen!) Können wir zwar traditionell nicht, aber was soll’s.

Uhr tickt, Spannung steigt. Die 70. Minute. Die 80. Die 85.

Eine Frage der Ebbe! Foto: Stefan Groenveld

Und dann? Das 2:1 durch Ebbers! Ebbers! Jenen Ebbers, den ausgewählte Experten im Publikum Minuten zuvor noch aufs Altenteil hatten schicken wollen. Wildes Durcheinanderpoltern auf den Tribünen. Nach unzähligen ungenutzten Chancen. Wieder ein gedrehtes Spiel. Song 2, Jubel, und ?!?

Abstoß! Nach wildem Protest der Unioner und kurzer Verhandlung mit dem Torschützen zeigt der Schiri nicht auf den Mittelkreis. (Erst später erfahre ich, dass Ebbers zugegeben hatte, den Ball nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit der linken Hand berührt zu haben. Wofür der arme Mann sich nun sogar von Sepp Blatter loben lassen muss. Richtig war’s trotzdem!)

Enttäuschung, Pfiffe, Buh-Rufe. Aber insgesamt wenig Anti-Schiri-Support. Stattdessen, leicht erschüttert, setzt sich das Vibrieren fort. Plötzlich ist da etwas zwischen den Menschen, die Chemie stimmt, unsere Jungs versuchen es weiter.

Zeit läuft, Herz rast hinterher. Die 90. ist rum, drei Minuten noch, auf der Anzeigetafel  wird aus Digitaluhr wieder Analoguhr, wohl nach 90 Minuten zu Ende, seltsam, seltsam. Das Spiel wogt voran, die Menschen rufen.

Dennis Daube setzt einen Freistoß gegen die Latte. Kurz vor der Torlinie prallt er auf. Zum Verzweifeln. Und gerade, als ich nicht mehr daran glaube: TOOOOOOOOR!!!!!!!!!!!!!!! Das 2:1, zum Zweiten!!!! Durch Bartels! Ausgerechnet Bartels! Bartels, der pfeilschnelle Fußballgott, Bartels, der gnadenlose Chancentod, Bartels, die Pistole, mit der selbst Kindergartenkinder russisches Roulette spielen dürften!

Vorbei, vergangen. Bartels ist jetzt Vollstrecker. Noch so eine Verwandlung.

Denn das hier hat nichts, nichts, GAR NICHTS mehr mit dem zu tun, wie sich die erste Hälfte angefühlt hat. NICHTS!

Es ist Chaos, es ist Schönheit, es ist Wahn. Das Spiel ist ein anderes, ich bin ein anderer, die Welt eine andere. Benommen mustert mein Tribünennachbar Brille die verbogene Stadionzeitungs-Arbeitskarte um seinen Hals. „I got my head checked. By a jumbo jet“

Gott sei Dank überstehen unsere Jungs auch die letzte Minute. Schlusspfiff, Ovationen, Feiern, endlich wieder intensives Feiern. Die „Süd“ singt „Relegation, wir freu’n uns schon“, die Gegengerade ist schon bei „You’ll never walk alone“. Ein Durcheinander, wie es ergreifender nicht sein könnte.

Und nun spult zurück auf Anfang. Schaut euch diesen Filmschnippel an und stellt euch vor, John Travolta wäre Max Kruse und Uma Thurman die Gegengerade. Dann wisst ihr ungefähr, wie das war. Damals, als Kruse das 1:1 gegen Union schoss. Und die Verwandlung begann.

Zum Weiterhören: AFM-Radio-Reportage von Wolf Schmidt, hier dank SPNU und Stefan Groenveld nochmal der entscheidende Moment daraus mit Bild:

Es gibt Spiele, bei denen die Dramaturgie schon fast an Körperverletzung grenzt.
(KleinerTods FC St. Pauli Blog)

Zum Weiterschauen: Bilder von Stefan Groenveld, AuxArmes, UNVEU, MagischerFC-Blog, Bilder und Bericht von KleinerTod

Zum Weiterlesen: MagischerFC, ÜbersteigerSPNU, Metalust, KonBon:Magazin, ILoveSP, Fußball von Links, Beebleblox, Sitzblogade

Zum Spenden: So richtig doll hat das leider nicht geklappt mit der Spendenaktion für MTZ Ripo, wie man hört. Kann man nachholen. Alle Infos hier! 

Veröffentlicht in FC St. Pauli

7 Antworten

  1. 30.Spieltag (H) – 1.FC Union Berlin | Übersteiger-Blog

    [...] – Fotostory Kassenrolle (“Jonas und der große Wurf”, Rückseite der Südkurve) – Bericht UmaThurman-Gerd (“Stellt Euch vor, John Travolta wäre Max Kruse und Uma Thurman die Gegengerade”) – [...]

  2. Toby

    Wieder mal ein Beitrag voll wunderbarer Zitate, danke! Was mir aber deutlich zu kurz kommt ist die Lobeshymne auf die neue Digitalanzeige, die tatsächlich die abgelaufene Spielzeit anzeigt. Bis zur 90. allerdings nur, danach wechselt sie in die alte Analoganzeige. Was wahrscheinlich nur mir aufgefallen ist, alle anderen haben beim russisch Roulette ihr Herz verloren. Ich war längst tot.

  3. Gegengeraden-Gerd

    Danke, Toby! Die Uhr fand ich erstmal ziemlich gewöhnungsbedürftig. In meiner Jugend gab’s für sowas halt Sonne und Sand, sonst nix. Aber hat ja ihre Vorteile. Wie viele Analog- zu Digitalbemerker das außer uns beiden wohl noch gab?

  4. Gegengeraden-Gerd

    (Öhm, meinte eigentlich Digital- zu Analogbemerker. Ab der 90. halt.)

  5. Zaphod

    Digitalanalog hab ich überhaupt nicht bemerkt, weil das mal wieder ein Spiel war, bei dem ich nicht einmal auf die Uhr geguckt habe. Wer mit Sonne und Sand aufgewachsen ist braucht das auch nicht :D
    btw: großartiger Vergleich, neben mir saß in der ersten Hälfte die Uma-Thurman-Hardcorefraktion, das hat mich glatt vom Sitz getrieben.

  6. Fussball Forum

    Schade dass es dieses Jahr wahrscheinlich nicht reichen wird für Pauli. Aber noch ist ja der 34. Spieltag da. Wird aber schwer.

  7. Adrenalin zum atmen und lesen ... | ecriture automatique aus hamburg - st. pauli |☠ ring2

    [...] Gegengeraden-Gerd: Jetzt rede ich! » » Spritzenspiel Die einzig wahre Spielkritik zum FC St. Pauli. [...]

Deinen Senf dazugeben? Man zu!

Achtung: Kann nen Moment dauern, bis dein Kommentar online zu sehen ist - büdde nich' ungeduldig werden!

Über Gegengeraden-Gerd:

Gerhard von der Gegengerade, 55, ist seit 1910 Dauerkarten-Besitzer des FC St. Pauli.

Als leicht entflammbare Ein-Mann-Meckerecke regt er sich über das Geschehen am Millerntor und in der sonstigen Fußballwelt auf. Das Ergebnis veröffentlicht er hier und auf Twitter in wüsten Pamphleten zwischen Wahn (klar erkennbar) und Witz (möglicherweise unfreiwillig).

Nebenbei unterstützt Gerd die Stadionzeitung VIVA ST. PAULI als Fußball-Sachverständiger.