Aufm Sonnendeck

23. Oktober 2011 von Gegengeraden-Gerd

So., 23.10.2011, 13:30: FC St. Pauli – FSV Frankfurt 2:1 (2:0)

Als das Spiel endlich zu Ende war, wusste ich kurzzeitig nicht mal mehr, wer unsere Tore geschossen hat. Nur eine große, weite Leere war da. Was zufälligerweise ziemlich genau dem Abstand zwischen unseren Jungs und dem Gegner entsprach.

Auch an die Sonne konnte ich mich noch erinnern, und daran, dass es die Art Tag war, für die man eigentlich Eintritt nehmen müsste – ginge es nicht um ein Heimspiel des FC St. Pauli, für das goldener Sonnenschein wie der beim Heimspiel gegen den FSV Frankfurt bestenfalls gleichgültig, schlimmstenfalls ein zersetzender Einfluss ist.

Wenn es nämlich schlecht läuft, senkt sich ein schwerer Dunst von „Traumschiff“-Atmosphäre über die MS Millerntor. Entspannung und Harmlosigkeit greifen um sich, die ganze Gegengerade ein einziger Wellness-Bereich, der Supportwillen schmilzt wie Vollmilch-Nuss in der Sauna, und just, wenn man denkt „Mein Gott ist das entspannt – hoffentlich kriegen die Jungs das nicht mit!“, hat die Entspannungsseuche schon aufs Spielfeld übergegriffen.

„Wenn ich nicht hier bin, bin ich auf dem Sonnendeck“, hat mal so’n Fuzzi gesungen. Für meinen Gehörgang das Motto zum Spiel: „Wenn ich nicht hier bin, bin ich auf dem Sonnendeck. Oder im Solarium …:“ Passt. Da waren unsere Jungs leider auch. Wenn sie nicht im Abseits standen. Vielleicht ist Abseits auch nur ‘n anderes Wort für Sonnendeck.

OK, allmählich kam dann die Erinnerung wieder: Naki hat ein Ding gemacht, und trotzdem sah Naki nach Spielende verdammt unzufrieden aus, bei dieser merkwürdig betretenen 3/4-Ehrenrunde mit vereinzelten La Olas. Nicht vor meinem Teil der Gegengeraden übrigens, aber ich hatte auch keinen Bedarf. Denn laolt – wenn man „laolen“ denn als Verb so verwenden kann -, laolt hätte ich nach dieser Begegnung allenfalls aus alter Verbundenheit gegenüber einigen Beteiligten.

Abseits ist auch nur ‘n anderes Wort für “Sonnendeck”.

Als beispielsweise Fabio Morena in unserer Abwehr auftauchte, ahnte ich in meine Sonnendecks-Dösigkeit hinein: Heureka! Es wird wieder dirigiert. Und zwar gewissermaßen von Beethoven persönlich. Auch der gute Herr B. mag ja so seine Schwächen gehabt haben (bei ihm wohl das Gehör), und Morena mag dem Volksmund zufolge in Sachen Beschleunigung und Höchstgeschwindigkeit leichte Defizite haben. Und doch weckte seine Aufstellung bei mir eine gewisse Erwartungshaltung.

Außerdem: Naki im Sturm, Takyi im Mittelfeld, Schindler ebenfalls. Die Entschlossenheit, mit der unser Trainer die Mannschaft nach der doch etwas verbesserungsfähigen Zweithälfte gegen Düsseldorf neu zusammensetzt hatte, gefiel mir. Das Spiel selbst eher nicht.

Tatsächlich hinterließ es mich, trotz drei Punkte Maximalausbeute, ratlos bis schäumend. Wie konnte aus der Erkenntnis „Sapperlot – heute können wir aber mal wirklich machen, was wir wollen!“ (unweigerliche Folge von drei Minuten Beobachtung des Frankfurter Spiels, bei allem Respekt) ein dermaßen mauer Sonntagskick werden? Besonders in der zweiten Halbzeit?

Der Anfang war ja noch ganz angenehm. Großartige Choreo auf der Nord  - und  1:0 nach drei Minuten! Eigentlich ein Traum. Aber schon da mit ein bisschen Alb verbunden, denn auch die Frankfurter hätten da schon treffen können haben.

Wenn sie denn nicht von so erschütternd harmloser Konsistenz gewesen wären. Während der FSV zwar clevererweise auf die Trikotfarbe der Düsseldorfer setzte, schien er ansonsten vollkommen damit zufrieden zu sein, 90 Minuten lang unseren ramponierten Rasen bewundern zu dürfen.

Bei so viel gegnerischer Demut müsste doch eigentlich ein deutlicher Sieg machbar sein. Wenn man keinen Sonnendeckfußball spielt, der statt Piratenschiff eher zum Traumschiff passt (Happy End inklusive).

Traumschiff statt Piratenschiff?

Dass mir bei einem Spiel des FC St. Pauli überhaupt das „Traumschiff“ referenzmäßig durch den Kopf geht, erschüttert mich noch immer. Als hätte mein Unterbewusstes unsere Jungs mit Heino verglichen!

Das Aufdringlichste in Sachen Annäherung an Gegner und so weiter waren diesmal wohl diese befremdlichen Hubschrauberkameradrohnen, die in der Halbzeitpause über Rasen und Tribünen schwebten. Zum Solarzellenabfilmen, erfuhr ich nachher. Während des Spiels dachte bestimmt so mancher an diverse Science-Fiction-Filme und an die sonst so sinnlosen Bierbecherwurfskills mancher Komplettenthirnter..

Aber natürlich blieben die Helikopter ebenso unbehelligt wie die Frankfurter Fußballer von ihren Gegenspielern, besonders in Hälfte zwei. Wieso? Weshalb? Warum? Wenn ich es verstünde, hätte ich bestimmt irgendeinen Nobelpreis.

So dagegen kassierten wir das 2:1. Und wenn Gegners Stürmer sich in ein, zwei weiteren Momenten der Selbsterkenntnis auch als solche verstanden hätten, hätte die Sache auch noch schlechter ausgehen können.

With great power comes great responsibility“, schrub Spider Man ihm sein Onkel dem Superhelden einst hinter die übermenschlichen Ohren. Mal so milchmädchenübersetzt: „Haste was drauf, musste was draus machen.“ In diesem Spiel und bei diesem Kräfteverhältnis hätte das ein anders aussehendes Spiel sein müssen.

Aber na gut. An einem Tag wie diesem wäre wohl selbst Spidey aufm Sonnendeck verschwunden.

Fotos: Stefan Groenveld. An dieser Stelle nochmal vielen Dank für die Genehmigung, deine Bilder zu verwenden, Stefan!

Zum Weiterhören, -schauen, -lesen:

Audioreportage von Wolf Schmidt (AFM-Radio)

Bildergalerien: Stefan Groenveld, MagischerFCfcstpauli.com

Spielberichte: MagischerFCÜbersteiger, KleinerTod (mit Bildern)SPNU – Teil 1, SPNU – Teil 2, BeeblebroxFAZ, “Blutgrätsche Deluxe”-Presseschau

Veröffentlicht in FC St. Pauli

4 Antworten

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Über Gegengeraden-Gerd:

Gerhard von der Gegengerade, 55, ist seit 1910 Dauerkarten-Besitzer des FC St. Pauli.

Als leicht entflammbare Ein-Mann-Meckerecke regt er sich über das Geschehen am Millerntor und in der sonstigen Fußballwelt auf. Das Ergebnis veröffentlicht er hier und auf Twitter in wüsten Pamphleten zwischen Wahn (klar erkennbar) und Witz (möglicherweise unfreiwillig).

Nebenbei unterstützt Gerd die Stadionzeitung VIVA ST. PAULI als Fußball-Sachverständiger.