Schilda im Krieg (oder: Neue Post von Tante Kriemhild)

28. April 2012 von Gegengeraden-Gerd

Ende gut. Aber nicht alles gut. (Foto: Sabrina Adeline Hinck, www.siesah.de)

 

So., 22.04.2012: FC St. Pauli – Hansa Rostock 3:0 (1:0)

Gerhard, mein Junge,

wie schade, dass wir uns letzten Sonntag verpasst haben. Es war so schön letztes Jahr mit den Rostockern, da haben Dein Onkel Werner und ich gedacht, wir überraschen Dich einfach und kommen zu Dir.

Aber was soll ich sagen, Gerhard: Irgendwie hatte ich mir den Tag anders vorgestellt.

Das ging ja schon im Zug nach Hamburg los. Da habe ich mich doch glatt mit Deinem Onkel Werner gestritten. Weil Werner mal wieder gesagt hat, dass das ja immer schlimmer wird mit der Jugend von heute. Und weil ich dann gesagt hab, nein, das stimmt nicht! Denk doch nur an die Freudenfeuer und die vielen Bananen und das Feuerwerk damals, und wie nett die Rostocker Jungens immer zu uns rübergewinkt haben!

Ja und dann? Bringt die Taxe uns direkt vom Bahnhof Hamburg nach St. Pauli, und ich erkenne überhaupt nichts wieder.

„Werner, hast Du nicht gesagt, Sankt Pauli spielt heute gegen Rostock?“, frag ich noch. Weil die Gästefans so ganz anders aussehen. Die hier auf der Straße sind alle in Dunkelblau, und das hübsche Segelschiff, das in Rostock so viele anhatten, das haben die hier auch nicht auf der Brust. „Werner, sind das vielleicht deren Auswärtstrikots?“

Aber Onkel Werner ist schon einen Schritt weiter und zeigt mir, was draufgedruckt ist auf die dunkelblauen Sachen. „Ach so“, denk ich. „SV Polizei!“

Da hab ich ja nun eigentlich nichts gegen, wenn St. Pauli gegen den Polizeisportverein spielt, Gerhard. Du weißt ja, Dein Großonkel Herbert hat auch für die Polizei gespielt, und das ist ein herzensguter Mensch und ein großer Sportsmann!

SV Polizei? „Werner, hast Du nicht gesagt, Sankt Pauli spielt heute gegen Rostock?“

Aber wenn doch auf den Karten „St. Pauli gegen Hansa Rostock“ draufsteht? Also so ganz in Ordnung finde ich das ja nicht.

Zum Glück waren wir früh dran, und der Taxifahrer hat auf uns gewartet. Und wie ich dem so verdattert erzähle, was da draußen los ist auf der Straße, da sagt der nur: „Ach, zu den Rostockern wollen Sie? Sagen Sie das doch gleich! Die sind alle in Altona!“
Da hab ich mich natürlich wieder gewundert. Aber hingefahren sind wir trotzdem. Meine ganzen Schnittchen, Gerhard. Und die Bananen! Ich wollte mich doch einfach nur revanchieren für die Gastfreundschaft!

Müsst ihr nicht, Kinners! Tante Kriemhild hat doch Schnittchen mitgebracht! (Foto: Sabrina Adeline Hinck)

Am Bahnhof Altona hab ich dann endlich Leute wiedererkannt. Obwohl die nicht halb so höflich waren wie letztes Mal: Kein Winken, keine Freudenfeuer … Bananen hatten sie nur eine einzige dabei, und „Eis St. Pauli, Eis St. Pauli“ haben sie viel seltener angeboten als sonst.

Ich habe dann einen jungen Mann gefragt, warum er und seine Freunde nicht am Millerntor sind. „Wir dürfen da nich hin“, hat er gesagt. Was ja irgendwie verständlich ist, denn am Millerntor sollte ja schon der Polizeisportverein spielen!

Bananenbilanz: Wenigstens eine! (Foto Sabrina Adeline Hinck)

Die Rostocker haben sich dann einfach zum Walking durch Altona verabredet, das soll ja sehr gesund sein. Gitti vom Frisurenstudio macht das auch immer. Das ist gut für den Po, und Du weißt ja, wie eitel die jungen Burschen aus Rostock damit sind!

Werner und ich sind ein bisschen mitgegangen, und irgendwann haben sie dann endlich doch den Rostocker Gruß für uns gemacht. Und für einen älteren Herrn, der gerade aus dem Fenster schaute. „Schule, Schule“, haben sie dabei gerufen.

Warum nicht mal ein einfaches “Guten Tag”? Der Rostocker Gruß (Foto Sabrina Adeline Hinck)

 

Was war ich gerührt! „Schule, Schule“: Du weißt ja, Gerhard, Bildung ist das Wichtigste. Das hat Dein Herr Vater selig auch immer gesagt!

Auf Dauer war das aber trotzdem kein schöner Spaziergang. Nicht einmal am Hafen entlang! Also haben Werner und ich gesagt: Komm, wir schauen noch mal am Millerntor vorbei.

„Das muss aber ein wirklich wichtiger Verstorbener sein“

Und da war das ja nun erst recht merkwürdig: Menschen über Menschen vor Eurer Südtribüne. Und irgendwie wirkten die ein bisschen bedrückt. Ich glaube, weil die auf einer Beerdigung waren. Da lag nämlich ein Sarg vor dem Vereinswappen, Gerhard. Vor dem Vereinswappen!

Begräbnis auf dem Südtribünenvorplatz (Foto Sabrina Adeline Hinck)

„Das muss aber ein wirklich wichtiger Verstorbener sein“, hab ich zu Onkel Werner gesagt, „wenn so viele junge Leute hier Totenwache machen, anstatt ins Stadion zu gehen!“

Ich war aber dann doch zu neugierig auf das Spiel und bin trotzdem hinein. Und da gab es schon wieder eine Überraschung. Denn da spielte gar nicht der Polizeisportverein, Gerhard: Da spielte Hansa Rostock!

Tor, Tor, Millerntor! (Foto: Sabrina Adeline Hinck, www.siesah.de)

Aber der FC St. Pauli war besser. Der fesche Herr Ebbers hat gleich zwei Tore geschossen und das letzte von dem netten Herrn Bartels vorbereitet. Alle haben sich gefreut, und der lustige Herr Naki hat am Schluss die Fahne über den Rasen getragen.

Mach’s nochmal, Deniz? (Foto: Sabrina Adeline Hinck)

Draußen vor dem Stadion habe ich dann erstmal gemerkt, was ich für ein Dummerchen gewesen bin, Gerhard: Da waren jetzt sogar noch mehr von den Polizeisportlern, und wie ich die mir so anschaue, da sind mir gleich mehrere Sachen klargeworden.

Also erstmal: Selbst ich weiß, dass so viele Auswechselspieler bestimmt nicht erlaubt sind beim Fußball, und selbst wenn die meisten von denen nur Schlachtenbummler sind: So groß ist doch Euer Stadion gar nicht, dass da die ganzen Schutzmänner rein passen!

Und außerdem hatten die überhaupt keine Fußballausrüstung dabei! Also Schienbeinschützer, schön und gut. Aber Helme und Schlagstöcke? Das ist dann ja wohl doch eher was fürs Eishockey spielen oder Brennball.

Das Dumme war dann aber, dass die Polizeisportler mitten auf der Straße standen! Und Dein Onkel Werner hatte doch solchen Durst auf sein Feierabendbier!

Die netten Leute von der Trauerfeier hatten ihm dafür das „Tscholli Rotscher“ empfohlen oder so ähnlich. Da bekäme er ein gepflegtes Pils. Nur: Da kamen wir gar nicht hin! Die Polizeisportler haben uns einfach den Weg versperrt. Keiner hat ein Wort gesagt, und Bananen wollten sie auch nicht.

Da hättest Du mal Deinen Onkel Werner erleben sollen, Gerhard! „Der Weg zur Wasserstelle ist heilig!“, hat er gebrüllt (du weißt ja, Onkel Werner schaut gerne Tierdokumentationen). „Die Gnus sind wütend! Wü-tend!!!“

Na ja, Gnus hab ich keine gesehen, Gerhard. Genau so wenige wie feiernde Menschen. Noch so eine merkwürdige Sache. Obwohl wir doch 3:0 gewonnen hatten!

„Der Weg zur Wasserstelle ist heilig!“

Aber wenn das nun die heilige Wasserstelle der St. Paulianer ist, dann kann ich schon ein bisschen verstehen, dass das denen nicht geschmeckt hat, wie die Polizeisportler da im Wege standen.

Wer hat die bloß alle da hingeschickt! Die wären doch bestimmt auch lieber woanders gewesen. Denn zu tun hatten sie hier nichts. Ich musste dann an Vetter Traugotts Gartenparty denken. Weißt Du noch, damals?

Seine ganze Krocket-Ausrüstung hatte Onkel Werner mitgeschleppt: Rollwagen, Kugelköfferchen, Stecktore und Schläger. Und dann wollte keiner mitspielen! Da war Onkel Werner aber enttäuscht.

Wer eine Krocket-Ausrüstung mitbringt, der will auch spielen. So ist es doch, oder? Also, zumindest gibt er das zu verstehen. Und alle anderen sind für ihn auch erstmal nur als mögliche Krocketspieler interessant. Da können die noch so sehr auf Halma schwören!

Die Halmaspieler umgekehrt werden dann irgendwann pampig, wenn man sie dauernd für Krocketspieler hält. Wie Vetter Traugott. Dem ist Onkel Werner mit seinem Krocketgeschimpfe irgendwann dermaßen auf die Nerven gegangen, dass er beinahe handgreiflich geworden wäre.

Wer eine Krocket-Ausrüstung mitbringt, der will auch spielen. So ist es doch, oder?

- Aber ich schweife ab. Also, die Polizeisportler schwiegen, Onkel Werner schimpfte wie ein Rohrspatz, ein paar andere um ihn rum schimpften auch – und auf einmal kommen gut dreißig Polizeisportsleute auf uns zugestürmt!

Die Polizei tut etwas gegen ihre Krampfadern (Foto: www.gegengeraden-gerd.de)

Vielleicht um was gegen ihre Krampfadern zu tun, das lange Stehen ist da ja auch nicht das beste. Aber so ohne Vorwarnung fand ich das überhaupt nicht nett. Und so allmählich wurde sogar ich ein bisschen wütend. Ich hatte mich so auf den Ausflug gefreut, und nun stehe ich hier auf der Straße und kann nicht vor und nicht zurück!

Wenigstens gab es dann noch etwas zu sehen. Ein riesengroßer blau-grauer Felsen auf Rädern kam vorbeigerollt. Und ein grüner dazu. Und ein Panzer! „Dunnerlittchen“, sagte Onkel Werner, und irgendeiner murmelte was von „eine Million Euro hat das Ding gekostet, eine Million“.

Ein Wasserberg rollt an (Foto: www.gegengeraden-gerd.de)

Das fand ich dann schon großzügig, dass der Polizeisportverein uns seine beste Ausrüstung vorführt. Wenn wir schon so lange warten müssen. Aber so ganz ohne Musik, Gerhard: Das Wahre ist das nicht.

Irgendwo weiter hinten auf der Straße haben die Polizeisportler sogar noch ein bisschen was vorgespritzt mit der Wasserkanone, die oben auf ihrem Rollfelsen montiert ist. Ein paar Leute kamen weiter hinten raus, und einer hat sogar geweint.

Gerhard, wenn Du jemanden vom Hamburger Polizeisportverein kennst: Gibt ihm doch bitte mal die Telefonnummer von Vetter Traugott aus Sandbostel. Du weißt doch, der ist bei den Schützen aktiv. Und bei der Freiwilligen Feuerwehr!

Wenn die Sandbosteler eine Parade machen, dann ist das generalstabsmäßig geplant! Und wenn die Feuerwehr da einen neuen Spritzenwagen kriegt: Die schaffen das, den einzuweihen, ohne dass gleich alles drunter und drüber geht.

Außerdem haben die immer die richtige Ausrüstung dabei. Stutzen und Turnschuhe für den Fußball; Hut, Flinte und Signalweste für die Jagdgesellschaft, und fürs Boßeln Kugel, Kurze und Bollerwagen.

Mit Stock und Helm über die halbe Gemeinde verteilt rumstehen und warten, dass endlich das Eishockey anfängt (oder meinetwegen Brennball oder Krocket) – das würden die Sandbosteler nie tun.

Warum man das Spiel dieser Leute spielt, in der ganzen Stadt? Und nicht einfach bei Fußball im Stadion bleibt, so dass alle sich freuen? Das verstehe ich nicht, Gerhard, ich verstehe das nicht.

Irgendwann hat Dein Onkel Werner doch noch sein Pils beim “Tscholli” gekriegt. Und ein netter junger Mann mit Mobiltelefon hat uns erzählt, dass ein paar Leute auf den Straßen von St. Pauli tatsächlich das Spiel gespielt haben, das der Polizeisportverein die ganze Zeit erwartet hatte. Mit Bierbänken, Steinen und Flaschen. Ohne Sinn, Verstand und Grund.

Ich glaube, das waren keine guten Menschen. Aber weißt Du, Gerhard: Ich glaube fast, dass diese Menschen am meisten Spaß gehabt haben an diesem ganzen langen Tag.

Warum man das Spiel dieser Leute spielt, in der ganzen Stadt? Und nicht einfach bei Fußball im Stadion bleibt, so dass alle sich freuen? Das verstehe ich nicht, Gerhard, ich verstehe das nicht.

„Weißt Du, Werner“, hab ich auf dem Rückweg im Zug gesagt. „Irgendwie habe ich das Gefühl, wir waren gar nicht in Hamburg. Das hat sich eher so angefühlt wie Schilda im Krieg.“

Es grüßt Dich verwirrt:

Deine Tante Kriemhild

Zum Weiterlesen: Gegengeraden-Gerds Saisonrückblick 2011-12

Mehr zum Spiel und Hintergründe:
Augenzeugenbericht auf magischerfc.de (Vorgeschichte), Medienkritik auf magischerfc.de, (ebenfalls Augenzeugen-)Berichte und Kommentare vom ÜbersteigerPublikative.org, MetalustKleinerTod, Beebleblox, “100 Jahre Fahrstuhlfahrt”-Blog, Nord SupportBreitseite, Sitzblogade; Lichterkarussell zu Machtstrukturen; Kommentar von Benedikt Pliquett auf Facebook;   Stellungnahme des FC St. Pauli mit Diskussion auf der Website des Innensenators; Stellungnahme des Fanladens; Stellungnahmen von Sven Brux und Christian Bönig in der Mopo: Teil 1, Teil 2; Bericht vom Hamburger AbendblattBericht eines Hansa-Fans, Stellungnahme des FC Hansa Rostock; in weiterem Zusammenhang: “Das Rebellen-Dilemma” (SPNU)

Zum Weiterschauen: Videoblog “Pommes Braun-Weiß” (hier auch zur Vorgeschichte); Fotos von Stefan Groenveld, Antje Frohmüller und Magischer FC; Grafik-Kommentar auf SPNU

Zum Weiterhören: AFM-Radio-Reportage Teil 1 (Transparente und drumherum) / Teil 2 (zum Spiel)

Zum Kopfschütteln: ”Fan-Kommentar” in der “Hamburger Morgenpost” vom 24. April 2012:

“Mir persönlich geht es als St. Pauli-Fan einfach nur um Fußball. Allerdings ist die Fan-Szene in den letzten Jahren sehr politisch geworden.”
(“Marcel Sander (29)” in der Mopo)

Fürs Herz (und, für Marcel, zum Lernen):
Doku “Kiezkick und Punkrock”  (Youtube-Link) – wie der FC St. Pauli wurde, was er ist.

Foto: Sabrina Adeline Hinck, www.siesah.de

Veröffentlicht in FC St. Pauli

Eine Antwort

  1. Toby

    Wo ist hier der Flattr Button? Ich möchte das Flattrn!

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Über Gegengeraden-Gerd:

Gerhard von der Gegengerade, 55, ist seit 1910 Dauerkarten-Besitzer des FC St. Pauli.

Als leicht entflammbare Ein-Mann-Meckerecke regt er sich über das Geschehen am Millerntor und in der sonstigen Fußballwelt auf. Das Ergebnis veröffentlicht er hier und auf Twitter in wüsten Pamphleten zwischen Wahn (klar erkennbar) und Witz (möglicherweise unfreiwillig).

Nebenbei unterstützt Gerd die Stadionzeitung VIVA ST. PAULI als Fußball-Sachverständiger.