Schicksalskunde

23. November 2008 von Gegengeraden-Gerd

Fr., 14.11.2008, 18.00 Uhr: FC St. Pauli - Rot-Weiß Ahlen 2:2
So., 23.11.2008, 14.00 Uhr: 1. FSV Mainz 05  - FC St. Pauli 2:2

Jubelnd liegen sich die Menschen in den Armen. Hände werden abgeklatscht, Freunde geherzt, Fremde geküsst, Kinder auf den Tribünen gezeugt. Das ganze Stadion eine Orgie. Auch auf dem Platz ist man außer Rand und Band. Urschreie, Freudentränen, Menschentrauben. Eger springt Sako in die Arme und ballt die Siegerfaust.

Nur irgendwo in der Mitte der Gegengeraden steht ein einsamer Prophet. Im eigenen Land. Also da, wo er nix gilt. Der Prophet schreit sich die Lunge aus‘m Hals: „NICHT JUBELN! STOPP!! AUF-HÖÖÖÖ-REN!!!“ Weil ein Elfmeter nach Regelauslegung des Propheten erst als Tor zählt, wenn der Ball die Torlinie im vollen Umfang überschritten hat. Und nicht schon, wenn der Schiri pfeift. Und darum, Brüder unterm Flutlichthimmel, gab das auch nix zum Freuen in der 87. Minute gegen Ahlen. Denn was in der 88. passierte, ist ja wohl bekannt: Nein, der Elfer war nicht schlecht geschossen. Aber er war eben nicht drin!

Wer dem Schicksal dermaßen vor der gegerbten Visage rumfuchtelt, muss sich nich wundern. Jubel ohne Tor ist wie’n ungedeckter Scheck, mit dem man trotzdem bezahlt. Später steht man knietief im Schicksals-Dispo und zahlt alles zurück. Zum Heulen. Wenn ein aufgeholtes 0:2 gegen ziemlich artig aufspielende Gegner nicht auch schon was wäre. 

Mit einem komplett un-st. paulianischen 2:2. Gehört das laut Stadionordnung nicht so, dass Traumfreistöße (Trojan), die an den Pfosten gezirkelt werden (Schicksal) nie und nimmer per Nachschuss (Bruns) in Gegners Netz landen, weil sowas höchstens langweiligen Gewinner-Clubs aus München passiert? War trotzdem nett. Auch, dass das 2:2 mit zehn Mann gehalten wurde. Kleinen Nostalgie-Anfall gehabt, Herr Ebbers? „Die Riveivel-Zyklen wer’n immer kürzer“, sagen die Trend-Experten. Aber wünschen wir uns die Zeit der Roten Kartenschmiede vom Anfang der Saison wirklich wieder zurück?

Gegen Mainz war dann klar, dass der vergurkte Elfer unser Schicksalskonto ausgeglichen hat: Gerade, als ich den Klassiker „Sag mir wo die Standards sind“ auf Schallplatte bringen wollte (mit Widmung für einen gewissen Herrn Alexander, der mal in der Hauptstadt gekickt hat), heißt das plötzlich: AUSGLEICH NACH ECKE LUDWIG! Gunesch verlängert per Kopf, Rothenbach macht ihn rein – jubelnd liegen sich die Menschen in den Armen. Diesmal zu Recht.

Veröffentlicht in FC St. Pauli

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Über Gegengeraden-Gerd:

Gerhard von der Gegengerade, 55, ist seit 1910 Dauerkarten-Besitzer des FC St. Pauli.

Als leicht entflammbare Ein-Mann-Meckerecke regt er sich über das Geschehen am Millerntor und in der sonstigen Fußballwelt auf. Das Ergebnis veröffentlicht er hier und auf Twitter in wüsten Pamphleten zwischen Wahn (klar erkennbar) und Witz (möglicherweise unfreiwillig).

Nebenbei unterstützt Gerd die Stadionzeitung VIVA ST. PAULI als Fußball-Sachverständiger.