Schachtenbummler

14. Februar 2012 von Gegengeraden-Gerd
Tarnkappenbomber unter den Außenverteidigern: Sebastian Schachten. Foto: Stefan Groenveld Schachte

"Das Phantom" (Fabian Boll) unter den Außenverteidigern: Sebastian Schachten. Foto: Stefan Groenveld

So., 12. Februar 2012: FC St. Pauli – VfL Bochum 2:1 (1:1)

Wenn morgens beim Haareabtrocknen das Shampoo am Handtuch klebt, ist klar, dass der Tag nicht alltäglich wird. So gesehen war ich gewarnt.

Obendrauf das wahnsinnige Siegerlachen aus Bochum, das meine tiefsten Träume zum Schlachtfeld gemacht hatte. Als es mir in der U-Bahn wieder einfiel, muss ich geschaut haben wie Bochums Trainerstab am 25. Oktober 2005.

Als ob das nicht reichte, auch noch ein unerklärlicher Auswärtsdrall in der Ohrwurm-Abteilung: Herbert Grönemeyer in Schwerstrotation auf dem mentalen Eipott. Ich hatte Angst. Von „Pulsschlag aus Stahl“ bis „Beine aus Blei“ ist der Weg nicht weit. 

Zeitlich gesehen sogar nur acht Tage: Unser Auftritt in Aachen hatte mich das Fürchten gelehrt. Und doch hatte ich beschlossen, meiner Angst zu begegnen. Ich fuhr ans Millerntor. Stellte mich auf die ehrwürdigen Stufen meiner dem Tode geweihten Lieblingstribüne. Und begegnete zwar keinem Abrissbagger. Aber einer leibhaftigen Bombe.

Von „Pulsschlag aus Stahl“ bis „Beine aus Blei“ ist der Weg nicht weit.

„5-4-3-2-1“: Sekunden vor Anpfiff setzten die Wahnsinnigen aus der Südkurve zum Countdown an. Die kurzhaarigen Bombenleger, vor denen unsere Eltern Freunde und Helfer uns schon immer gewarnt hatten. Und dann das:

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Mehrere Tonnen gemeingefährlicher Papier-Schrappnelle in einer noch nie dagewesenen Orgie der visuellen Gewalt.

Wenn die Kontrollausschuss-Koriphäen in Frankfurt diese Papiermassen erst wieder zusammengeklebt haben, sind wir verloren. (Glaubt mir, dazu sind diese Leute ohne Weiteres fähig! Wozu wären sie sonst gut?)

Entweder das Gesamtgewicht der handkanonierten Schnippel überschreitet den zulässigen Grenzwert – oder aus den enthaltenen Buchstaben lassen sich Schmähungen auf Dietmar Hopp bilden. Irgendwas ist immer.

Schon vor Anpfiff also waren wir verloren. Was für ein Glück. Denn nun konnte ich das Spiel ganz entspannt verfolgen. Der Ausgang war ja eigentlich egal.

Und was soll ich sagen? Der Tod stand uns gut. Mit wütender Verve stürmten die Braun-Weißen den gräulichen Permafrostrasen. Die Bochumer immer auf ihren Fersen. Bisschen unordentlich, aber mit Wumms. Wie die Papierschnippel vor Anpfiff. Und durchgehend harte Arbeit. Ein Malocherspiel. Aber mit Höhepunkten.

Schon vor Anpfiff waren wir verloren. Was für ein Glück.

Schon in der dritten Minute hätte das 1:0 fallen können, falls Schindler im Strafraum Bartels’ Pass richtig erwischt hätte. Oder in der fünften (Saglik – Abseits). Oder in der neunten (wieder Schindler). Oder in der 12. (Mahir Saglik verheddert sich nach genialem Steilpass von Kruse in seinen eigenen Beinen). Oder in der 13. (KRUSE: Distanzschuss von links).

Aber erst in der 18. Minute zappelte der Ball im Netz. Und zwar in unserem. UNSEREM! In aller Ruhe hatte der gute Herr Azaouagh  den Ball in schicksalsgünstigem Bogen von der Strafraumgrenze über unseren Keeper löffeln dürfen, nach Vorarbeit der Herren Inui und Toski.

Na großartig. Ich war auf 180. Unsere nicht. Was ganz gut war, denn sie spielten das Ding ziemlich unbeeindruckt weiter. Gelegentlich sogar schön. Und in der 26. endlich mit Glück: Ecke Funk. Kopfball Schachten – TOR!

1:1 durch Sebastian Schachten. Jenen Außenverteidiger, der in den vergangenen sechs Spielzeiten seiner Karriere gerade dreimal getroffen hatte. Das war ungewöhnlich. Aber lange nicht so ungewöhnlich wie das, was noch kommen sollte.

Ein paar Quadratkilometer Gänsehaut waren bei dieser Verabschiedung mehr als angebracht.

Womit ich nicht die 32. Minute meine, als Mahir Saglik quasi umgekehrt scorte, weil er ein sicheres Bochumer Tor noch an die Unterkante unserer Latte lenkte. Erst recht meine ich nicht das „You’ll never walk alone“ für „Felgen-Ralle“ Gunesch in der Pause: Pathos, wem Pathos gebührt., und ein paar Quadratkilometer Gänsehaut waren bei dieser Verabschiedung mehr als angebracht.

Ich meine auch nicht die zweite Halbzeit als solches (denn unwahrscheinlicher Zauberfußball war das eher nicht). Und ich meine nicht die 74. Minute, in welcher der Schiedsrichter Bochums Paul Freier vom Platz stellte. Was nicht unbedingt etwas bedeuten musste, denn traditionell ist der FC St. Pauli in Überzahl bekanntlich in etwa so gefährlich wie Kampf-Meerschweinchen mit Softeis-Kanonen.

Nein, ich meine die 81. Minute. Und einen Freistoß von Kruse. Und einen Kopfball von Thorandt. Und vor allem das Tor, das lang ersehnte Tor, das heiß ersehnte, erlösende, Drei(tausend) Punkte und hunderttausend Volt-Tor!

Und wer macht das Ding? Nicht Boller. Nicht Naki. Ja nicht einmal Kruse. Nein, es macht: SEBASTIAN SCHACHTEN. 2:1. Und dabei blieb es auch.

Traditionell ist der FC St. Pauli in Überzahl so gefährlich wie Kampf-Meerschweinchen mit Softeis-Kanonen.

Wetten: All die Jahre hatte der Tarnkappenbomber unter den Außenverteidigern auf diese Überraschung hingearbeitet. Ein Spiel mit Unendlichem Unwahrscheinlichkeitsdrive™, hätte Douglas Adams gesagt.

Aber eigentlich hatte ich das ja längst gewusst. Wenn morgens beim Haareabtrocknen das Shampoo am Handtuch klebt, ist klar, dass der Tag nicht alltäglich wird.

Fotos: Stefan Groenveld
Video: Der Spanier 

Zum Weiterschauen: Noch mehr Bilder zum Spiel von Stefan Groenveld.
Zum Weiterhören: Die AFM-Radioreportage zum Spiel von Wolf Schmidt

“Ich war auch nicht richtig in Feierlaune, dazu hatte mich das Spiel zu sehr unterzeugt.”
(Pathos93)

Zum Weiterlesen: Spielberichte auf magischerfcblog.de, von Frau Jekylla auf Fabulous Sankt Pauli, von SPNUKleinerTodBeebleblox, Pathos 93 (schockgefrostet!), Quotenrocker und Nord SupportPresseschau zum Spieltag auf Blutgrätsche deluxe.

Veröffentlicht in FC St. Pauli

2 Antworten

  1. Zaphod

    Ein reiner Strafraumtitan der Herr Schachten, mit Kopf und Fuß. Womit vielleicht auch das momentane Problem im Sturm zu lösen wäre :D

  2. Tägliche Presseschau des magischen FC, 15.02.2012 | Blutgrätsche Deluxe

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Über Gegengeraden-Gerd:

Gerhard von der Gegengerade, 55, ist seit 1910 Dauerkarten-Besitzer des FC St. Pauli.

Als leicht entflammbare Ein-Mann-Meckerecke regt er sich über das Geschehen am Millerntor und in der sonstigen Fußballwelt auf. Das Ergebnis veröffentlicht er hier und auf Twitter in wüsten Pamphleten zwischen Wahn (klar erkennbar) und Witz (möglicherweise unfreiwillig).

Nebenbei unterstützt Gerd die Stadionzeitung VIVA ST. PAULI als Fußball-Sachverständiger.