Rosetten-Orakel

17. Februar 2009 von Gegengeraden-Gerd

So., 08.02.2009, 14.00 Uhr: FC St. Pauli - SpVgg Greuther Fürth 0:3
Fr., 13.02.2009, 18.00 Uhr: Rot-Weiß Oberhausen - FC St. Pauli 3:2

Was ist schon Frust? Nur das Ergebnis der eigenen Erwartungen. Das weiß ich sicher. Seit Oberhausen. Irgendwann, nach ungezählten Ewigkeiten und drei Gegentoren, also nach ungefähr zwanzig Minuten, kam mir eine kristallklare Erkenntnis. 

Jetzt mal ehrlich, Gerd, dachte ich bei mir: Ein Auswärtsspiel des FC St. Pauli besuchen und auf Fußball hoffen – ist das nicht ein bisschen so, als würde man beim Start der Vierschanzentournee darauf warten, dass endlich das Synchronschwimmen anfängt?

Und schlagartig war mir besser. Keine Abwehr? Kein Mittelfeld? Kein Sturm? Nur für den ein Problem, der’s vermisst! Ich aber sage euch: In Wahrheit war das der Fußball der Zukunft. So circa des Jahres 2015. Um die Zeit nämlich werden die lästigen Gegner längst wegrationalisiert sein, und zwei oder drei hochmotivierte Rasensportbeauftragte rocken das Spiel.

Eine einfache Frage der wirtschaftlichen Vernunft: Warum 22 hochbezahlte Arbeitnehmer über den Rasen hecheln lassen, wenn ich das gleiche Resultat mit viel weniger Personal haben kann? Und warum 90 Minuten Brimborium, wenn schlanke 30 Sekunden vollkommen ausreichen, um drei, vier Bälle in einem ziemlich großen Netz zu versenken? 

Das ungefähr muss auch unseren Jungs durch den Kopf gegangen sein. Plietsch genug sind sie ja. Ham halt nur vorm Spiel vergessen, nochmal nachzuschauen, welches Jahr wir gerade haben. Das hätt‘  ihnen doch mal einer sagen können! Und vielleicht auch, dass die schwitzenden Männer in Rot-Weiß tatsächlich Fußballer sind und nicht die Leute vom Catering. So wäre manche Unstimmigkeit vermieden worden.

Denn irgendwie hatte ich den Eindruck, dass die Leute um mich rum eher auf Stand 2009 waren. Also mit zweimal elf Freunden und Zweikämpfen und so. Ist ja nicht so, dass ich die nicht verstehe: Wenn ich von 90 Minuten Kickvergnügen ausgehe, dann war das bisschen Pressing und Aufholjagd in Halbzeit zwo natürlich gar nix. Aber wenn man nur 30 Sekunden erwartet, sind fünf bis zehn Minuten Fußballzauber doch ein Fest!

Schade nur, dass ich zu Hause gegen Fürth noch nicht so milde gestimmt war. Sondern mehr so seherisch. Wenn schon die Biertropfenfänger zum In-die-Luft-Werfen, die sie vorm Spiel verteilen, ´nen „Jever Fun“-Aufdruck  haben, dann kann ich mir einen Hauch Skepsis nicht verkneifen, bei aller Liebe.

Dann reicht mir das völlig, beim Einlauf in den Himmel zu schauen wie die Orakel der ollen Griechen, und schon kann ich anhand des Fluges der hochgeschleuderten Papier-Rosetten die Zukunft voraussagen: Verstummte Gegengerade. Frostige Mienen. Gesamtsituation so unterhaltsam wie das Warten auf einem Behördenflur. 

Und so kam es dann auch. Fun total – für Leute, die auch sonst gern auf Nagelbrettern schlafen. Was für ein Spiel! Ich sag’s mal mit den Worten einer gewissen friesischen Brauerei: „Es so zu brauen, dass der typisch paulianisch-herbe Geschmack auch ohne Fußball nicht auf der Strecke bleibt, hat lange gedauert.“

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Veröffentlicht in FC St. Pauli

3 Antworten

  1. ring2

    Da helfen nur noch Aminosäuren - oder das spielen bis 2015 einstellen und solange hundertjähriges zu feiern ;)

  2. Jekylla

    Die richtigen Aminosäuren zur richtigen Zeit!

    Danke, Gerd, für das Lachen, das mir in den letzten Tagen immer mal im Halse steckengeblieben ist.

    Wenn wir schon sonst keinen Grund zu Feiern haben, dann feiern wir eben uns. Und ich finde, WIR haben das verdient!

  3. Gegengeraden-Gerd: Jetzt rede ich! » » Unheimlich heilig

    [...] Kleiner Gedanke für alle, die sich nach dem einen oder anderen Spiel fragen, ob das hier noch Fußball ist: Auch ein Rehpinscher und ein Bernhardiner haben auf den ersten Blick wenig gemeinsam. [...]

Dein' Senf dazugeben? Man zu!

Achtung, Achtung: Nich übelnehmen, liebe Kommentatorinnen und Kommentatoren, aber ich guck immer kurz nochmal rauf, was ihr so schreibt. Nich dass das am Ende schlimmer is' als mein Zeugs. Also, wenn eure Sachen nich sofort erscheinen, nicht gleich die Blauhelme rufen oder zehnmal posten. Geht trotzdem schnell. Danke!

Über Gegengeraden-Gerd:

Gerhard von der Gegengerade, 53, ist seit 1910 Dauerkarten-Besitzer des FC St. Pauli.

Gegen Bestechung in Form diverser Sachzuwendungen hat er sich bereit erklärt, die Redaktion der Stadionzeitung VIVA ST. PAULI als Fußball-Sachverständiger zu unterstützen.

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