Regentropfenmassaker

28. November 2011 von Gegengeraden-Gerd

Sonntag, 27. November 2011, 13:30: FC St. Pauli – Dynamo Dresden 3:1 (0:0)

Neulich, an einem trüben Sonntag, einige tausend Meter über dem Millerntor.
Es ist ca. 13:45 Uhr.

Regentropfen 1: „Kannst du schon was erkennen da unten?“

Regentropfen 2: „Wart mal, ich … OH GOTT! Nicht runterschauen, nicht runterschauen!!!“

„WÄ? Höhenangst? In diesem Business?“

„NEIN! Aber der Fußball ist so schlecht!“

„Hmm. Meinst du, wir schaffen das überhaupt bis aufs Spielfeld? Ich mein: Millerntor. Rumpelfußball. Weiß doch jeder, wie das ist bei Regen: Die Leute singen ‚Hamburger Wetter’. Und wenn man sich gerade so richtig eingegroovt hat, erwischt einen so einer von diesen langen, hohen Bällen und PUFF: Aus der Traum!“

„Echt?“

„Ich kann dir sagen: Ich hab schon die reinsten Regentropfenmassaker hier erlebt. MASSAKER!“

 

(Eine Windböe erfasst unsere Protagonisten. Nach kurzem Wirbel setzen sie ihren Flug in geordneter Bahn fort.)

 

 Tropfen 2: „Duuuu?“

 Tropfen 1: „Ja?“

„Bist du dir sicher, dass das stimmt mit den langen hohen Bällen? Wenn ich das richtig erkenne, spielen die da unten flach!“

„Hä, wie?“

„Ja! Flach!“

„Bullshit. Noch nie was von Kick and Rush gehört?“

 

(Kurzes Schweigen, konzentriertes Fallen. Das Spielfeld kommt näher. Erste Stadiongeräusche mischen sich unter das Rauschen und Heulen des Windes.)

 

Tropfen 1: „Hast Recht, ist nicht mehr Kick and Rush. Von dem, was ich höre, würd ich eher sagen: Kick and Raun.“

 Tropfen 2: „Warum hört man das Raunen eigentlich so laut?“

„Na ja, singen wohl nicht so viele heute. Also da in dieser Geraden, wo vorne kein Dach ist, ist das ganz schön leise im Moment. Oder?“

„Und warum tragen die alle die gleichen Farben da unten im Stadion?“

(Belehrend): „Weil diesmal keine Gästefans dabei sind. Von wegen Randale und so. Weiß ich auf sicher von meinem Ex-Wolkenkollegen. Der war mal Transpirationstropfen beim DFB.“

(Leicht eingeschnappt). „Ach so.“ (Denkt nach). „Duuu, nur mal so als Gedanke: Wär das nicht ne viel härtere Strafe gewesen, die Gäste-Mannschaft wegzulassen statt die Gäste-Fans?

 

(Eine leichte Brise kommt auf und überdeckt die peinliche Gesprächspause. Durch die plötzlichen Turbulenzen taumelt Tropfen 2 zeitweise mit der Längsseite nach unten und hat beste Sicht aufs Spielfeld. Aufgeregt meldet er sich wieder zu Wort.)

 

Tropfen 2 (entsetzt): „ACHTUNG! Die 22 hat den Ball! Oh mein Gott, Oh mein Gott, oh mein Gott!!! Nicht schießen, nicht schießen, nicht …“

Tropfen 1 (gelassen): „Nu krieg dich mal ein. Ich hab mal inner Pfütze beim Jolly Roger gearbeitet, und da ham die Leute alle gesagt, die Nummer 22, die kann was am Ball.“

(Panisch): „DAS IST MIR ALS REGENTROPFEN DOCH LACHS!! Das Schießen ist das Problem. Es soll Wolken geben, die hat Bartels im Alleingang erledigt! Auf Höhenmeter 15.000!“

„Aaaber er kann was am Ball.“

„NA UND? Was hab ich davon, dass der Ball gekonnt übern Rasen rollt, wenn ich vorher platze. Neulich gegen Rostock soll Bartels sogar einen Wettersatelliten erwischt haben. Aus zehn Metern vorm Tor!“

(Beschwichtigend): „Was soll’s, das hat sich erledigt. Schau mal: Bartels spielt ab!“

„Puuh. Da bin ich erleichtert.  – Aber wart mal … Wer hat denn jetzt den Ball …?“

„… ist das nicht …?“

„… oh mein Gott, sollte das wirklich …?“

„… der Mann sein, der schneller schießt als seine Dienstwaffe?“

„… der einzige Sterbliche mit der Lizenz zum Blitzeschleudern?“

„… ist das etwa …?“

Beide: „OH NEIN!!! ES IST DIE SIEBZEHN!!!!“

 

Mit brachialer Gewalt zerreißt ein Schuss die Luft über dem rechten Strafraumdrittel und schlägt in etwa 1,80 Metern Höhe rechts neben dem gegnerischen Pfosten ein. Für das Spiel bringt er kein zählbares Ergebnis. Doch auf seinem zerstörerischen Flug bringt das auf ca. anderthalbfache Schallgeschwindigkeit beschleunigte Projektil mehrere Tausend unschuldiger Regentropfen zum Platzen.

(Betretenes Schweigen. Nach einer Weile:)

 

Tropfen 1: „Ach du Scheiße. Die Kollegen hat’s erwischt.“

Tropfen 2: „Und das so kurz vor dem Touchdown …“

„Das war hart. Aber weißt du was? Wenn es nicht auf dem Rasen passiert – dann soll es bei mir wenigstens so sein wie das eben.“

„Kurz und schmerzlos, meinst du?“

„Genau. Der Schuss kam so schnell, die haben garantiert nix mehr gespürt.“

 

(Nachdenkliche Stille. Der Rasen ist nun sehr nah. Ausdauernde Gesänge aus einem Teil des Stadions mischen sich mit vereinzeltem Raunen aus anderen Teilen.)

 

Tropfen 2: „Du? Ich glaub es ist gleich so weit.“

Tropfen 1: ”Wo wir wohl hinfallen?“

(Aufgeregt): „Ich glaube wir schaffen’s aufs Spielfeld. Nur wenig Wind im Moment.“

(Sarkastisch): „Und auf dem Rasen so gut wie keine Bewegung.“

„Nee, da läuft uns keiner mehr dazwischen!“

„Garantiert nicht. Du, pass auf, gleich geht’s los! Hat mich gefreut!“

„Mich auch! Bis irgendwann mal wieder!“

„3!“

„2!“

„1 …!“

Beide: „LANDUNG …!“

 

Mit kaum vernehmbarem Geräusch zerplatzen die beiden Tropfen nur wenige Meter voneinander entfernt auf dem grünen Grund des Millerntors: exklusive Landeplätze am Strafraum der Heimmannschaft. Der Rasen ist weich, tief und vollgesogen. Das Schicksal hat es gut mit ihnen gemeint. Bis zur Halbzeitpause bleiben sie unbehelligt von gegnerischen oder heimischen Stollen.

In der zweiten Hälfte wird die Sache schon hektischer – und weil kaum noch Regen nachfällt, bleiben sie an der Rasenoberfläche und kriegen fast alles davon mit: Den Frust auf den Rängen über einen Einschlag im Netz auf der anderen Seite des Platzes zum Beispiel.

Minuten später: Als Dennis Daube einen Freistoß tritt, wird Tropfen 1 jäh in die Luft gerissen, bleibt an der Kugel kleben und darf noch einmal fliegen. Als der Kopf von St. Paulis Nummer 17 den Ball trifft, fliegt die Kugel samt Regentropfen-Passagieren ins gegnerische Tor.

Tropfen 2 muss nur wenig länger warten. Als (schon wieder) die Nummer 17 den Ball an den eingewechselten Marius Ebbers abgibt, reißt der bei einem Hackentrick an der Dresdner Strafraumgrenze ein bisschen Rasen plus Feuchtigkeit mit in die Luft. Als Deniz Naki schnell wie ein Windstoß in die Lücke fegt und den Ball schnurgerade und flach in die Maschen schiebt, gerät auch Tropfen 2 in den Sog seines Schusses. Erst die Maschen des gegnerischen Tornetzes wischen ihn vom Ball.

Den Jubel zum 3:1 hören beide nicht mehr. Nach dem nächsten Verdunsten werden ihnen ihre Kollegen sagen, dass es ein schönes Tor war: Funke von außen in den Strafraum. Ebbers steht goldrichtig. Drin. Ein klassisches Tor.

Klassisch wie Hamburger Wetter.

– ENDE –

Foto: Stefan Groenveld

Zum Weiterlesen und -schauen: Mehr Regenfotos von Stefan Groenveld; Berichte vom Übersteiger, von StPauli.nu, Nord SupportMetalust, Pathos 93, BreitseiteBeeblebox, KleinerTod; Presseschau von Blutgrätsche Deluxe

Zum Weiterhören: Audioreportage zum 3:1 gegen Dresden von Wolf Schmidt und Knut Kalbohm

Veröffentlicht in FC St. Pauli

4 Antworten

  1. 16.Spieltag (H) – Dynamo Dresden | Übersteiger-Blog

    [...] Gegengeraden Gerd (“Regentropfenmassaker”) [...]

  2. ring2

    Wie lustig. Habe meiner Tochter vorgestern auch eine Geschichte zweier Regentropfen erzählt, die auf Nordstehernasen klatschten. Da haben’s Deine besser ;)

  3. Gegengeraden-Gerd

    @Ring 2: Was erzählst du deiner Tochter denn für gewalttätiges Zeugs …?!? Wenn das man kein Regentropfentrauma wird …

    ( ;-) ? Von wegen !!! Aber was das schönere Ende angeht, haste natürlich recht.)

  4. Tägliche Presseschau des magischen FC, 30.11.2011 | Blutgrätsche Deluxe

    [...] Bitte lest den Gegengeraden Gerd sein Regentropfen-Theaterstück in mehreren Akten zum Spiel gegen Dynamo. Danke! [...]

Deinen Senf dazugeben? Man zu!

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Über Gegengeraden-Gerd:

Gerhard von der Gegengerade, 55, ist seit 1910 Dauerkarten-Besitzer des FC St. Pauli.

Als leicht entflammbare Ein-Mann-Meckerecke regt er sich über das Geschehen am Millerntor und in der sonstigen Fußballwelt auf. Das Ergebnis veröffentlicht er hier und auf Twitter in wüsten Pamphleten zwischen Wahn (klar erkennbar) und Witz (möglicherweise unfreiwillig).

Nebenbei unterstützt Gerd die Stadionzeitung VIVA ST. PAULI als Fußball-Sachverständiger.