Rächer der Entpunkteten

24. Februar 2009 von Gegengeraden-Gerd

Mo., 23.02.2009, 20.15 Uhr: FC St. Pauli – 1. FC Kaiserslautern 2:0

Und dann holt der Schiri auch noch Gelb-Rot aus seinen Taschen. Ein Gegner weniger. St. Pauli in Überzahl – das kommt mir immer so vor, als würde Robin Hood plötzlich ganz Sherwood Forest besitzen, mitsamt aller Nadelbäume, Hochsitze und trotteligen Vasallen des Sheriffs von Nottingham. 

Hoods enger Verwandter Robin Kiez, der Rächer der Entpunkteten, pflegt auf solche Zwischendurch-Aufnahmen in die Kreise der Mächtigen, Überlegenen und Besitzenden, kurz: des Establishments, mit jäher Mildtätigkeit zu reagieren. Einen Gegner treten, der schon am Boden liegt? Nicht am Millerntor.

Sympathischer Zug eigentlich. Nur ziemlich nervtötend, wenn man fröstelnd auf der Tribüne steht, keineswegs nur Schönes gesehen hat und sich vorstellt, aus so einer Situation nur ein Mal, ein einziges Mal, neben dem Rausch des plötzlichen Overdog-Seins auch noch was anderes mit nach Hause zu nehmen. Drei Punkte zum Beispiel.

Und auf einmal passiert’s: Überzahl-Sieg. An einem Montag im Februar. Nach zwanzig Minuten Schweigen auf den Rängen und fünfundvierzig Minuten Belanglosigkeit auf dem Rasen, die ich mal ganz geschmeidig vorspule. Das Wichtigste davon hab ích ja schon erzählt:  die kunterbunte Pappen-Aktion in der 40. Die völlig berechtigt war, mal ganz nebenbei (gute Besserung, Goofy!). Aber was hilft das, wenn unsere Jungs dadurch so drückend überlegen werden, dass sie sich selbst erwürgen?

Kurz nach der Pause sind sie auf dem besten Wege dahin. Erste Großchance Lautern: Hain faustet sie weg. Zweite Großchance Lautern: Hain versucht’s mit Fingerspitzengefühl und ballert sich das Ding fast selbst in die Maschen. Zum Glück erwischt er dann doch noch die Latte, und Gunesch räumt ab.

Ich finger schon nach meinen Kreislaufpillen, weil ich mir sicher bin, dass das dritte Ding dieser Art sitzt, als Bruns Hoilett anspielt und der zu einem dermaßen traumhaften Solo ansetzt, als hätte er vom Fairness-Fluch bei Überzahl noch nie was gehört. Was ja sein kann, ist ja noch jung, der Mann. Und eingewechselt wurde er auch noch. Gute Idee, denn Hoilett verlädt zwei Lauterer, überschreitet die Strafraumgrenze, peilt „Roten Teufel“  Numero 3 an – und fällt.

Ehrlich gesagt: Für mich sah das ganze ja so aus, als hätte der Gute dem süßen Sog der Schwerkraft ein Stückchen vor der Berührung durch Gegners Gräten nachgegeben. Muss wohl ´ne Sinnestäuschung gewesen sein. Ludwigs verwandelter Elfer war’s zum Glück nicht: schönes Ding. Fast so unhaltbar wie die steilsten Thesen meines abgebrochenen Philosophiestudiums.

Dann nochmal 25 Minuten Routinefußball mit gelegentlichen Stimmungs-Sprenkeln – und auf einmal hängen da über zwei Meter Mensch in der Luft und fliegen in Zeitlupe auf das Lauterer Tor zu wie diese Riesen-Ramme im „Herrn der Ringe“. Grond oder so heißt das Ding, ihr wisst schon. Gehört natürlich den Fiesen, was bei Mo Gott sei Dank nicht der Fall ist. Überhaupt verhält er sich schlauer als das Teil aus dem Film: Er lässt das Tor heil und rammt statt dessen den Ball hinein. 2:0.

Drei Minuten später ist Schluss. Drei Punkte mehr auf dem Konto. Und in den Lehrbüchern ein Naturgesetz weniger zum Auswendiglernen. Denn im Jahre 2009 kann der FC St. Pauli auch in Überzahl gewinnen. Wenn das so weitergeht, lernt er 2010 fliegen.

Oder haben sich unsere Jungs nach dem Gang in die Kabine nur beim Gegner-Durchzählen vertan?

Veröffentlicht in FC St. Pauli

10 Antworten

  1. ring2

    hihi:
    und auf einmal hängen da über zwei Meter Mensch in der Luft und fliegen in Zeitlupe auf das Lauterer Tor zu wie diese Riesen-Ramme im „Herrn der Ringe“

    das war scheun ;)

  2. Jekylla

    Das war ja sowas von antizyklisch gestern! In Überzahl in führung liegen und in der schicksalhaften 87./88. Minute auch noch eine Bude reinmachen – das ist nicht mehr mein St. Pauli!!

    :-)

  3. Der Glaube ist zurückgekehrt ans Millerntor #fcsp — ☠ Ring2

    [...] Stimmen zum feinen Heimsieg am Millerntor gestern: FCSP vs FCK 2:0 – Gegengeraden-Gerd “Rächer der Entpunkteten” . Bildergalerie von Antje auf fcstpauli.com [...]

  4. Henrico

    Sehr schöner Bericht, vielen Dank! Und war ein tolles Spiel gestern mit krönendem Abschluss (so kam der Sieg wenigstens nicht durch den Elfer allein) und gut gelauntem Mo.

  5. Carsten

    Hallo Gerd,
    immer wieder schön deine tollen Zusammenfassungen zu lesen. Wir leben mittlerweile in NRW und müssen vielen Leuten erklären, was das besondere am FC St. Pauli ist. Vielen habe ich eine deiner Spielbeschreibungen geschickt und sie haben verstanden was der Unterschied ist.

    Gibt es ein größeres Kompliment ?

    Gruß

    Carsten

  6. Gegengeraden-Gerd

    @Ring2, Jekylla, Henrico und Carsten: Vielen Dank für euer Lob – fast so schön wie ein Heimsieg :-)

  7. Gegengeraden-Gerd: Jetzt rede ich! » » Unheimlich heilig

    [...] Hatte nicht eine Woche zuvor der sonst so heilige Verein in geradezu hinterlistiger Manier einen harmlosen Gegner, der auch noch in Unterzahl geriet, ruchlos dahingemeuchelt? Mit kaltblütig herausgeholten Elfmetern und mitleidlosen Kopfballgeschossen? [...]

  8. Gegengeraden-Gerd: Jetzt rede ich! » » Punktspende

    [...] sollte der liebe Mo Sako eines Tages ein Video seines Granaten-Kopfballs gegen Lautern entdecken – im Osterkörbchen zum Beispiel, ist ja bald – wäre ich ihm dankbar, wenn er sich’s ansieht [...]

  9. Gegengeraden-Gerd: Jetzt rede ich! » » Klettfußball

    [...] Elf sind manchmal einer zuviel. Jedenfalls wenn der Gegner zu zehnt ist. [...]

  10. Gegengeraden-Gerd: Jetzt rede ich! » » Spritzenspiel

    [...] für St. Pauli. (Als wären wir das nicht gefühlt schon vorher gewesen!) Können wir zwar traditionell nicht, aber was [...]

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Über Gegengeraden-Gerd:

Gerhard von der Gegengerade, 55, ist seit 1910 Dauerkarten-Besitzer des FC St. Pauli.

Als leicht entflammbare Ein-Mann-Meckerecke regt er sich über das Geschehen am Millerntor und in der sonstigen Fußballwelt auf. Das Ergebnis veröffentlicht er hier und auf Twitter in wüsten Pamphleten zwischen Wahn (klar erkennbar) und Witz (möglicherweise unfreiwillig).

Nebenbei unterstützt Gerd die Stadionzeitung VIVA ST. PAULI als Fußball-Sachverständiger.