Prinzenrolle

24. Februar 2012 von Gegengeraden-Gerd
ACHTUNG: Das ist nicht die "Schauinsland-Reisen-Arena", das ist die Karnevals-Arena zu Duisburg-Ruhrort (VOR 11:11!)

ACHTUNG: Das ist nicht die "Schauinsland-Reisen-Arena", das ist die Karnevals-Arena zu Duisburg-Ruhrort am Samstag nach dem Spiel (VOR 11:11 Uhr!)

Freitag, 17.02.2012, 18 Uhr: MSV Duisburg – FC St. Pauli 0:1 (0:1)

Bisschen viele Sitzplätze für meinen Geschmack. Sonst ganz schön hier. Zwei Ränge, dicht am Rasen, Platz für über 30.000. Aber irgendwie sitzt das Bauwerk zu locker. Als wäre das Stadion zu groß oder der Verein zu klein. Vielleicht ist das Publikum einfach nur zu heiß gewaschen worden im Abstiegskampf und dabei eingelaufen.

Resttemperatur ist genug da: Schon beim Aufwärmen ein gellendes „WIR WOLL’N EUCH KÄMPFEN SEHEN“ aus dem Heim-Stehplatzbereich. Jetzt wen?, denk ich: die Karnevals-Funkenmariechen im Vorprogramm? Oder das Närrische Oberhaupt Prinz Günter II., der via Stadionmikrofon ein 1:0 für die Zebras prophezeit?

"1:0 für Duisburg!" Prinz Günter II. lässt sich den Frohsinn nicht verbieten. Foto: Christoph Nagel

"1:0 für Duisburg!" Prinz Günter II. lässt sich den Frohsinn nicht verbieten

Unsere Jungs legen jedenfalls los, als wären sie gemeint, und machen gegen die „Zebras“ da weiter, wo sie gegen Bochum aufgehört haben: Maloche hoch elf. Tunnelbau über Tage. Presslufthammer statt Florett, als wäre die Luft zu Granit geworden.

In der 20. Minute sprengt Dynamit-Boller den Weg zu drei Punkten frei. Mit einem Kopfstoß, bei dem man nicht Ball gewesen sein möchte. Vorlage: Bruns. Schön nach ruhendem Leder natürlich; genug Zeit, um die Sprengung vorzubereiten, dann Zündung per Freistoß.

Die Explosion muss irgendwie auch die Heim-Mannschaft geweckt haben, denn ab dieser 20. Minute erinnern die “Zebras” schon eher an die fanseitig gewünschten Kampfhunde. Zoologisch betrachtet ziemlich erstaunlich.

"Wir woll'n Euch kämpfen sehen!" Duisburgs 1. (Karnevals-)Mannschaft verlässt den Rasen.

"Wir woll'n Euch kämpfen sehen!" Duisburgs 1. (Karnevals-)Mannschaft verlässt den Rasen.

Denk ich so vor mich hin, denn ich bin ausnahmsweise nicht mit Schreien beschäftigt. Mehr Spielbeobachter diesmal, verschleppt in die Duisburger Schnittchenzone. Still ist es hier in der Geraden, gegenüber genauso; in der kurzen Stadionseite zu meiner Linken singen die Steh-Duisburger; schräg rechts in der Stadionecke gegenüber die St. Paulianer. Gleichlaut wie die Heimfans, oft lauter. Ich wäre gern bei ihnen. Obwohl man hier nett sitzt. (Aber wieso wird hier eigentlich kein Bier in den Schnittchenbereich gebracht? Angst vor gewaltbereiten Business-Seat-Werfern?)

Die Einheimischen begegnen mir freundlich, aber ich bin ja auch nicht der Fußball, und schon gar nicht ihr Team. Das wird per Klangdusche in die Halbzeit geschickt: gellendes Pfeifkonzert. Der Stadion-DJ legt als Gegenmaßnahme den “Zebra-Twist” auf. (Ein Klassiker, der allein schon Grund genug wäre, eine Ausnahmegenehmigung für permanenten Profifußball in Duisburg auszustellen, wenn das nach mir ginge.) Sofort ist Ruhe. Die Szene kommt später nochmal dran: Pfiffe, Zebratwist, Ruhe. Hübsches Ritual, dieser Duisburger Dreiklang.

Ab zum Pausenbier. Hell und weit, das Lachsrevier. Wie eine großzügige Hotel-Lobby. Freundliche Damen und Herren bringen Bier an runde Tische, unten im Empfangsbereich steht ein neuer Volkswagen mit Rallyestreifen, vielleicht ein Not-Fluchtwagen für die Mannschaft. Man weiß ja nie.

Ich schon gar nicht, denn vor mir steht ein Mann und piekt mir Fasanenfedern ins Auge. Was daran liegt, dass  er sie am Hut trägt und die gut zwei Meter langen Dinger mächtig ausschwenken. Auch der Rest des Outfit ist mutig: roter Umhang, farblich passende Schuhe mit weißer Schleife und weiße Strumpfhose. Der Mann ist Prinz Günter II. persönlich und hier für den Frohsinn zuständig.

Kein leichter Job im Moment, denn er hat meinen Gegengeradennachbarn Brille an der Backe, der um zwei Ecken für meine Verschleppung verantwortlich ist. Pilsette in der Rechten und Currywurstgabel in der linken, palavert Brille mit der Karnevalsgröße. Wahrscheinlich tauschen sie Karrieretips. Kann Brille gut brauchen, denn mit seinen Büchern wird das nie was mit dem Promidinner. Weit ist der Weg vom Ü- zum Z-Promi.

Nachbrenner: Prinz Günter II. bei der "Aftershow-Party" in Duisburg-Ruhrort. Helau! Foto: Christoph Nagel

Nachbrenner: Prinz Günter II. bei der "Aftershow-Party" in Duisburg-Ruhrort. Helau!

Prinz Günter strahlt unterdessen Wonne aus, was mir nicht recht gelingen will. Fasanenfedern, ihr wisst. Ich niese, heule und ducke mich im Wechsel, aber mit sicherem 7. Sinn verwandelt der agile Prinz jede Chance zum Treffer, völlig ohne hinzuschauen und mit größter innerer Zufriedenheit.

Das genaue Gegenteil zu den Spielern des Meidericher SV Duisburg in der zweiten Halbzeit. ”Wir wolln euch kämpfen sehen”, haben die Fans gerufen; vom Treffen war nie die Rede. Das Spiel biegt und bricht weiter vor sich hin, mal unsere, mal die anderen, nie schön. Zwischendurch rettet Pliquett mit blitzschnellem Beinreflex, bisschen wie beim Derby gegen die Rothosen.

Am Ende hatte Günter II.  glatt recht, bloß verkehrt herum. Aus 1:0 mach 0:1 – Prinzenrolle. Seine Laune lässt er sich davon nicht ruinieren. Das Heimpublikum schon (Pfiffe, Zebratwist, Ruhe.) “Ein Viert-, ein Fünft-, ja sogar ein Achtligist hätte heute gegen St. Pauli gewonnen”, krakeelt mir ein enttäuschter Zebra-Anhänger entgegen, und Brille macht sich auf Currywurstsuche.

Links unter mir fliegt eine Vierer-Trägerpappe in Richtung André Schubert und verfehlt knapp. Sie bleibt das einzige, was hier und heute abhebt.

Zum Nachhören:
AFM-Radio-Podcast zum MSV-Spiel (mit großartiger Gastkommentatorin!)

Zum Vorglühen aufs Braunschweig-Spiel:
Übersteiger-Interview mit Gerald Fricke

Veröffentlicht in FC St. Pauli

3 Antworten

  1. Jekylla

    Hoffe, das Jeky-Gedächtnisschnittchen hat gemundet. ;)

    “Wir woll´n Euch treffen sehen!” – danke für den Hinweis, das ist ein ganz klarer Unterschied!

  2. Gegengeraden-Gerd

    Es war köstlich, liebe Frau Jekylla! Obwohl weder Lachs noch Brot dabei war …

  3. Zaphod

    Der fehlende Lachs liegt wohl an der geographischen Lage, die im Süden essen Stäbchen, wusste doch schon Fettes Brot ;)

Deinen Senf dazugeben? Man zu!

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Über Gegengeraden-Gerd:

Gerhard von der Gegengerade, 55, ist seit 1910 Dauerkarten-Besitzer des FC St. Pauli.

Als leicht entflammbare Ein-Mann-Meckerecke regt er sich über das Geschehen am Millerntor und in der sonstigen Fußballwelt auf. Das Ergebnis veröffentlicht er hier und auf Twitter in wüsten Pamphleten zwischen Wahn (klar erkennbar) und Witz (möglicherweise unfreiwillig).

Nebenbei unterstützt Gerd die Stadionzeitung VIVA ST. PAULI als Fußball-Sachverständiger.