Postkarte vom Millerntor
So., 30.11.2008, 14.00 Uhr: FC St. Pauli - FC Ingolstadt 04 1:0
Liebe Tante Kriemhild,
von meinem Lieblingsplatz auf der Gegengeraden sende ich dir herzliche Grüße. Ist nicht so viel los im Moment, also schreib ich dir einfach mal. Mach dir keine Sorgen wegen der verwischten Schrift. Sind keine Tränen, ist nur das Wetter. Also danke für die Fingerhandschuhe, die du mir gestrickt hast. Kann man großartig mit schreiben. Nur die eingenähten Klatschflächen hab ich noch nicht so gebraucht. Mach ich dann bei der ersten Torchance, versprochen. Hat noch Zeit, Spiel läuft ja erst zwanzig Minuten.
Ich reg mich auch gar nicht doll auf heute. Alles ganz entspannt. Manchmal haben unsere den Ball, manchmal der Gegner, manchmal fliegt der Ball ins Aus. Hast schon Recht, was gibt man nicht einfach jedem auf dem Platz einen. Oder wenigstens einen Ball mehr ins Spiel so alle fünf Minuten, wenn’s nicht läuft. Gäbe weniger Streit, und es ginge auch weniger daneben. Das mit den Pässen ist ja immer auch so’n Unsicherheitsfaktor. Obwohl: Da kommen gerade welche an! Lieber schnell weggucken, sonst fühlen die Jungs sich beobachtet. Dann hören die mit dem Fußballspielen ganz schnell wieder auf.
Warte, jetzt passiert wieder was. Hand, sacht der Schiri. Von den andern! Sauber, das gibt Elfmeter. Irgendwie freuen sich die Leute aber nicht so doll wie beim letzten Spiel. Gut so, erstmal schießen das Ding. Der Ludwig soll das machen, soso. „MITTE!“, ruf ich, „MITTE!“ Ist nämlich raffinierter, wenn man in die Mitte schießt. Weil der Torwart ja immer was machen muss, sonst kriegt der eins aufs Dach. Bleibt der einfach stehen, ist das wie Rumsitzen und Nachdenken im Büro: Sieht nach nix aus, also schlechte Idee. Lieber wild durch die Gegend hechten. Als Torwart jetzt, meine ich. Im Büro ist das nicht so gut. Ludwig läuft an: Drin! Und: genau in die Mitte. Was hab ich dir gesagt.
- So, hab ne kleine Pause gemacht. Das Spiel ist fast zu Ende. Der nette Herr Eger, von dem du immer schwärmst, hätte noch fast ins Tor getroffen. Und der Ludwig schießt jetzt immer voll in die Mitte. Auch wenn Mannschaftskollegen dazwischenstehen. So war das natürlich nicht gemeint. Jetzt muss ich aber aufhören, der Schiri pfeift ab. Aber siehst du: Kannst auch mal mitkommen hierher. Ist gar nicht so schrecklich aufregend. Und neuerdings gewinnen wir trotzdem.
Viele Grüße, dein Gerd
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Veröffentlicht in FC St. Pauli
15. Dezember 2008 um 19:11
Feine Idee, feiner Text.
Habe Dich glatt gelieblnked
http://lieblnk.de/story.php?title=gegengeraden-gerd—-postkarte-vom-millerntor
16. Dezember 2008 um 00:25
*rotwerd* Danke!