Post von Tante Kriemhild

20. November 2011 von Gegengeraden-Gerd

Sa., 19.11.2011, 13:00: Hansa Rostock – FC St. Pauli 1:3 (0:1)

Lieber Gerhard,

hab ganz lieben Dank für den unvergesslichen Ausflug nach Rostock. Die Karten waren ein wundervolles Geschenk! Auch Dein Onkel Werner hat sich sehr gefreut, obwohl er sich aus Fußball sonst nichts macht. Aber die Gastfreundschaft der Menschen dort ist einfach unvergleichlich!

Stell Dir vor: Damit wir von der Hamburger Reisegruppe uns so richtig wohlfühlen, hatten die das halbe Stadion mit St. Pauli-Sachen verziert! Da hingen ganz viele Schals und Fahnen und T-Shirts. Manche davon haben sie sogar extra für uns angezündet.

Onkel Werner ist ganz andächtig geworden. „Fast wie Weihnachten!“, hat er gemeint. Ich hab ja mehr an Laternelaufen gedacht. Oder an Kirchenkerzen, weißt Du? Wie die, die ich immer für Deine Omi anmache. Damit die Omi im Himmel weiß, dass wir immer ganz doll an sie denken.

Die Leute in Rostock denken jedenfalls immer ganz doll an uns. Ein paar von denen haben sich sogar an den Rand von ihrem Zuschauerblock gestellt und die ganze Zeit zu uns rübergeschaut. Nicht ein einziges Mal haben die aufs Spielfeld geguckt – obwohl die Karten bestimmt ganz schön teuer waren!

Ich war ganz verlegen. Und Werner ist bald eifersüchtig geworden: Die ganzen kräftigen jungen Männer, die mir schöne Augen machen! Ach mein Gott, du kennst ihn ja. Bloß gut, dass ich noch bei Gitti im Frisurenstudio gewesen war! Die hat extra für mich schon kurz nach Mitternacht aufgemacht, ging ja so früh los.

Und dann haben die Rostocker uns immer so lieb eingeladen, doch mal zu ihnen rüberzukommen. So nette Jungs, und was haben die gewinkt! Da war ich traurig, dass das nicht so einfach ging mit dem Rübergehen. Da waren ja die ganzen Schutzmänner dazwischen, also ich weiß auch nicht, was die wollten.

Mit denen hab ich mich ja schon morgens am Bahnhof Altona gestritten. Den ganzen selbst eingekochten Apfelsaft haben die gemopst, und das Waldbeerengelee! Nicht mal das Glas mit den Spreewälder Gurken haben sie mir gelassen!

Und am Stadion haben sie mir noch die ganzen Schnittchen weggenommen, die ich geschmiert hatte. Die sagten, da wäre Plastiksprengstoff drauf oder so. Was für ein Unsinn! Du weißt ja, ich kauf immer „Gut und Günstig“. Also Plastiksprengstoff, ich weiß ja gar nicht, ob die das überhaupt haben!

So ein Stück Bienenstich bei den netten Burschen von nebenan wäre da genau das Richtige gewesen. Aber na ja – dann haben sie uns stattdessen Eis angeboten: „Eis St. Pauli! Eis St. Pauli!“ Immer wieder! Wir haben dann alle zusammen mit gerufen, doch das Eis kam trotzdem nicht.

Aber dafür Bananen. Was für eine Freude! Ich weiß noch, wie das früher war: Werner und ich auf Ostbesuch zu den Verwandten, und dann immer kiloweise Bananen schmuggeln unterm Pullover. Ich hab ja immer gesagt, ich wär schwanger. Mit fast 50 damals!

Und nun? Nehmen sie das Wertvollste, was sie haben, und werfen das einfach so zu uns rüber, ohne etwas dafür zu verlangen. Besonders zu unseren Fußballspielern. Bestimmt, weil die immer so abgemagert aussehen! Ich glaube, diese Menschen wollten einfach mal etwas zurückgeben.

Werner ist ganz blass geworden. „Wahnsinn!“, hat er gesagt. „Als hätten wir mit Butter geworfen, damals nachm Krieg!“ Ich kann das ja alles nicht so beurteilen mit den wirtschaftlichen Zusammenhängen. Aber was soll ich sagen, Gerhard: Die Dankbarkeit dieser Menschen hat mich tief beschämt.

Und feiern können die! Aber das konnten die ja schon immer im Osten, das sagt Werner auch immer. Auch diesmal: Feuerwerk über Feuerwerk! Und alles zu uns rüber, nichts für sich selbst behalten! Da war mir fast ein bisschen peinlich, dass wir nur so eine einzige rote Wunderkerze hatten nach dem 1:0 für uns.

Nur eine Sache hab ich nicht so richtig verstanden, Gerhard: Was hatten die denn immer mit der Popo-Gymnastik? Ich mag das ja gar nicht schreiben, da waren auch ein paar schlimme Wörter dabei, die hätt ich dir früher aber nicht durchgehen lassen.

Aber naja. Die Jungs werden ja auch immer eitler heutzutage, und da in Rostock machen die bestimmt alle „Bauch, Beine, Po“-Kurs. Sogar vor dem Spiel. Die hatten ganz tolle Aerobic-Musik im Stadion! Gitti will mich ja auch immer hinschleifen zu so was, aber ich glaube, das lass ich mal den Rostocker Jungs, dafür bin ich zu alt.

Doch so einen Ausflug wie am Sonnabend, den mach ich bestimmt gerne wieder. Am Schluss haben die uns sogar noch die drei Punkte geschenkt!

Das nächstes Mal komm ich nicht mit leeren Händen. Da bring ich einfach ein paar Heizdecken mit von den anderen Kaffeefahrten. Für die Einheimischen, zum Anzünden! Da freuen die sich bestimmt. Und den Po halten die Decken auch schön warm.

Viele Grüße,
Deine Tante Kriemhild

Zum Weiterlesen: Tante Kriemhilds zweiten Brief findet ihr hier.

Zum Hintergrund: Stellungnahme Fanladen St. PauliMagischerFCSPNUStefan Groenveld, BreitseiteKleinerTod, Metalust, Blog 1910, Nord SupportÜbersteiger - Fußballwurst.de (waren’s nicht doch gebratene Bananen?) – Hanseator (Selbstkritik in Blau-Weiß-Rot!), Hansafans.de (mit klarer Stellungnahme gegen die “Leuchtspur-Jubler”) – After Changes (kluge Auseinandersetzung mit einem brachial blöden Blogpost) - Der Hönower und Textilvergehen (wie andere die Rostocker Gastfreundschaft erleben: Bericht und Podcast zum 5:2-Auswärtssieg der Unioner. Glückwunsch!)
Zum Weiterhören: Audioreportage von Wolf Schmidt und Knut Kalbohm
Zum Weiterschauen: Abteilung Nostalgie – wie sich der FC St. Pauli und Hansa Rostock lieben lernten (Video)

Veröffentlicht in FC St. Pauli

23 Antworten

  1. jens

    sehr schön. gefällt mir.
    danke.

    jens

  2. didi

    Gehard, ich glaube ich habe deine Tante gesehen!
    Sie hatte einen ganz bezaubernden Hut auf, und ganz viele Leckereien in ihrem Rollkoffer!

    Liebe Grüße!

  3. Gegengeraden-Gerd

    @didi, Jens:
    Dankeschön, da wird Tante Kriemhild sich freuen! Ihre Hüte sind ihr fast so heilig wie ihre Schnittchen.

    Weiß nur nicht, ob ich ihr die Sache mitm Feuerwerk nicht doch mal erklären soll …

  4. SCUDETTO: Ben Redelings – Fussball Blog » Video: Ich schäme mich!

    [...] Gegengeraden-Gerd findet zu den Ereignissen noch den Zugang über die Sprache der Ironie. Meinen Respekt! [...]

  5. Steinzeit reloaded. « change your mind

    [...] Vermutlich haben die Feuerwerkskörper/Böller ihr Ziel knapp verfehlt, womit mensch diesen satirischen Beitrag eines Sankt Paulianers mit einem bereiten Grinsen lesen kann. [...]

  6. Deutsche Bananen - unpolitische Raketenwerfer und das verrottete Sinken der Hansa Kogge | St. Pauli News & Social Club

    [...] “Deutsche, kauft Deutsche Bananen!” -Kurt Tucholsky [...] Die geistig-moralischen Brandstifter haben ganze Arbeit geleistet. Das verrottete Rostock ist aufgebrochen und stinkt uns nun allen ins Gesicht. [...] Links: #Stellungnahme Hansa Rostock Metalust KleinerTod Blog 1910 Gegengeraden-Gerds Tante auf Auswärts-Kaffeefahrt [...]

  7. Frittenmeister

    Sehr schön! Tante Kriemhild bringt es einfach auf den Punkt.

  8. 11Freunde Blogschau: Der Fehler mit Robben und Geschenke in Rostock

    [...] Verstehen kann man nicht, was da abseits des Platzes abgeht. Helfen kann nur noch Ironie. Formvollendet gelingt es St. Pauli-Blogger Gegengeraden-Gerd [...]

  9. DerR

    Sehr schön. Und das sag ich als Hansafan!

  10. Tägliche Presseschau des magischen FC, 22.11.2011 | Blutgrätsche Deluxe

    [...] stpauli.nu kleinertod sankt pauli mafia magischer fc gegengeraden gerd stefan groenveld Hier noch mal das Video: Gefällt mir:LikeSei der Erste, dem dieser post [...]

  11. KonBon

    Sehr schön geschrieben!

  12. Weltregierung

    Schönes Ding. Episch. Und so.

  13. Bommel

    Sehr gelungener Text. Sehr witzig. Nur würde mich noch interessieren, ob Tante Kriemhild den normalen Weg ins Stadion gewählt hat oder zu den 200 historisch interessierten Menschen gehört hat, die den Fall der Berliner Mauer und das Überrennen der Grenzposten nachgepielt haben…

  14. Gegengeraden-Gerd

    @Bommel: Hätte sie das traurige Schicksal ihrer Schnittchen geahnt, hätte Tante Kriemhild wahrscheinlich wirklich den Block gestürmt … :-)
    (P.S.: 200? Büschen aufgerundet, oder?)

    @KonBon, Frittenmeister, Weltregierung, derR, Bommel: Danke! Geht runter wie Bienenstich!

  15. Die Kogge ist in Arsch… | Übersteiger-Blog

    [...] Bericht Gegengeraden-Gerd (Top-Artikel! “Brief von Tante Kriemhild”) [...]

  16. Fanartisch

    [...] So kann man’s natürlich auch sehen: Gegengeraden-Gerd – Post von Tante Kriemhild [...]

  17. Gegengeraden-Gerd

    In eigener Sache: Schönster Suchmaschinen-Begriff, der Menschen auf diese Seite geschickt hat (nicht erfunden!):
    “best ager tourismus”
    :-)

  18. Gegengeraden-Gerd: Jetzt rede ich! » » 1000 Meisterwerke: Apokalypse WOW!

    [...] Viel ist bereits geschrieben worden über die mannigfaltigen Wege, auf denen sich die urgewaltige Kreativität der Rostocker Stadionkunstszene am vorvergangenen Wochenende mitteilte. [...]

  19. Gegengeraden-Gerd: Jetzt rede ich! » » Ich kaufe ein “K”!

    [...] Bewunderung für den hochgeschätzten DFB. Auch ein kurzer Gegencheck mit meiner groundhoppenden Tante Kriemhild ergab zweifelsfrei, dass da nichts anderes gerufen worden war als: [...]

  20. Gegengeraden-Gerd: Jetzt rede ich! » » Gebrannte Mandeln

    [...] ein erneuter Protest unserer Vereinsführung beim DFB nach der gütigen Gnade von Rostock (zum „NAKI-Skandal“ bitte hier entlang) wider Erwarten erneut Erfolg haben (was ich hoffe) [...]

  21. Gegengeraden-Gerd: Jetzt rede ich! » » Endlich bewiesen: Der DFB ist gut und gerecht!

    [...] Wenn ein ganzer Auswärtsblock, wie beispielsweise zu Rostock geschehen, auf homophobe Beleidigungen unterster Kajüte, permanente Verbrennungen von geklauten [...]

  22. Gegengeraden-Gerd: Jetzt rede ich! » » Schilda im Krieg (oder: Neue Post von Tante Kriemhild)

    [...] schade, dass wir uns letzten Sonntag verpasst haben. Es war so schön letztes Jahr mit den Rostockern, da haben Dein Onkel Werner und ich gedacht, wir überraschen Dich einfach und kommen rüber zu [...]

  23. ein Kessel Braun-Weisses | OSTBLOCK Sankt Pauli

    [...] aber langsam wird es schwer) verlas Maria Ketikidou(ja die Kommisarin aus dem Großstadtrevier) Tante Kriemhilds Post aus Rostock, absolut [...]

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Über Gegengeraden-Gerd:

Gerhard von der Gegengerade, 55, ist seit 1910 Dauerkarten-Besitzer des FC St. Pauli.

Als leicht entflammbare Ein-Mann-Meckerecke regt er sich über das Geschehen am Millerntor und in der sonstigen Fußballwelt auf. Das Ergebnis veröffentlicht er hier und auf Twitter in wüsten Pamphleten zwischen Wahn (klar erkennbar) und Witz (möglicherweise unfreiwillig).

Nebenbei unterstützt Gerd die Stadionzeitung VIVA ST. PAULI als Fußball-Sachverständiger.