Lichthupenfußball

23. Oktober 2012 von Gegengeraden-Gerd

48 Minuten Zermürbung durch permanentes Nichttoreschießen. Dann das 1:0. Foto: magischerfc.de

So., 21.10.2012, 13:30: SC Paderborn 07 – FC St. Pauli 1:1 (0:0)

Nach fünf Minuten hatte ich den ersten Verdacht. Nochmal zehn später war ich mir sicher: clevere Strategie. Psychologische Kriegsführung. Ausgefeilter noch als das Höllenpotpourrie, das die Paderborner Stadionboxen verschießen, frei nach dem Paderborner Motto: “Wenn Noten zu Schrotkugeln werden”.

Unser neues Motto belebt einen Klassiker der Vereinsgeschichte und interpretiert ihn neu. „Den Gegner durch permanentes Toreschießen zermürben“ war gestern. Das neue Motto heißt: „Den Gegner durch permanentes Torenichtschießen zermürben.“

Was gab es da am Sonntag nicht alles zu sehen! Schindler – ein Strahl wie ein Überschallflugzeug, knapp übers Tor. Klasse Vorlage von Bartels! Dann gleich wieder Bartels, setzt sich durch, auf Ginczek, knapp vor dem Fünfmeterraum, flacher, trockener, unwiderstehlicher Schuss – links an den Pfosten. Kalla, Steilpass, auf Schindler, hoch weiter auf Ginczeck, Kopfball – knapp drüber.

Das war kein „Best of“ aus drei Spielen – das waren nur die Highlights der ersten paar Minuten! Und das ging munter so weiter. Kringe. Bartels. Bartels. Ginczek! Keiner auf dem Rasen schien zu wissen, dass wir auswärts in Paderborn traditionell nichts zu bestellen haben.

Das war Torenichtschießen in Perfektion. Glaubt bloß nicht dass das Zufall war!

Glaubt ihr doch? Gut, dann erklär ich euch die Strategie.

Schon mal Auto gefahren, am besten auf der Autobahn? Schon mal einen richtig fetten Wagen hinter euch gehabt, Pferdestärken bis zum Abwinken, und immer schön dicht aufgefahren, mit Lichthupe und so?

Jetzt stellt euch mal vor, der ganze linke Streifen ist frei, und der Drängler überholt trotzdem nicht. Die ganze Zeit überholt der nicht! Obwohl glasklar ist, dass er die PS dazu hätte. Obwohl es gar kein Problem wäre. Er lichthupt und drängelt. Er macht euch so richtig nervös.

Er zermürbt euch.

Fin Bartels schon wieder an der Lichthupe. Foto: magischerfc.de

Ersetzt Pferdestärken durch Torgelegenheiten, und schon habt ihr unsere neue Taktik verstanden. Wer so einen Verein hinter sich in der Tabelle drängeln hat, braun-weiße Lichthupe und alles: Der ist natürlich dermaßen  verunsichert, dass er wenige Spieltage später das Fußballspielen komplett einstellt.

Und die komplette Liga-Autobahn ist frei. Für uns!

Genial, oder? Nach gut 48 Minuten Zermürbung erbarmte sich der junge Ginczek und packte den bettelnden Paderbornern endlich den Ball ins Tor. Was dann ja hätte reichen müssen, die Paderborner waren ja theoretisch zermürbt.

Nur leider: Sie waren es praktisch noch nicht. Jedenfalls nicht zermürbt genug. Während unsere Jungs sich, man muss es so hart sagen, ein wenig auf ihrer erfolgreichen Zermürbungsarbeit auszuruhen schienen, erinnerten sich die Paderborner, dass sie ja selbst seit Jahr und Tag sogar ihre eigene Stadionhymne überstehen, was sie so ziemlich unzermürbbar machen dürfte für alles andere auf dieser Welt.

Und sie hatten eine definitiv unzermürbbare Geheimwaffe im Köcher: Die als 31 getarnte 23. Und so kam es, wie es kommen musste: Naki kommt ins Spiel. Naki kommt an den Ball. Naki wühlt sich durch den braun-weißen Strafraum. Naki schießt das 1:1.

So sieht erfolgreiche Rückzermürbung aus. Auch wenn Braun-Weiß in den letzten Minuten wieder Gas gab, samt Chancen bis zur letzten Sekunde: Es blieb dabei. 1:1 Endstand.

Aber  naja: Der braun-weiße Explosionsmotor läuft wieder. Wie’s aussieht, sogar auf Hochtouren. Die Lichthupe funktioniert. Zeit, weiter zu drängeln. Wenn’s so weitergeht wie zuletzt, darf der Rest der Liga vor uns jetzt gern nervös werden.

Zum Weiterlesen: Das einzig wahre Stadionsicherheitskonzept von Tante Kriemhild und mir.

Mehr zum Spiel: “Hörfilm” zum Spiel und Interview mit Deniz Naki vom AFM-Radio; Spielberichte von Ostblock (willkommen in der Blogosphäre!), Siamo Tutti, SPNU, KleinerTod, Gastspiel, MagischerFC, Übersteiger-Blog, FCUM A.D. (in English)

Veröffentlicht in FC St. Pauli

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Über Gegengeraden-Gerd:

Gerhard von der Gegengerade, 55, ist seit 1910 Dauerkarten-Besitzer des FC St. Pauli.

Als leicht entflammbare Ein-Mann-Meckerecke regt er sich über das Geschehen am Millerntor und in der sonstigen Fußballwelt auf. Das Ergebnis veröffentlicht er hier und auf Twitter in wüsten Pamphleten zwischen Wahn (klar erkennbar) und Witz (möglicherweise unfreiwillig).

Nebenbei unterstützt Gerd die Stadionzeitung VIVA ST. PAULI als Fußball-Sachverständiger.