Leichtmetallmatrosen

8. Dezember 2012 von Gegengeraden-Gerd

Sa., 1. Dezember 2012: FC St. Pauli – 1. FC Kaiserslautern 1:0 (0:0)

Da freut sich auch die Front-Zecke! Foto: Stefan Groenveld, www.stefangroenveld.de

Wenn mir nach Fachsimpeln ist und gerade kein passendes Heimspiel zur Hand, geh ich ja am liebsten in den Baumarkt. Bisschen die Seele baumeln lassen am Schraubenregal, die neuen Metabos Probe fahren, Ihr wisst, was ich meine. Am schönsten isses natürlich in der Stadionbau-Abteilung.

Alles gibt das da, einfach alles! Beton, Glas, Stahlträger, sogar Bierpfützen zum Aufkleben und Fan-Atrappen aus Naturkautschuk („Für Kunden, die Retortenklubs aufmachen wollen“, sagt der Verkäufer. „Geh’n in Hamburg noch nicht so gut.“). Nur zwei Sachen gibt’s da nicht, und damit krieg ich den Kollegen Fachberater jedes einzelne Mal dran: „Und?“, frag ich, „Wo find ich denn hier Liebe und Lärm?“

Richtig geraten: Hamse nicht. Hätten wir im Stadion auch nicht, wenn das die Fans nicht gäbe. Weil, siehe oben: Kann man nicht mal eben im Baumarkt kaufen. Die Fans selber übrigens auch nicht. (Es sei denn, man führt endlich den Profi-Fan ein, Ihr kennt ja meinen Vorschlag. Aber der DFB will einfach nicht auf mich hören. Na ja, wer auf einem Auge blind ist, kann auch auf beiden Ohren taub sein …)

Und weil gewisse Leute in gewissen Verbänden diesen Zusammenhang irgendwie nicht recht verstehen, war neulich gegen Lautern erstmal Ruhe im Karton. Am Millerntor und in zig anderen Stadien.

12 Minuten und 12 Sekunden Schweigen, weil am 12.12. über neue „Sicherheitsregeln“ entschieden werden soll. Fand ich ja ziemlich beeindruckend, diese Stille. Wie früher in der Leihbücherei: Lässt einer versehentlich ein Lesezeichen fallen, und – „PSCHSCHSCHT!“

Was es in der Leihbücherei eher nicht so gab: zwischendurch „PLOCK!“ Immer, wenn die Lauterer (oder aushilfsweise Jan-Philipp Kalla) mal wieder nen Ball an einen unserer Torpfosten gesetzt hatten. Was quasi dauernd war in den ersten Minuten. Fast hätt ich den Text hier „In Aluminiumgewittern“ getauft! Und Ihr wisst, ich übertreibe nie.

Kriegen wir eigentlich Schadenersatz für die ganzen Beulen im Metall? Na gut: Drei Punkte sind ja nicht schlecht für den Anfang. Vor allem, wenn man die ungefähr so sehr erwartet hat wie den spontanen Ersatz der kompletten deutschen Synchronschwimm-Olympiamannschaft durch die Jungseniorinnen Bad Bevensen.

Noch nie hatten die Lauterer verloren in dieser Saison, noch nie! Und was machen unsere Leichtmetallmatrosen? Nageln die „Region“ mit jeder Minute fester an die Wand. Besonders in Halbzeit zwo. Als wären die mit mir im Baumarkt gewesen! Und zwischendurch Kombinationen, als hätte Tante Kriemhild persönlich die gehäkelt. Keine Masche locker.

Textil und Werken gleichzeitig: Das geht! Sah man ja auch am 1:0: Erst Buchtmann mit der seidenweichen Filigranvorlage – und dann schmirgelt Ginczek in der Endabnahme das Rauhleder nochmal kurz und kräftig an Gegners Alu glatt, ehe er es höchstpersönlich im Lauterer Tornetz verpackt. Zum Glück erst in der 67., so gab’s kein Problem mit dem Jubeln.

Wenn’s nach mir geht, Jungs: Morgen gegen Aue einfach noch eins von dem Zuschnitt. An die Pfosten könnt Ihr die Erzgebirgler ruhig schießen lassen. Selbst wenn die Dinger bald schrottreif sind. Ihr wisst ja: Pfosten lassen sich jederzeit ersetzen. Fans nicht.

Foto: Stefan Groenveld

Mehr zum Spiel: Audioreportage vom AFM-Radio, Fotos bei Stefan Groenveld, Berichte bei Gastspiel, Beebleblox, Ostblock, Pathos 93, KleinerTod, Momorulez, Übersteiger, Moeliw und SPNU.

Veröffentlicht in FC St. Pauli

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Über Gegengeraden-Gerd:

Gerhard von der Gegengerade, 55, ist seit 1910 Dauerkarten-Besitzer des FC St. Pauli.

Als leicht entflammbare Ein-Mann-Meckerecke regt er sich über das Geschehen am Millerntor und in der sonstigen Fußballwelt auf. Das Ergebnis veröffentlicht er hier und auf Twitter in wüsten Pamphleten zwischen Wahn (klar erkennbar) und Witz (möglicherweise unfreiwillig).

Nebenbei unterstützt Gerd die Stadionzeitung VIVA ST. PAULI als Fußball-Sachverständiger.