Klettfußball

6. November 2011 von Gegengeraden-Gerd

Sa., 5. November 2011: FC St. Pauli – SpVgg Greuther Fürth 2:2 (0:1)

Wenn man sich vorstellt, der Ball wäre aus Plüsch und das Mittelfeld mit Klettband ausgeschlagen – dann hat man eine ziemlich genaue Vorstellung von unserer ersten Halbzeit gegen die Spielvereinigung Greuther Fürth.

Klettfussball: Träge klebt der Ball am Rasen, selten, dass er sich mal losreißt. Und wenn, dann in die falsche Richtung. Von ein-zwei Chancen für uns abgesehen.

Passend zum Klettfußball: der Klettsupport. Oberlippen kleben an Unterlippen, selten, dass sie sich mal losreißen. „Sonnendeck-Atmosphäre“ – das gibt’s also auch, wenn die Sonne nicht scheint.

Morgenstund hat Gold im Mund? Kann sein. Mit vollem Mund ist schlecht supporten.

Könnte natürlich auch an der Tageszeit liegen. Samstag, 13 Uhr. Herrlich: Aufstehen, Bier, Rumschreien. Könnte man auch als olympische Disziplin anbieten. Es würde wohl wenige Sieger geben. Morgenstund hat Gold im Mund? Kann sein. Mit vollem Mund ist schlecht supporten.

Wenigstens werden die müden Augen nicht überfordert. Alles hübsch übersichtlich, keine übereilte Action. Ich hab trotzdem ein schlechtes Gefühl. Kann man ein solches Spiel gewinnen? NEIN, antworten meine Eingeweide, und mein Mund macht mit. „Wir kriegen diese Halbzeit noch einen“, unk ich in die Runde.

Und was passiert? Ein langer Ball fliegt hoch über den Klettbandrasen. Ein fürchterlich angezogener Mann hetzt hinterher. Man hat ihn gezwungen, ein orange-grünes Clownskostüm anzuziehen, dass so aussieht wie eine schlechte Karnevalsfassung der übelsten Trikotverbrechen unserer Nordnachbarn aus Bremen.

Ein langer Ball fliegt hoch über den Klettbandrasen. Ein fürchterlich angezogener Mann hetzt hinterher. Man hat ihn gezwungen, ein orange-grünes Clownskostüm anzuziehen.

Der Mann heißt Nöthe, und seine Sorgen verleihen ihm Flügel. Die Flucht vor sich selbst vielleicht, vor dem Unaufsteigbarkeitsfluch, oder vor der Hässlichkeit seiner Uniform. Formen und Farben verwischen ja ab einer gewissen Geschwindigkeit.

Jedenfalls sieht Nöthe trotz seines grotesken Aufmachung in dieser Szene wesentlich besser aus als der gediegen gewandete Mann in den Farben Braun, Weiß und Rot, der ihm nachsetzt – und dabei leider ausnahmsweise seinem Spitznamen „Schnecke“ wortwörtlich Ehre macht. (Später sollte sich Jan-Philipp Kalla noch als Retter kurz vor der Linie auszeichnen, was die Scharte auswetzt.)

Nöthe rennt, Nöthe schießt, Nöthe netzt. 0:1, eine Minute vor der Pause. Wie anstrengend Recht haben sein kann. Wobei Nostradamus, Delphi-Orakel & Co. dieses Ding wohl nicht vorhergesagt hätten. Es wäre ihnen zu einfach gewesen.

Und in Hälfte zwei? Reißen die Kiezkicker von einem Moment zum anderen das Klettband ab wie Heftpflaster von ner geheilten Wunde: Naki – Boll – Daube – drin! Plötzlich beginnt die Gegengerade wieder zu leben, wie ein Organtransplantat, das nach ner Zeit auf Eis wieder an Arterien und Venen, Fleisch und Blut angeflanscht wird.

Die Gegengerade beginnt zu leben wie ein Organtransplantat, das nach ner Zeit auf Eis wieder an Arterien und Venen, Fleisch und Blut angeflanscht wird.

Wirklich spitze wurde dieses Gipfelspiel dann zwar immer noch nicht. Aber wenigstens lief der Fußball meist in die richtige Richtung. Erst recht, als Wechsel-Maestro Schubert nach der Einwechslung von Daube auch noch Saglik reinbringt – und was passiert?

Saglik kriegt den Ball, Saglik tanzt ein kleines grünorangenes Männchen aus, grünorangenes Männchen fällt auf den Hosenboden,Saglik schießt: 2:1! Ein eiskalt ausbaldowertes Kopf-Tor – mit dem Fuß.

Plötzlich sieht alles anders aus. Kann man ein solches Spiel gewinnen? JA, sagen meine Eingeweide. Bis auf dass kurz darauf ein Fürther Mahir Saglik foult.

“EY! DER HAT SCHON ROT!”, rufen ein paar Spaßvögel neben mir. Wissen die denn nicht, was sie mit so was anrichten können? Denn wer den „magischen FC“ kennt, weiß: Elf sind manchmal einer zuviel. Jedenfalls wenn der Gegner zu zehnt ist.

Attacke der KanarienFürther

Und so kommt es wie es kommen muss: Der Schiedrichter sendet den foulen Fürther vom Rasen – und plötzlich ist wieder Klett im Spiel. Unter unseren Schuhen und auf Teilen unserer Hälfte.

Die Folge: Kurz vor Schluss übernehmen die vom Aussterben bedrohten KanarienFürther mit der Übermacht der Unterzahl unsere Hälfte, und Überflieger Occean semmelt das Ding aus kürzester Distanz in unser Netz. Just, als die ersten Häkeltabellen mit St. Pauli auf Platz 2 fertig waren. Die kann man jetzt alle wieder aufribbeln.

“Jein ist auch OK”?

Eine Minute vor Schluss also noch dieses übelste Geräusch der Welt, das einzige, was – in Farbe verwandelt – noch hässlicher wäre als die Fürther Auswärtstrikots: Torjubel im Gästeblock. Und kurz darauf: Aus.

Kann man ein solches Spiel gewinnen? JEIN, sagen meine Eingeweide. „Macht nix“, hätte eine hochgeschätzte Gelegenheits-Philosophin aus meinem Bekanntenkreis gesagt: „Jein ist auch OK“.

Womit sie aufs Leben bezogen irgendwie recht hat. Aber auf den Fußball bezogen: So richtig glücklich macht es nicht.

Foto: Stefan Groenveld

Zum Weiterlesen, -schauen und -hören:

Spiel- und Tribünenberichte mit Bildern von KleinerTod und Beebleblox; Magisches über den Einfluss der kosmischen Unkenntnis von Negation auf das Zustandekommen von Gegentoren bei Metalust, und ne kleine Presseschau vom Montag nach dem Spiel auf Blutgrätsche Deluxe.

Hörenswert wie immer die Audioreportage von Wolf Schmidt (AFM-Radio).

Bildergalerien: Antje FrohmüllerStefan Groenveld, MagischerFCfcstpauli.comKleeblattblog.

Veröffentlicht in FC St. Pauli

2 Antworten

  1. Wenn sich manifestiert, was zu viele gleichzeitig denken …. « Metalust & Subdiskurse Reloaded

    [...] Und langweilig war es am Samstag nicht, finde ich. Trotz Klettfussball. [...]

  2. Tägliche Presseschau des magischen FC, 09.11.2011 | Blutgrätsche Deluxe

    [...] Gegengeraden Gerd [...]

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Über Gegengeraden-Gerd:

Gerhard von der Gegengerade, 55, ist seit 1910 Dauerkarten-Besitzer des FC St. Pauli.

Als leicht entflammbare Ein-Mann-Meckerecke regt er sich über das Geschehen am Millerntor und in der sonstigen Fußballwelt auf. Das Ergebnis veröffentlicht er hier und auf Twitter in wüsten Pamphleten zwischen Wahn (klar erkennbar) und Witz (möglicherweise unfreiwillig).

Nebenbei unterstützt Gerd die Stadionzeitung VIVA ST. PAULI als Fußball-Sachverständiger.