(K)ein Date mit Deja

16. Januar 2010 von Gegengeraden-Gerd

So., 20.12.2009, 13:30: SC Paderborn 07 – FC St. Pauli 2:1 (0:0)
Sa., 16.01.2010, 13:00: RW Ahlen – FC St. Pauli 0:2 (0:0) (*)

ACHTUNG: In Paderborn gilt das hier bestimmt als Musikinstrument (Foto: Norbert Harz)

Ich sach Euch was, Leute: Die Hölle is‘ kein Ort. Die is‘n Klang. Und man macht ihn in Paderborn. Da steh ich nu auf eiskalten Stufen, nach Milliarden von Kilometern Anreise, und krich tiefgefrorene Getösebrühe in die Ohren gehämmert, dass „Deutschland sucht den Superstar“, 1. Runde, dagegen die reinste Seelenmassage darstellt. Jeder Ton ein scharfkantiger Brocken, jede verstandene Textzeile ein Widerhaken im Hirn.

Was soll man zu einem Verein sagen, der seine eigenen Fans per Stadionsong zur Flucht auffordert? „Pa-der-born, erhebe dich und lauf!“, sach ich nur. Soweit ist guter Rat ja noch günstig, aber draußen liegt Schnee, und der Busfahrer hat sich bestimmt per Helikopter abholen lassen, um nicht zu erfrieren hier.

Und weiter im Text: „Der liebe Gott singt uns ein Lied / von Glanz und Gloria und Sieg.“ Au weia. Wenn man Pech hat und spielt sowas an Goethes Grab, stoppt glatt die Erdrotation. Weil, wenn der da drin andersrum rotiert als die Welt, dann hebt sich das logischerweise auf, sobald Goethe schnell genug ist. Und die Welt sacht „Stopp“, und wir fliegen runter, und zack, verpassen wir das Jubiläumsjahr, und das einzig Positive an dem ganzen Kladderadatsch ist, dass wir den Rest dieses Spiels hier nicht mehr sehen müssen.

Müssen wir aber dann doch, und da geht ungefähr so viel zusammen, wie wenn man Fischertechnik mit Lego zusammenkloppen will. Besonders in Halbzeit zwo. OK, Signore Ebbers wäre vielleicht noch den Eintritt wert gewesen. Von wegen kleinster Yeti der Welt und so, dass der bei dem ganzen Schnee hier noch Fußball spielt. Aber dagegen steht Paderborner Tor-Techno. Zwei Mal. Und jawoll, wenn ich gewusst hätte, was da noch auf mich zukommt, hätt ich lieber noch zweimal das Vereinslied gehört, vielen Dank.

Also ne schöne Packung Tiefkühlfrust zum Hinrunden-Ende. Und was soll ich sagen: Gegen Ahlen geht das glatt so weiter! Blind Date mit Tante Deja, sach ich. Genau, die vom Stamme der Vu. Die, deren Namen die Franzosen rufen, wenn sie das komische Gefühl haben, irgendwas nu aber wirklich schon mal erlebt zu haben irgendwo, verdammichnochmal.

So von wegen: Alle Chancen im Gepäck, ab zum Tabellenletzten, und dann kommt die Rasselbande wieder nach Hause, und einer fragt den anderen: „Sach mal, hast Du die Punkte eigentlich eingesteckt?“ – „Nö, wieso, die hast Du doch!“ – „Wer, ich?“ – Und so weiter. Und Deja grinst sich eins und hat die Punkte längst außer Landes geschmuggelt. Is Euch zu wild jetzt? OK, Codewort „FSV Frankfurt“, irgendjemand?  Oder jede beliebige andere Düngemittelexpedition zu welken Auswärtsgemüsetruppen der letzten Säsong? Hä?

Nee, nee, Leute. Da reicht mir doch die erste Halbzeit, um zu erkennen, dass die Zeit des Erwachens gekomm‘ is‘! Aus der Traum! Aus und vorbei! Mein Freund der Punkt ist tot, er starb im Ahlen-Rot, oder so! Denn das hier ist eben nicht Fußball (jedenfalls nicht der mit Technik und Taktik und Gewinnen und so) – das hier sind DRA-MEN!

Also gebt mir die Schaufel!  Ich grab mich schon selbst in die Fußballhölle. Jawoll, die im Mittelpunkt der Erde! Da is‘ wenigstens warm! Und geben gibt’s die natürlich doch, ich hab Stuss erzählt zu Anfang. OK, steht zwar das Plattenstudio der Paderborner Stadtmusikanten drin, unter Garantie, aber da kann ich mit leben. Ist bestimmt wie mit dem Auge des Orkans, da is‘ ja auch still drin so mittenmangs.

Also tschüss dann, ich geh mich einbuddeln. Denn so Sachen wie Jokertore für einen selbst, wenn der andere eigentlich nur noch den Sack zumachen muss oder so, und so herrlich unverdiente Siegtreffer gegen Gegner mit Scheiße am Schuh, und so Neueinkäufe, die Nanosekunden nach ihrer Einwechslung schon treffen und so was alles – da hat Goethe himself mal’n super Wort erfunden für, kurz bevor ihn die Paderborner Lyrik-Flak vom Poetenhimmel gepflückt hat: Kna-ben-mor-gen-blü-ten-träu-me, meine Dam‘un‘Herrn! HA!

Nee, wie gesagt: Erzählt mir bloß nich, wie das Ahlen-Spiel ausgegangen ist. Weiß ich eh schon alles. Ich geh dann mal Frustsaufen.

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(*) Nicht Gerd erzählen! Glaubt der sowieso nicht!

Veröffentlicht in FC St. Pauli

4 Antworten

  1. Toby

    Du, Gerd? Die ham gewonn! Wollte Dir jetzt nicht den Frust versauen, aber wahrscheinlich hat’s Dir eh schon einer gesacht.

  2. Flocker

    Das schlimmste war dieser fürchterliche KidsClub-Song.
    Dessen Mtglieder nebenbei bemerkt notärztlich behandelt werden mussten wejen die Kälte…

  3. Gegengeraden-Gerd

    @Toby: Das’ nicht Frust, sondern Selbstschutz! Wie war das noch bei Scherlock Holmes? Wenn’s zwei Theorien gibt, ist die wahrscheinlichste die Lösung oder so? Tja, und da seh’ ich sonst nur völlig abstruse Geschichten von 2:0-Siegtreffern nach 19 Sekunden! WER hier bitte hat eine Oma, die so leichtgläubig ist, dass man ihr DAS als Wahrheit erzähl’n kann? Wo kommen wir denn da hin? Am Ende noch in die 1. Liga, was?Höhö!

  4. Gegengeraden-Gerd: Jetzt rede ich! » » Heimkehr aus Haderborn oder: An einem Tag wie jeder andere

    [...] kurz vor 18 Uhr: Die „Energieteam Arena“ macht sich heiß – und den Gegner mürbe. Die psychologischste Stadionmusik Deutschlands ist auf maximale Zerstörung programmiert. „Paderborn, erhebe dich und lauf“: Wer keine [...]

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Über Gegengeraden-Gerd:

Gerhard von der Gegengerade, 55, ist seit 1910 Dauerkarten-Besitzer des FC St. Pauli.

Als leicht entflammbare Ein-Mann-Meckerecke regt er sich über das Geschehen am Millerntor und in der sonstigen Fußballwelt auf. Das Ergebnis veröffentlicht er hier und auf Twitter in wüsten Pamphleten zwischen Wahn (klar erkennbar) und Witz (möglicherweise unfreiwillig).

Nebenbei unterstützt Gerd die Stadionzeitung VIVA ST. PAULI als Fußball-Sachverständiger.