Kartenspiel

19. Februar 2013 von Gegengeraden-Gerd

Lieber bis 1910 zählen und ein bisschen Karten spielen … Foto: Stefan Groenveld

Montag, 18. Februar 2013: FC St. Pauli – 1. FC Köln 0:1 (0:1)

Ich geb Euch jetzt mal nen Tipp, der Euer Leben verändern wird: Verlasst niemals das Haus ohne Karte!

Aber nicht, dass Ihr Euch jetzt irgendwelche Stadtpläne in die Jackentaschen stopft. Ich spreche von Farbkarten. Material: Pappe oder Plastik, Farben: möglichst intensiv – sagen wir mal Rot und Gelb. Damit hab ich jedenfalls die besten Erfahrungen gemacht.

Als ich Dienstagmorgen meinen heißen Schädel aus dem zerbissenen Kopfkissen nahm, war da nämlich so eine innere Stimme. „Gerhard“, sagte die Stimme, „sei nicht so hart zu den Menschen. Ehe Du einen anderen Mann dafür verurteilst, Dir den Abend ruiniert zu haben – versetze Dich erst einmal in seine Lage!“

Und weil der Mann, den ich meine, einen relativ großen Teil seiner Zeit damit zubrachte, gelbe und rote Kartons zu schwer vorhersehbaren Zeitpunkten in der Luft zu schwenken, dachte ich mir: Einfach doof finden kann jeder. Ich probiere jetzt mal aus, wie das ist!

Also raus mit meinen Karten an die frische Luft. Eine in die Gesäßtasche, eine an die Brust, straffe Haltung, zackige Körpersprache. Und was soll ich sagen: Schon nach wenigen hundert Metern war ich heilfroh. Man hat ja einen ganz anderen Blick für die Welt, wenn man solche Ermahnungskarten dabei hat!

Stolpernde Kleinkinder. Zögerliche Greise. Menschen, die mich komisch angucken. Menschen, die mich nicht angucken. Menschen, die herumschreien. Menschen, die schweigen. Menschen, deren Frisur ich nicht mag. Menschen, die sich komisch bewegen. Ich habe sie alle verwarnt.

27-mal Gelb, 5-mal Rot, 8-Mal Gelb-Rot in anderthalb Stunden Spaziergang. Da war das Kartenspektakel vom Montagabend doch gar nix gegen!

Vielleicht wollte der gute Mann ja auch nur ein bisschen die Luft anzünden. Ich mag das ja, wenn die brennt. Und bunte Karten wild an der Wirklichkeit zu reiben, ist ne bewährte Methode, um das zu bewerkstelligen, jedenfalls am Millerntor.

Allerdings ist Einsatz auf dem Platz die andere – und weil der am Montag gestimmt hat, könnte man sich natürlich auch fragen, ob die Gelbe Karte für Thorandt in der 3. Minute und der Freistoß und das 0:1 und das ganze Ramtamtam danach und zwei Gelb-Rote nicht ein bisschen viel Anzünder waren für einen Grill, der längst glühte.

Aber wer hat, der hat. Ich reg mich jedenfalls ganz sicher nicht auf. Sonst muss ich mir noch selbst die Rote Karte zeigen. Ich mach jetzt lieber das Nachmittagsprogramm an und verwarne den Fernseher. Das wird ein hübsches Stück Arbeit!

Mit sportsmännischen Grüßen,

Euer Gerd

P.S.: Jungs, noch ein Ratschlag von einem alten Mann: Man darf den Ball auch einfach mal direkt aufs Tor schießen. Ich schwöre, da steht kein Porzellan drin!

 

Mehr zum Spiel: Fotos bei Stefan Groenveld; Berichte bei Keep Calm, MagischerFC, SPNU, Metalust, Breitseite, Sitzblogade, KleinerTod, BeebleBlox; Der 4. Offizielle

 

Veröffentlicht in FC St. Pauli

4 Antworten

  1. Montagabend: FC St. Pauli gegen 1. FC Köln |

    [...] Das war am Montagabend wieder so. Das hätte ich gerne noch länger genossen. Das war nämlich stark und kam sicherlich auch am Spielfeld an. Wenn dann die Mannschaft hin und wieder mal Richtung Tor schiessen würde, wäre das sicherlich für die Stimmung auf den Rängen zuträglich. Aber das haben andere schon so passend notiert. [...]

  2. Landgräfe » Magischer FC

    [...] Und GGG spielt mit Karten [...]

  3. #FCSP irgendwie ergebnisegal gegen Köln – fühlte sich nicht nach einer Niederlage an, sondern einfach nach purer Liebe « KleinerTods FC St. Pauli Blog

    [...] http://stpauli.nu/germany-bundesliga/der-lange-kampf-zu-sich-selbst http://www.gegengeraden-gerd.de/fc-st-pauli/kartenspiel/ http://yorkshirestpauli.com/2013/02/19/north-or-south/ [...]

  4. | Fokus Fussball

    [...] Gegengeraden-Gerd war ob des Auftritts seines Lieblingsvereins St. Pauli gegen den 1. FC Köln nicht begeistert. Nicht von der Mannschaft und nicht vom Schiedsrichter. Dennoch wollte er den Spielleiter nicht als Schuldigen an die Wand stellen, sondern Empathie für den Unparteiischen entwickeln. Dazu hat er sich selbst als Regelhüter versucht. [...]

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Über Gegengeraden-Gerd:

Gerhard von der Gegengerade, 55, ist seit 1910 Dauerkarten-Besitzer des FC St. Pauli.

Als leicht entflammbare Ein-Mann-Meckerecke regt er sich über das Geschehen am Millerntor und in der sonstigen Fußballwelt auf. Das Ergebnis veröffentlicht er hier und auf Twitter in wüsten Pamphleten zwischen Wahn (klar erkennbar) und Witz (möglicherweise unfreiwillig).

Nebenbei unterstützt Gerd die Stadionzeitung VIVA ST. PAULI als Fußball-Sachverständiger.