Jubeln und Zähneklappern

21. Mai 2008 von Gegengeraden-Gerd

Saisonrückblick 2007/8

Da warn wir also. August 2007. Aufgestiegen, ausgenüchtert und ausm Urlaub zurück. Der Kiez gefegt, das Aufstiegskonfetti recycled. Am besten zu Papiertaschentüchern, hab ich gedacht. Fürs gemeinsame Heulen und Zähneklappern. Denn da wartete die stärkste 2. Liga seit Aussterben des Säbelzahntigers. Übermächtige Gegner mit Kadern voll Erstliga-Erfahrung und Kassen voll Geld. Das konnte nicht gut gehen.

Spiel Nummer eins gegen Köln bestätigt meine schlimmsten Befürchtungen: Den Fußball spielen wir. Die Punkte kriegt der Gegner. „Komm doch mit auf den Underdog“, fällt mir so ne olle Schnapsreklame ein, und ich fang schon mal an, auf die Säsong zu pfeifen. Weiß man ja, wie das ausgeht. Klassenerhalter der Herzen, „Für euch soll’s rote Rosen regnen“, Achtungsapplaus für heroischen Kampf gegen Schicksal, Schwerkraft und Unvermögen, Ende. Na besten Dank. Von Lehrgeld kann ich mir nix kaufen. Da warst du wieder, tragischer FC. Legendärer Nachfahr des sagenhaften König Niedas, der alles Gold, was er berührt, zu Blech macht. Und da war ich, mitten im Heer der Verdammten, bereit für den nächsten Kreuzzug ins Unglück.

Und dann? Kam alles anders. Allein die spektakuläre Pressekonferenz, in der Stani der Weltpresse eröffnete, dass er und Truller dem grobschlächtigen Fußball Good-Bye sagen würden, um ab sofort die Curling-Abteilung eines ambitionierten Zweitligisten aus der Nähe von Mannheim in die 1. Bundesliga zu führen, man hätte da so ein verlockendes Angebot…. OK, OK, völliger Quatsch. Aber überraschender als das Jena-Spiel wäre das auch nicht gewesen: Anstatt nach Bausch und Bogen unterzugehen und schon mal Zelt und Heringe fürs Kampieren auf den Abstiegsplätzen zu besorgen, holen unsere Jungs im ersten Auswärtsspiel drei Punkte. Und das auch noch komplett unverdient! Vergesst weiße Elephanten, Nessi und den Yeti, Freunde: Ich habe eines der seltensten Naturphänomene dieses Planeten erlebt – Bayern-Dusel in Braun-Weiß!

Das Abstiegsgespenst muss auch ziemlich beeindruckt gewesen sein und ist gleich in Jena geblieben. Wir dagegen fuhren zurück nach Hamburg und erlebten eine Woche später gegen Koblenz ein Fußballfeuerwerk, von dem wir noch unseren Enkeln … Na gut, nochmal Quatsch. War’n ziemliches Gewürge. Aber bei sechs Punkten aus den ersten drei Spielen kann ich schon mal ein Auge zudrücken. Die komplett unnötige Niederlage in Fürth hat dann gerade noch rechtzeitig dafür gesorgt, dass ich unsern Verein noch wiedererkannt habe. Und erst das große Oktoberfast gegen München!

Tja, schön wär’s gewesen. Aber vielleicht auch ein bisschen unheimlich. An helles Licht gewöhnen sich die Augen ja auch nur langsam. So ähnlich muss man sich das mit St. Pauli-Fans und Erfolg vorstellen. Also, was ein Glück, dass genug Pech im Spiel war – und immer genug Wahnsinn, um sich vorm Genie nicht zu erschrecken.

Meine persönlichen „Ach ihr seid‘s“ Momente: das unvergessliche 3:4 gegen Kaiserslautern. Im eigenen Stadion. Nach zwei Toren Vorsprung. Gegen eine Mannschaft, die dem Abstieg ins Auge sah. Ebenfalls ganz groß: der Offenkrach am Bieberer Berg. Nochmal 3:4. Nochmal nach zwei Toren Vorsprung. Und natürlich – oh neunschwänzige Katze aus getretenem Leder! – , ganz selbstverständlich – oh Folter für Sinn und Verstand! –, völlig klar – oh größter anzustellender Unfug in nur 90 Minuten: das 1:4 gegen Paderborn. Fast sicher ein Verstoß gegen die Menschenrechte. Schließlich guckt man sich sowas ja nicht freiwillig an, sondern aus Abhängigkeit!

Tja. Normal wäre sowas ja der Anfang vom Absturz gewesen, nech? Erst recht, wenn man das zusammen mit dem großen Februar der Zauderns davor sieht: vier Spiele, vier Punkte. Und mindestens sechs verschenkt. Wenn der Fußballgott nicht schon in Jena gezeigt hätte, dass er diese Säsong was anderes vorhat mit uns, dann wär ich glatt skeptisch geworden.

War aber dann nicht nötig. Weil unsere Jungs sich direkt nach ihrem ganz persönlichen Paderloo wieder daran erinnerten, was doch gleich diese supergeheime Waffe war, die damals in der Regionalliga so gut … Richtich! Toreschießen! Und so hämmerten sie dem SC Freiburg fünf Dinger ins Netz. Wehen nochmal drei. Und gegen alle Gesetze der Fußballwahrscheinlichkeit direkt danach nochmal drei (bis fünf, je nach persönlicher Regelauslegung) gegen die mächtige TSG 1899 Hoffenheim. Dann kurze Pause zum Luftholen. Und dann nochmal vier gegen Aue. Klassenerhalt! Jubeln und Schlüsselklappern statt Heulen und so weiter. Da kann man nicht meckern. Danke für den Endspurt, Jungs!

Ämm – auch, wenn der schon vor dem Ende vorbei war. Denn ehrlich mal: das große Säsong-Finale… Also mit „befreit aufspielen“, „breiter Brust“ und dem ganzen Klimbim… Die „Remember Magdeburg“-Tour mit dem Best of St. Pauli, Jahrgang 2007/2008… Die drei fabulösen Festivals fröhlicher Fußballkunst zum Ausklang… Also, dafür gilt der gleiche Schnack wie für die ganze Spielzeit, nur umgekehrt: Das hatte ich mir anders vorgestellt! Und wenn das die Pri-Vju für nächste Säsong war, dann gibt’s nur eins, Leute: Heulen und Zähneklappern. HEU-LEN UND ZÄH-NE-KLAPPERN! Ich freu mich schon drauf.

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Veröffentlicht in FC St. Pauli

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Über Gegengeraden-Gerd:

Gerhard von der Gegengerade, 53, ist seit 1910 Dauerkarten-Besitzer des FC St. Pauli.

Gegen Bestechung in Form diverser Sachzuwendungen hat er sich bereit erklärt, die Redaktion der Stadionzeitung VIVA ST. PAULI als Fußball-Sachverständiger zu unterstützen.

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