Hormon-Inferno

20. Mai 2009 von Gegengeraden-Gerd

So., 10.05.2009, 14:00: FC St. Pauli - 1. FSV Mainz 05 2:0 (1:0)
Do., 14.05.2009, 20:15: FC Ingolstadt 04 - FC St. Pauli 0:1 (0:0)
So., 17.05.2009, 14:00: TuS Koblenz - FC St. Pauli 2:1 (2:1)

Vorsicht! Macht abhängig! (Foto: Antje Frohmüller) 

Seltsames Leben, so mit Netz und doppeltem Boden. Fußballerisch unsterblich mitten in der Tabelle, versichert nach oben und unten, alle Schäfchen so gut ins Trockene gebracht, dass sie schon wieder Durst kriegen. „Super! Schön! Gute Sache!“, meint mein Kopf. Aber der Rest vom Körper ist auf so viel Frieden nicht eingestellt.

Nach all den Jahren zwischen Himmel und Hölle ist das gegen Saisonende bei mir so wie die Brunftzeit bei Hirschen: totales Hormon-Inferno, jedes Jahr. Was dem Rotwild September und Oktober, sind dem Braunwild April und Mai. Wo die einen im Testosteron baden, schwimmen die anderen im Adrenalin.

Und jetzt?  Super, dass man sich Adrenalin intravenös geben lassen kann, wenn man’s braucht. Aber was mach ich im umgekehrten Fall? Kann mir jemand ‘ne  Adrenalin-Drainage legen? Befindet sich ein Arzt im Publikum? Hilfe!

Irgendwann bricht das Adrenalinsystem zusammen, und die Sache schlägt um in Dekadenz und Fußball-Ästhetik. Ehe man sich versieht, leidet man nicht mehr mit, sondern genießt das Spiel mit Kennerblick.

Ich hör mich schon smalltalken: ‚Gewiss, ein vollmundiger Angriff mit herrlichem Abgang. Aber erreicht er wirklich das unvergleichliche Bukett eines 2009er-Ludwig, Millerntor-Nordhang, Qualitätsschuss mit Prädikat? Ihr wisst, das 1:0 gegen Mainz … ‘

Früher gab’s für solche Momente der Ekstase mindestens drei unverdiente Gegentore als Strafe – heute gerade mal ein nicht gegebenes Elfmeterchen. Und dann eine großartige zweite Halbzeit, ein Traumtor zum 2:0 und – einen Auswärtssieg in Ingolstadt! Nicht nach einem Drei-Sterne-Spiel, aber mit einem Vier-Sterne-Tor: Bruns steil auf Kalla. Der lässig nach rechts auf Ludwig, und der trifft schon wieder. 1:0. Völlig mitleid- und gnadenlos, gegen einen Abstiegskandidaten! 

Wenn das 1:2 gegen Koblenz nicht gewesen wäre: Ich hätte kaum geglaubt, dass das die gleiche Bande war, die in dieser Saison reihenweise Gegner reanimiert hat. War ja wie inner Krankenhausserie! – OK, wenn ich mir so die Lage der Frankfurter anschaue: Vergesst deren Tabellenplatz, Jungs. Seid Ästheten statt Ärzte! Macht’s einfach nochmal wie gegen Mainz – auch, wenn das abhängig macht.

Veröffentlicht in FC St. Pauli

2 Antworten

  1. jayo117

    Wie wahr, wie wahr. schmunzel*

  2. kleiner-tus-tiger ;-)

    Trotz aller Fußball-Ästhetik, freut mich dass man manches auch mit Kampf (Fußballkrampf) noch richten kann. Vielen Dank für unsere 3 Punkte und wahrscheinlich den Klassenerhalt.
    Nette Grüße vom Rheinland in den hohen Norden.

Deinen Senf dazugeben? Man zu!

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Über Gegengeraden-Gerd:

Gerhard von der Gegengerade, 55, ist seit 1910 Dauerkarten-Besitzer des FC St. Pauli.

Als leicht entflammbare Ein-Mann-Meckerecke regt er sich über das Geschehen am Millerntor und in der sonstigen Fußballwelt auf. Das Ergebnis veröffentlicht er hier und auf Twitter in wüsten Pamphleten zwischen Wahn (klar erkennbar) und Witz (möglicherweise unfreiwillig).

Nebenbei unterstützt Gerd die Stadionzeitung VIVA ST. PAULI als Fußball-Sachverständiger.