Heimkehr aus Haderborn oder: An einem Tag wie jeder andere

2. Dezember 2011 von Gegengeraden-Gerd

Freitag, 2. Dezember: SC Paderborn 07 – FC St. Pauli 5:4 (0:3)

Fr., 13:30 Uhr: Ich war dort. Ich habe gelitten. Fast hätte ich den Verstand verloren. Nein, liebe Freunde, ich fahre nicht nach Paderborn. Weil ich auch so weiß, wie das heute Abend laufen wird. Und zwar ganz genau:

Freitag, 2. Dezember, kurz vor 18 Uhr: Die „Energieteam Arena“ macht sich heiß – und den Gegner mürbe. Die psychologischste Stadionmusik Deutschlands ist auf maximale Zerstörung programmiert. „Paderborn, erhebe dich und lauf“ ist kein Einzelfall: Wer keine Paderborner DNA hat (Zitat: „Paderborn, du bist wie ich“) übersteht dieses Schallwellen-Inferno nicht ohne Schäden an Leib und Seele.

Gut, dass Cheftrainer Schubert aus alten Zeiten noch einen Koffer Ohropax gebunkert hat und reichlich austeilt. Die erste Paderborner Attacke geht ins Leere. Glänzend aufgelegte Kiezkicker machen von Anfang an Druck.

Besonders der Spieler mit der Nummer 23 weiß zu gefallen. Sein Name? Ein Geheimnis. Auf dem Trikot steht auf Geheiß des Deutschen Fußballbundes nur „XXXX“.

Aber er wirbelt, er macht, er tut; seine innere Glut bringt den gegnerischen Strafraum zum Brennen. Und so dauert es nicht lang, bis eine traumhafte One-Touch-Kombination über Morena, Boll, Kruse und Bartels schließlich auch XXXX erreicht, der aus kurzer Distanz nur noch flach einschieben muss.

Das 1:0 in der zehnten Minute durch den namenlosen Vollstrecker. Der Gästeblock bebt. Bloß gut, dass der umsichtige Gastgeber seine Soundanlage aufgerüstet hat und, beraten von Kollegen in Hoffenheim, jede Erwähnung von „Du weißt schon wer“ mit einem beherzten „BÖÖÖP“ übertönt.

Es läuft weiter glänzend. Das 2:0 (Morena! Per Kopf! Ich werd narrisch!) und das 3:0 (erneut „Er, dessen Name nicht genannt werden darf“) machen St. Paulianer glücklich.

„Auswärtssieg! Auswärtssieg!“ schallt es durch den Block. Der DFB-Spielbeobachter notiert „Geschmacklose Anspielungen auf den Zweiten Weltkrieg“ und freut sich darauf, dem dauerprovozierenden Mob vom Kiez endgültig die Maske von seiner hässlichen Fratze zu reißen.

Das wissen zum Glück weder Mannschaft noch Fans, und so geht es unbekümmert in die Halbzeitpause. Allein Keeper Tschauner wirkt etwas bedrückt; es gab einfach nichts zu tun für ihn. Die neuen Handschuhe starr und knirkig wie nicht eingelaufene Ledertreter.

Gut, dass er neulich diese tolle Handschuhpolitur gekauft hat, die ein freundlicher Vertreter ihm an der Haustür für einen unschlagbaren Preis überlassen hat. Fröhlich pfeifend schmiert „Tschauni“ sein Handwerkszeug ein.

Vielleicht hätte ihn der Möbel-Finke-Aufkleber auf dem Wagen des Vertreters stutzig machen müssen. Die Handschuhpolitur macht ihrem Namen alle Ehre: Die Bälle schlüpfen Tschauni durch die frisch gebohnerten Handschuhinnenflächen wie unliebsame Fakten durch das Gehirn Karl-Theodor zu Guttenbergs.

Drei Minuten nach Wiederanpfiff ist die sichere 3:0-Führung für den FC St. Pauli zum 3:4 für die Hausherren gedreht. Alle vier Tore proudly präsentiert von „Ennos Schnäppchenmarkt. Prime! Time! Billig!“

Frust kommt auf. Der eingewechselte Ebbers gleicht zwischenzeitlich aus, doch das 4:5 folgt auf dem Fuße. Die sonst so bedachten St. Paulianer scheinen die Geduld zu verlieren.

Besonders Fin Bartels bäumt sich gegen die drohende Niederlage auf. Er rennt, er kombiniert, er setzt in Szene. Alles vergebens.

Schließlich versucht Bartels es selbst. Auf Pass von Kurse schnellt er unbedrängt in den Sechzehner, überrennt zwei gegnerische Verteidiger, hat wenige Meter vor dem Tor freies Schussfeld, zieht ab, mit der ganzen Macht der Verzweiflung …

… und jagt den Ball in den Himmel über Paderborn. Sekundenbruchteile später ein metallisches Krachen von ganz weit oben. Eine gewaltige Explosion färbt den Himmel blutrot.

Ist es ein Vogel? Ist es der Fußballgott? Nein, es ist nicht einmal Super-Grobi: Mit der Wucht eines Kometeneinschlags geht das abgeschossene Beobachtungsflugzeug des Deutschen Fußballbundes nahe dem Mittelkreis nieder.

Wie durch ein Wunder wird niemand verletzt, doch das Spiel muss beim Stand von 5:4 für den SC Paderborn abgebrochen werden. Eine Wiederholung des Spiels ist so gut wie ausgeschlossen, die Wertung zugunsten der Gastgeber wahrscheinlich, heißt es nach dem Spiel.

Schließlich muss endlich ein Exempel statuiert werden gegen die erneut auffällig gewordenen St. Paulianer: Auf Anregung von irgend so einem Wirrkopf aus dem Internet hatte der braun-weiße Anhang beim Verlesen der Mannschaftsaufstellungen jeden Spieler auf dem Rasen laut mit „DFB“ tituliert.

„Was immer uns diese schwer erziehbaren Kleinkriminellen damit sagen wollten“, heißt es im Spielbericht: „Es konnte nur diskriminierend gemeint sein!“

 

P.S. Sorry an alle, die jetzt schon los sind nach Paderborn, ich war zu spät. Ihr könnt mir gern was twittern: http://twitter.com/GG_Gerd

 

NACHWORT: Wie ich soeben erfahre, hat sich bis auf Mannschaftsaufstellung, erste und zweite Halbzeit, Spielende und die Rolle des magischen BOLL fast alles so zugetragen wie oben prophezeit. Bin mir selbst fast unheimlich!

 

Leicht abweichende Darstellungen des Geschehens u.a. im Übersteiger-Blog (nachm Spiel kann jeder, ihr Frechdachse!), bei MagischerFC (“Paderborn macht mich krank!”), Pathos93 (mit Hinrundenfazit), der Breitseite, Centuria Braun-Weiß (mit stimmungsvollen Bildern!) sowie KleinerTod und Fabulous Sankt Pauli: Teil 1 / Teil 2 (Welcome back!)

Und in der wie immer hörenswerten  Audio-Reportage von Til Brauns, Phil Bänfer und Wolf Schmidt (AFM-Radio).

Unbedingt anhören: Das AFM-Radio Audio Special mit allen Toren der Hinrunde (bis auf ein paar der oben vorhergesagten)

Veröffentlicht in FC St. Pauli

4 Antworten

  1. Dennis

    Großartig :-)

  2. Trollmops

    Chapeau!

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Über Gegengeraden-Gerd:

Gerhard von der Gegengerade, 55, ist seit 1910 Dauerkarten-Besitzer des FC St. Pauli.

Als leicht entflammbare Ein-Mann-Meckerecke regt er sich über das Geschehen am Millerntor und in der sonstigen Fußballwelt auf. Das Ergebnis veröffentlicht er hier und auf Twitter in wüsten Pamphleten zwischen Wahn (klar erkennbar) und Witz (möglicherweise unfreiwillig).

Nebenbei unterstützt Gerd die Stadionzeitung VIVA ST. PAULI als Fußball-Sachverständiger.