Härtetraining

13. Juli 2009 von Gegengeraden-Gerd

Irgend etwas war faul im Staate St. Pauli, anno 2007/2008. Gerade erst aufgestiegen und schon völlig entspannt die Klasse gehalten – ganz ohne Herzkasper und Hysterie? Lässiges Chillen im Wellness-Bereich des Grand Hotels 2. Liga, wo „Abstieg“ und „Existenzangst“ so selten sind wie nicht vorgeheizte Handtücher? Das klang zu schön, um wahr zu sein! Ich meine: Nicht dass Fangopackungen und Seidenpuschen was Unangenehmes sind, aber es gibt doch, bitte schön, auch noch Dinge wie Identität und Tradition! Steht das nicht irgendwo in den Spielerverträgen? Wir sind’s, die Drama-Könige des deutschen Fußballs! Die Eddie the Eagles des Ligenfluges, die Lehman Brothers des Punkte-Bankings – und die Michael Schuhmachers unter den Tabellen-Fahrstuhlfahrern.

Ich bin also lieber auf  Nummer sicher gegangen vor der neuen Spielzeit und hab mir meine ganz persönliche Saisonvorbereitung zurechtgelegt. Ich sach nur: Edelstahl-Reißzwecken. Aus Solingen. Schwör ich drauf. Das als Matratzen-Auflage, und schon hat man jede Nacht das altbekannte Abstiegskampf-Gefühl, wenn‘s das schon im Stadion nicht mehr gibt.

Den Radiowecker hab ich ausrangiert. Stattdessen jeden Morgen ein Klassiker der Vereinsgeschichte per Flachbildschirm über dem Bett: Erstliga-Abstieg gegen die Stuttgarter Kickers 1991. 0:6 gegen Lübeck 2002. Saisonfinale gegen Aachen 2003 (Ihr wisst schon, das 0:4 vor dem Abstieg in die 3. Liga). Und so weiter. Mit meinem fußballverwirrten Kollegen Rothosen-Ernie hab ich abgesprochen, dass er mich in unregelmäßigen Abständen anruft und einfach nur „4:0“ ins Telefon raunt (da war mal so ein gewisses Erstliga-Derby – seid froh, wenn Ihr das verdrängt habt!).

Als es losging, war ich für alles gewappnet. Zum Glück. Denn die Mannschaft hatte sich wohl auch ein bisschen was überlegt: Wieso einen harmlosen Gegner wie Osnabrück einfach wegputzen (2:2)? Warum die netten Fürther mit unhöflichem Abwehr-Klimbim behelligen – die wollen doch so gern aufsteigen (2:5)? Und warum zu Elft, wenn es auch zu Zehnt geht? Was war das für eine bunte Kartenpracht zu Saisonbeginn: Platzverweise in drei von vier der ersten Spiele. Und das 4:1 gegen Oberhausen (doch mal mit elf Mann versucht) schnurstracks ausgeglichen mit einem 1:4 gegen Kaiserslautern, ab der 70. wieder in Zehner-Formation. Da konnte ich ganz beruhigt die Reißzwecken wieder aus dem Bett kramen. Den Rest hat das 0:3 gegen Rostock besorgt.

Gut, das 3:2 gegen Aachen hat mir wieder zu denken gegeben: 1:0 in der 2. Minute – 2:1 in der 45.? Und gleich nach Wiederanpfiff das 3:1 für uns? Das reinste Killerspiel – akute Euphorie-Gefahr! Also schnell wieder das Negativ-Denken-Lehrbuch rausgesucht und auf die Ideen der Mannschaft gehofft. Die würden sich schon was einfallen lassen, um nicht zu überlegen dazustehen: Vielleicht einfach mal alle Mann auf einem Bein hüpfen ab der zweiten Halbzeit? Die ersten dreißig Minuten Augen verbinden? Pralinen statt Stollen unter die Schuhe schrauben?

So kreativ waren die Jungs dann zwar nicht, aber das 2:3 in Augsburg war wirklich ganz alte Schule: Zweimal geführt – und in der 92. noch vergeigt. Wer sowas übersteht, hat montags keine Angst mehr vor dem Chef. Aber von Berechenbarkeit war in dieser Saison weiter keine Spur: Der 24. Oktober – nacktes Grauen auf dem Spielfeld, lange Bälle und Waten im Wehener Abwehrbeton. Und dann nicht sang- und klanglos mit 0:0 vom Platz, sondern 2:0 gewinnen? Direkt danach 2:1 in Duisburg – auswärts? Die Aufstiegskandidaten aus Nürnberg 90 Minuten im Griff gehabt und 1:0 nach Hause geschickt (auch, wenn sie das Tor selbst schießen mussten)? War das noch mein St. Pauli?

Doch, doch, es war. Reicht das Stichwort „Freiburg“ als Erklärung? „Ein langer Weg zu den Sternen“: Mag ja stimmen, das Sprichwort, aber wer wirklich wissen will, was weit ist, kann ja versuchen, den Abstand unserer Mannschaft zum Sieg an diesem Abend in Kilometern auszudrücken. In Toren war’s nur 0:2, aber so fühlte sich das nicht an. Gegen Ahlen danach gab’s auch prompt wieder ne Dosis Schicksal: 2:2, Elfmeter verschossen, Tal der Tränen, herrje. Und dann gegen Mainz die Demonstration, dass ein 2:2 sich auch ganz anders anfühlen kann: Wenn man den Ausgleich in der 90. Minute schießt!

Immer hübsch abwechselnd ging das in dieser Saison, manchmal sogar in einem Spiel: Letztes Heimspiel der Saison gegen Koblenz zum Beispiel. Hätte Hollywood nicht besser schreiben können. 1:0 geführt, 1:2 zurückgelegen – und dann die Partie noch zum 3:2 gedreht. Ganz großes Fußballdrama. Und ein prima Gegenmittel, um den berüchtigten „Samariter-Effekt“ zu vergessen: Der heilige Sankt Pauli kommt und hilft strauchelnden Abstiegskandidaten wieder auf die Beine. War ja auch kurz vor Weihnachten in Frankfurt, aber glaubt mir: Bei dem 0:1 wäre ich liebend gern irgendwo anders gewesen!

Und, jawoll: auch beim 1:5 gegen München. Noch so ne Retter-Aktion. St. Pauli kommt vorbei, und 90 Minuten später steht der völlig zerstrittene Gegner wieder auf Platz 12 der Tabelle, während wir das Kunststück fertigbringen, leger und luftig auf Platz 8 der Tabelle zu stehen und gefühlt trotzdem Richtung Grund des Marianengrabens unterwegs zu sein. Fünf Spielminuten später kamen wir da ja auch an. Genau: die ersten fünf gegen Rostock, der schlimmste „Das kann doch nicht wahr sein“-Moment der Saison. Denn da stand wirklich 0:2 auf der Anzeigetafel, und kaputt war sie nicht. Zur Halbzeitpause dann Bengalos im Gästeblock – „Nebel des Grauens“, sehr passend. Und durch den kamen unser Jungs dann wieder zurück. Dreimal ausgewechselt – elfmal völlig verwandelt. Wütende Grätschen (Boll!), Laufen bis zum Umfallen (Brunnemann!), ein sensationeller Elfmeter-Moment (Sako!) , und ein Endstand von 3:2. Wenn jeder Albtraum dermaßen spektakulär unwahr würde, könnt ich locker jede Nacht einen davon ertragen.

Vor lauter Euphorie vergaßen die Jungs dann glatt, dass sie in dieser Saison auswärts so gut wie nichts zu bestellen hatten und servierten als Sahnehäubchen ein 3:1 in Aachen obendrauf. 37 Punkte – auf zum Endpurt! – Ähm … Endspurt? Irgendwie muss das Pulver in der Startschusspistole feucht gewesen sein, denn zwischen Spieltag 25 und 30 regte sich nicht so besonders viel, auch wenn das 1:2 gegen Freiburg (verdammt gutes Spiel!) nochmal die gute alte Tradition der heroischen Niederlage pflegte. Da musste schon Mainz kommen, um Braun-Weiß endlich die magische 40-Punkte-Marke durchbrechen zu lassen – das aber immerhin mit mächtigem „Wumms“. Sogar die Sache mit dem Mitleid mit Abstiegskandidaten hat die Mannschaft noch in den Griff gekriegt: 1:0, 32. Spieltag, Tabellenplatz 8. So allmählich fing ich wirklich an zu glauben, dass meine Saisonvorbereitung auch ein bisschen weniger hart hätte ausfallen können.

Andererseits: Wenn ich mir das letzte Spiel so angucke, kommen mir Zweifel. Der 24. Mai 2005. Über 23.000 entspannte Menschen um mich herum genießen relaxten Fußball, die größte Gefahr weit und breit ist ein Sonnenbrand – und statt Gurkenkompott kredenzen unsere Jungs ein leckeres 2:0 als letzten Gang der Saison. Ja, sicher macht das Spaß, so die Klasse zu halten. Aber wenn das so weitergeht, werd ich noch weich und altersmilde!

Veröffentlicht in FC St. Pauli

Deinen Senf dazugeben? Man zu!

Achtung: Kann nen Moment dauern, bis dein Kommentar online zu sehen ist - büdde nich' ungeduldig werden!

Über Gegengeraden-Gerd:

Gerhard von der Gegengerade, 55, ist seit 1910 Dauerkarten-Besitzer des FC St. Pauli.

Als leicht entflammbare Ein-Mann-Meckerecke regt er sich über das Geschehen am Millerntor und in der sonstigen Fußballwelt auf. Das Ergebnis veröffentlicht er hier und auf Twitter in wüsten Pamphleten zwischen Wahn (klar erkennbar) und Witz (möglicherweise unfreiwillig).

Nebenbei unterstützt Gerd die Stadionzeitung VIVA ST. PAULI als Fußball-Sachverständiger.