Hamburg zum Mitnehmen
So., 15.03.2009, 14.00 Uhr: Alemannia Aachen - FC St. Pauli 1:3

Auswärtsspiel. Die Hälfte der Mannschaft ist krank oder gesperrt. Und in 20.000 zermarterten Fangedächtnissen modert noch die Erinnerung an eine erste Halbzeit, die schlimmer war als deutsche Fernseh-Sitcoms. Nach Fußballzeitrechnung ist das erst 45 Minuten her, als die Mannschaft des FC St. Pauli sich aufmacht, Aachen zu erobern. Super, denk ich. Wird bestimmt ein grandioses Spiel.
Geht auch gleich gut los: 70 Prozent Ballbesitz Aachen, 30 Prozent St. Pauli. Kann gar nich hinsehen. Natürlich fällt nach ner Viertelstunde das erste Tor. „St. Pauli Allez“, murmel ich bitter vor mich hin, „Unser ganzes Leben. Unsre ganze Kraft.“ Aber als ich eben ansetze, nach allen Regeln der Ballettkunst den sterbenden Schwan zu geben, um nie mehr mit auf Auswärtstouren zu müssen, macht irgendwer mich darauf aufmerksam, dass das Tor eins für uns war.
Jawoll, das mit „Souverän den Gegner verladen und vorbei am Torwart ins kurze Eck“. Irgendwie so, als würde mein Lieblings-Imbiss statt ölige Pommes im Fett von vorgestern auf einmal frische Ente à l’Orange servieren. So ganz trau ich dem Braten ja immer noch nich, den die „boys in white“ da auftischen, aber ich trau mich immerhin, ab jetzt die Augen aufzulassen.
Und was seh ich? Brunnemann und Bruns gehen dem Gegner schon so früh auf die Nerven, dass der unsere Verteidigung gar nich mehr schlimm triezen kann. Wobei er das ruhig könnte, denn Lechner, Eger, Gunesch und Rothenbach machen nen soliden Job da hinten. Schon fangen die ersten an, von „sicherer Verteidigung“ zu reden, ohne direkt in den Erste-Hilfe-Bereich gebracht zu werden.
Und soll ich euch was sagen? In der zweiten Halbzeit geht das so weiter. Das Traumduo Hain-Hoilett, bekannt und beliebt aus dem Rostock-Spiel, serviert in der 49. einen trockenen Austänzer nach langem Abschlag. Schuss, Doppelbande über Gegenspieler und Pfosten, Zappeln im Netz. Begeisterter Unglauben im Publikum über soviel Coolness, Können und Glück.
Was Hoilett da im Moment am Schuh hat, muss sowas wie die Antimaterie von Scheiße sein. Darum versorgt er ja auch den guten Ludwig so, dass der acht Minuten später nicht anders kann, als das 3:0 im leeren Tor zu versenken. Gefrustet nimmt Aachens Trainer sein Wunderkind Holtby vom Platz.
Als kleines Erkennungszeichen spielen unsere dann doch noch ein bisschen Murks: Ich sach nur „1:3 nach zwei verlorenen Kopfballduellen im Sechzehner“, und ob das mit den drei Aachener Chancen in der letzten Viertelstunde wirklich sein musste, lassen wir mal offen. Aber dann ist Schluss. Auswärtssieg!
Oder war das gar nicht „auswärts“? Vielleicht hat Stani, der alte Fuchs, unsern Jungs einfach vorgegaukelt, sie wären zu Hause! Kann mir die Anreise schon vorstellen: Links und rechts am Bus klebt selbstgemaltes Alsterpanorama, und auf die Straße nach vorn guckt ja eh keiner.
Nach zehn Minuten fangen die ersten natürlich an zu mosern. „Ömm, Träääner? Warum sitzen wir eigentlich mit Scheuklappen im Bus?“ – „Frag nich so doof, Schnitzel! Das is für die Konzentration! Top sihcret direkt vonner Sporthochschule!“ „Ach so.“
„Aber du, Träääner? Wenn das `n Heimspiel ist, warum sind wir eigentlich so lange unterwegs?“ „Hör mal, Ralle, das issoch glasklar: Das issn neuer Bus hier! Der brauch börn in! Belastungsprobe, weissu? Wir fahrn jetzt noch 500mal um die Alster, dann könn’ wir spielen.“
Stunden später: „Du Stani, warum sieht das Stadion auf einmal so anders aus? Und warum tragen die Leute hier alle Gelb-Schwarz?“ – „Keine Sorge, Brunne. Ist nur so’n Protest gegen das Fernsehen. ‚Alarmstufe gelb! Wir sehen bald schwarz!‘“
Und was sach ich: Die Finte hat geklappt! Selbst die Aachener Fans lassen sich ins Bockhorn jagen und hauen schon lange vor Schluss ab. Bestimmt, weil sie denken, dass der Heimweg noch so lang ist.
Gute Geschichte also, dieses Hamburg zum Mitnehmen. Jetzt brauchen wir nur noch ne gute Erklärung, warum wir bis Ende der Säsong kein einziges Auswärtsspiel mehr haben. Aber nach dem Spiel heute glaubt sowieso jeder alles. Die Spieler bestimmt auch.
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Veröffentlicht in FC St. Pauli
16. März 2009 um 23:31
Meine Lieblingsstelle:
“Aber als ich eben ansetze, nach allen Regeln der Ballettkunst den sterbenden Schwan zu geben, um nie mehr mit auf Auswärtstouren zu müssen, macht irgendwer mich darauf aufmerksam, dass das Tor eins für uns war.”
LOL
20. März 2009 um 18:51
Genial Gerd!
Wieder mal ein traumhaftes Schriftstück, was uns Fans so real vorkommt, als wären wir dabei gewesen. Ich hoffe Stani hat das selbstklebende Alsterpanorama auch für das Spiel in Wiesbaden Äh Hamburg zur Hand…
7. April 2009 um 13:49
[...] Niveau-Limbo: Hängt die Stange tiefer, wir können noch schlechter! Doch, doch, unser 3:1 in Aachen ist erst zwei Spiele her. Rückblickend wirkt das wie `ne Halluzination. [...]