Hamburg braucht mehr Goliathwachen!

5. September 2012 von Gegengeraden-Gerd

Perfekter Standort für eine Goliathwache: Die Elbphilharmonie! Foto: Lantus. Bilddatei lizenziert unter der Creative-Commons-Lizenz ‘Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported (CC BY-SA 3.0)’. Gefunden via Wikipedia.

Sehr geehrte Frau Kultursenatorin Kisseler! 

Wie Ihnen wahrscheinlich bekannt ist, befinde ich mich in regem Austausch mit Ihrem Kollegen, Herrn Innensenator Neumann, sowie den Programmverantwortlichen der Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland (ARD). Gemeinsames Ziel ist die optimale Nutzung eines 600 Quadratmeter großen Grundstücks in der neuen Gegengerade des FC St. Pauli.

Der kühnen Vision Ihres Kollegen Neumann, diese gewaltige Fläche im Herzen eines der berühmtesten Fußballstadien Europas nicht für irgendeinen Kultur-Killefitz herzugeben wie etwa ein Vereinsmuseum, sondern vielmehr für einen „Polizeipalast im Piratenschiff“ zu nutzen, für eine Goliathwache, wie sie die Welt noch nie gesehen hat: Dieser Vision folge ich, wie Sie wissen, mit Haut und Haaren und an Wahnsinn grenzender Begeisterung.

Doch, liebe Frau Kisseler, und darum schreibe ich Ihnen: Wir müssen größer denken. Was am Millerntor geht, das muss auch anderswo möglich sein.

Polizeiwachen in Sehenswürdigkeiten – was das für ein Geld spart! Was da für Flächen freiwerden! Was das auch Ihnen die Arbeit erleichtert! Ich sage: Polizeiwachen zu Eigentumswohnungen, Denkmäler zu Goliathwachen!

Und weil ich davon fest überzeugt bin, nehm ich Ihnen sogar die Arbeit für die ganzen Vorstudien ab. Bzw. die freundlichen Leserinnen und Leser meiner Facebook-Fanseite. Die hab ich nämlich einfach mal gefragt:

Welches Hamburg-Denkmal soll als nächstes “seine” Goliathwache bekommen?

„Schwarmintelligenz“, verstehen Sie? Und es hat sich gelohnt, das kann ich Ihnen sagen. In kürzester Zeit kamen über 150 Stimmen zusammen!

Aber eins nach dem anderen. Ich erspar Ihnen mal die Kleindetails, die können Sie jederzeit selbst hier nachlesen. An dieser Stelle nur die Sehenswürdigkeiten, die fünf oder mehr Stimmen bekommen haben.

Platz 7: Hagenbecks Tierpark (5 Stimmen). Für mich eine kleine Überraschung, das muss ich Ihnen ehrlich sagen. Hätte ich weiter oben erwartet. In den Worten meiner Tante Kriemhild: „Die Idee mit der Goliathwache im Tierpark finde ich vernünftig. Schon wegen der Zustände am Pavianfelsen. Ein Tollhaus!“

Platz 6: Hamburger Michel (8 Stimmen). Ein Selbstgänger, will ich meinen. Riesige Fläche, selten genutzt, große Orgel für gepflegtes „Tatütata“: Wann soll die Goliathwache einziehen?

Platz 5: Müllverbrennungsanlage (14 Stimmen). Etwas erklärungsbedürftig, zugegeben. Aber in der Nähe eben dieser Müllverbrennungsanlage, einige wenige Eingeweihte in die Frühgeschichte des Hamburger Fußballs wissen das noch, befindet sich die Ruhestätte eines schlafenden Fußballriesen und zukünftigen Hamburger Amateursportvereins. Die wackeren Menschen, die dort immer noch hingehen, haben seit Jahren wenig zu lachen – also, schon wegen der Arbeitsplätze und weil man sonst mit dem ganzen Platz da nix anfangen kann: Bitte schnell eine Goliathwache bei der Müllverbrennungsanlage einbauen, vielen Dank.

Platz 4: Davidwache (16 Stimmen). Da sehen Sie mal, was für gewitzte Wähler ich da habe in meiner hübschen kleinen Umfrage. Das Runde ins Eckige, das Große ins Kleine, die Goliathwache in die Davidwache: Das klingt, das ist pragmatisch, das hat Stil. Nur passen wird’s nicht so einfach, fürchte ich. Dafür ist die Davidwache einfach zu klein. Aber wissen Sie: Stopfen Sie einfach. Geht bei Urlaubskoffern doch auch. Und außerdem wird in der Gegend sowieso bald wieder gebaut, falls es beim Hineinstopfen zu Steinschlag kommen sollte.

Platz 3: Schmidts Tivoli (18 Stimmen). Ein interessanter Vorschlag für ein Goliathwachen-Franchise. Der Theaterbetrieb könnte ohne Unterbrechungen fortgeführt werden, und die Beamten Ihres Kollegen Neumann freuen sich bestimmt, zur Abwechslung zwischen Protokolletippen und Ganovenjagen mal kurz in der „Heißen Ecke“ über die Bühne zu huschen oder ein paar Schlager zu schmettern. Herr Littmann vom Tivoli ist aus der Vorgeschichte der Millerntor-Goliathwache vielleicht bereits bekannt.

Platz 2: IKEA (23 Stimmen). Selbstgänger. Dass IKEA eine Sehenswürdigkeit in dieser Kulturstadt darstellt, steht außer Frage. Sonst würde man ja nicht mitten in der Stadt eins hinsetzen und Künstler damit vertreiben. Dass bei IKEA Platz in Hülle und Fülle vorhanden ist, weiß außerdem jede arme Seele, die den gewundenen Pfaden bis in die Selbstbedienungshölle folgte, nur um ein paar Teelichte zu erwerben. Außerdem sind die Gewaltexzesse in den Katakomben des „Kinderparadieses“ fast schon sprichwörtlich. Oder warum, denken Sie, wollen die zarteren unter den Mini-Hooligans immer schon nach Sekundenbruchteilen dort wieder abgeholt werden? Außerdem wirbt der IKEA-Konzern seit Jahren regelmäßig mit aus dem Fenster geworfenen Weihnachtsbäumen. Wenn das keine neue Dimension ist, weiß ich auch nicht. Also bitte eine Goliathwache da rein, aber dringendst!

Platz 1: Die Elbphilharmonie (40 Stimmen). Na, was hab ich gesagt? Haben wir einen klaren Sieger? Haben wir eine perfekte Locätion? Ausweichflächen en masse – ach, was sag ich, eine einzige Ausweichfläche! Oder glauben Sie ernsthaft, da kommt wirklich mal ein Konzertsaal rein?

Vorläufiges Amtliches Endergebnis der Goliathwachen-Wahl auf www.facebook.com/gegengeradengerd

Nein, liebe Frau Kisseler, hier und jetzt sollten Sie umgehend anfangen:

  • Bringen Sie die Goliathwache der Goliathwachen in der Elbphilharmonie unter!
  • Folgen Sie dem eindeutigen Votum der Menschen Hamburgs!
  • Schaffen Sie ein Blaulicht-Leuchtturmprojekt, bei dem selbst die Baumeister Babylons Bauklötze staunen würden! 

Die Chance ist historisch, die Gelegenheit mehr als günstig. Und Sie wissen ja, die freiwerdenden Polizeiflächen anderswo würden mit Kusshand als Wohnraum genommen.

Und die Fans des FC St. Pauli, die sich schon so sehr auf Ihre 600-Quadratmeter-Goliathwache in der Gegengerade freuen? Ach wissen Sie: Ich glaube, bei einer so tollen Alternativlösung wie der Goliathwache in der Elbphilharmonie – da würden selbst die kritischsten St. Paulianer schweren Herzens verzichten. Und statt der Goliathwache einfach ein hübsches, vielseitiges Vereinsmuseum im Bauche ihrer neuen Tribüne unterbringen.

Na, was meinen Sie, haben wir einen Deal?

Fragt Sie erwartungsvoll:

Ihr enthusiastischer Blaulicht-Blogwart

Gerhard von der Gegengerade


Zum Weiterlesen: Hier im Blog: Blaulight Express, Traumquote mit der Goliathwache
Anderswo: Kampagnenmotive “Museum statt Goliathwache”Aktuelle Infos der AG Stadionbau, aktueller Übersteiger-Artikel, Infos auf SPNU, “Museum statt Goliathwache!” auf Kiezkieker.de. 

Zum Unbedingt Unterstützen: 1910 – Museum für den FC St. Pauli e.V. (Facebook-Seite des Fördervereins)

Zum Unterschreiben: Petition “Uns das Stadion”

Veröffentlicht in FC St. Pauli

10 Antworten

  1. Jekylla

    Wenn man Blogartikel ausschneiden könnte und in ein “Best of”-Poesie-Album kleben könnte -Ihre Tante Kriemhild kennt solche Alben ja auch noch- wäre das ein Artikel, der da zwingend rein müsste.
    Ein weiteres Meisterstück aus der Gegengerade, Gerd. Sowas von Chapeau!!!

  2. Lizas Welt

    Genial, brillant, famos! Großen Dank, auch im Namen meines Zwerchfells.

  3. Keine Goliathwache! » Magischer FC

    [...] wir nicht. Kollegen haben es getan, wir haben es getan, Kollegen haben konkrete Hinweise für die Verlagerung der Goliathwache gemacht und passiert ist nix. Okay, dann müssen wir nun als Fanszene sehen, wie [...]

  4. Wenn 36 das gleiche vorlesen, ist es noch lange nicht dasselbe | Übersteiger-Blog

    [...] am Ende doch noch die Größe beweisen kann und sich vor seine Fans stellt. Ob es am Ende dann die Goliathwache in der Elbphilharmonie wird oder man sich einfach nur zu einem entschiedenen NEIN durchringt, soll uns dann auch egal [...]

  5. pantoffelpunk

    Chapeau, gut gegeben, Gevatter.

  6. Tägliche Blog- und Presseschau des magischen FC, 07.09.2012 | Blutgrätsche Deluxe

    [...] dasselbe Sozialromantiker – Petition “Uns das Stadion” (bitte unterschreiben!) Gegengeraden Gerd – Mehr Goliathwachen Magischer FC – Keine Goliathwache Metalust – Heißer Herbst Magischer FC – [...]

  7. Jetzt mal ohne Scheiß,

    wehe dir, du hast es der Kultursenatorin nicht geschickt. Emails sind kostenlos und kreativer Protest bei der Kulturbehörde beliebt. Von alleine wird sie es sicher nicht so schnell finden, dass sie noch Diskussionen anstoßen kann. Ansonsten bitte schnell nachholen!

  8. Gegengeraden-Gerd

    Recht hast du. Hab den Brief an die persönliche Referentin der Kultursenatorin geschickt und hoffe mal, dass alles korrekt weitergeleitet wird und die Senatorin sich die Zeit nimmt, hier reinzulesen.

  9. #FCSP Museum statt Stadionwache – eine Grundsatzentscheidung « KleinerTods FC St. Pauli Blog

    [...] http://www.gegengeraden-gerd.de/fc-st-pauli/hamburg-braucht-mehr-goliathwachen/ und [...]

  10. M – ein Stadtteil sucht ein Museum (und keine Goliathwache). #FCSP wieder in Rot. « KleinerTods FC St. Pauli Blog

    [...] mal der Hinweis darauf, daß das geniale Wort “Goliathwache” auch einen Urheber hat: http://www.gegengeraden-gerd.de/fc-st-pauli/hamburg-braucht-mehr-goliathwachen/ – Danke nochmal für diesen tollen Begriff, der die Problematik mit der überdimensionierten [...]

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Über Gegengeraden-Gerd:

Gerhard von der Gegengerade, 55, ist seit 1910 Dauerkarten-Besitzer des FC St. Pauli.

Als leicht entflammbare Ein-Mann-Meckerecke regt er sich über das Geschehen am Millerntor und in der sonstigen Fußballwelt auf. Das Ergebnis veröffentlicht er hier und auf Twitter in wüsten Pamphleten zwischen Wahn (klar erkennbar) und Witz (möglicherweise unfreiwillig).

Nebenbei unterstützt Gerd die Stadionzeitung VIVA ST. PAULI als Fußball-Sachverständiger.