Gottesgrätsche

9. März 2009 von Gegengeraden-Gerd

Fr., 6.März 2009, 18 Uhr: FC St. Pauli – Hansa Rostock 3:2 (0:2)

Hamburg, Heiligengeistfeld, kurz nach sechs. Derby-Zeit – und die Luft brennt wie nasse Windeln. Es ist weniger Leidenschaft im Spiel als Alkohol in dem Sicherheitsbier, mit dem ich mir den Mut wegtrinke. Schmeckt säuerlich und nach Enttäuschung. Wenigstens regnet’s, denk ich. Gutes Beerdigungswetter.

Ein paar Minuten früher: Einlauf der Mannschaften. Die Häkelbrigade „00 Ostseestrand“ präsentiert ihre neue Fäkal-Schal-Kollektion. Man applaudiert. Bei so viel Fleiß klappt’s sicher bald auch mit den passenden Topflappen. St. Pauli hält mit braun-weiß-roter Riesenchoreo, infernalisch schwirrenden Papierschnipseln und reichlich beschrifteter Rauhfaser dagegen. „Der Gesang ist mächtiger als der Stein“, schön gesagt.

Leider gibt es Dinge, die noch mächtiger sind als der Gesang. Erbärmlicher Fußball gehört dazu. Und darum lähmt nach fünf Minuten und zwei Gegentoren Entsetzen die Kehlen. Nackt wie ein Flitzer hat sich das Grauen auf den Platz geschlichen, und es geht nicht weg. Kein Wunder, jagt ja auch niemand hinterher. Das Altherrensimulationsteam „Braun-Weiß“ jedenfalls überlässt die Sache lieber anderen. Sind ja genug Ordner im Stadion.

Nackt wie ein Flitzer hat sich das Grauen auf den Platz geschlichen, und es geht nicht weg.

Der Gewinn einer Ecke ist da ein halbes Wunder. Dass Ludwig das Teil in die Luft schlonzt, als hätte er keinen Ball sondern ´ne Schwarzwälder-Kirsch am Schuh, passt bestens ins Bild. Die Torte fliegt irgendwohin, wo sie nix zu suchen hat, und platzt ohne weitere Verwendbarkeit. Ich wisch mir den Fußballmatsch aus dem Gesicht, schließe die Augen und stell mir stattdessen meine letzte Gallenstein-OP vor, nur mit stumpfem Skalpell und ohne Betäubung. Was für ein Genuss.

Dann ist Pause, endlich. Die Crème de la Crème des Rostocker Blocks übernimmt die Halbzeitbespaßung. Es qualmt. Nanu, schießt es mir durch den Kopf. Brennen nasse Windeln doch?

Überraschen würd’s mich nicht. Nicht nach der zweiten Hälfte dieses Fußballdramas. Drei Spieler hat Stani komplett ausgetauscht, sieben anderen das Herz. Dem elften Spieler aber zog er die Kapitänsbinde über. Und noch ehe der Smog über dem Stadion sich verzogen hat, macht Boller den Kollegen klar, dass das hier nicht Viertliga-Krocket ist. Und dass dieses Spiel nicht verloren wird. Punkt.

Als es endlich weitergeht, wird Boll schon nach einer Minute gelegt, und die Neuen stehen am Freistoß: Bruns, Hennings und Brunnemann statt Trojan, Schulz und Ludwig. Brunnemann drischt die Pille in die Mauer, aber jetzt sieht es nach Wut aus statt nach Tortenschlacht.

Auf einmal gibt’s Flügelläufe und Flanken. Kombinationen über fünf-sechs Stationen wechseln mit hoch und weit. Wenn‘s auch kein Zauberfußball ist: es lebt. Wie sehr, zeigt Minute 50: Ecke Hennings, Direktabnahme Bruns. Der Abpraller hoppelt Richtung Ecke. Ein Rostocker hinterher, im Schlepptau den Rachegott persönlich.

Der heißt Boll, rennt sich die Seele aus dem Hals und schließt seinen Spurt mit einer derart gewaltigen Grätsche, dass sein Gegner bis ans Ende seines Lebens davon albträumen wird. Und trifft auch noch den Ball.

Boll schließt seinen Spurt mit einer derart gewaltigen Grätsche ab, dass sein Gegner bis ans Ende seines Lebens davon albträumen wird.

Keine Frage: So grätscht Gott. Aber nur, wenn er richtig zornig ist. Also nicht die softe Nummer à la Bergpredigt, sondern das volle Auge-um-Auge-Zahn-um-Zahn-Programm Marke „Altes Testament“. Einschließlich der Zehn Gebote für den Rest der Partie, die Grätschengott Boll seinem Gegenspieler persönlich mit donnernder Stimme verkündet. „Du sollst hier gewinnen“ wird nicht dabeigewesen sein.

Es wirkt: Das Grauen ist verjagt, die Leidenschaft zurück. Keine Spur vom sanften Fußball-Heiligen Sankt Pauli, der noch den kaputtesten Gegner zusammenflickt. Nur das Bier bleibt dasselbe wie am Anfang. Aber wen stört’s, denn kurz darauf gibt es Elfmeter: Brunnemann fällt. Sako schießt. 1:2.  Und St. Pauli drückt weiter. Brunnemann verlädt Rostocker im Doppelpack und zaubert per Hackentrick. Hennings wird im Strafraum geschubst. Kein Elfmeter, dafür reichlich Gehacktes mit Schiri-Klein-Klein, während Rostock radikal entschleunigt.

Dann ein rüdes Foul gegen Gunesch. Hain schießt den Freistoß in den Strafraum. Ein Rostocker verlängert. Hoilett köpft: 2:2! Und Sekunden später fast das 3:2 durch Hennings. Hansa-Trainer Eilts guckt wie ich in der ersten Halbzeit. Erst recht, als das 3:2 wirklich fällt. Ein klarer Fall für “The Next Uri Geller”. Denn eigentlich ham die Jungs den Ball eher ins Tor reingeWOLLT als reingeROLLT: Flanke Brunnemann von links. Hennings erwischt sie per Kopf. Der Ball fliegt fast senkrecht hoch. Rostocks Keeper langt bös daneben und fällt hin. Hoilett auch fast. Aber im Fallen spitzelt er die Kugel noch ins Tor – Massenekstase. Mit offenem Knie liegt Brunnemann völlig platt auf dem Rücken und schüttelt den Kopf. Ich schau zum Schiri und hab Angst, dass er Abstoß pfeift statt Anstoß. Aber alles ist gut.

Noch ein Rostocker Schuss, der knapp übers Tor pfeift. Ein wenig Ball halten mit Hoilett.  Die letzten Wunderkerzen im Rostocker Block. Und Gelb-Rot für Sako. Was soll’s: Vorbei. Gewonnen!

So gesehen passte das Kokeln vor Halbzeit zwo ganz gut. Denn wie heißt es so schön: Wo Rauch ist, ist auch Feuer. Stimmt genau. Nur brannte das wahre Feuer diesmal nicht dort, wo der Rauch herkam.

Zum Nachhören: Audioreportage von Wolf Schmidt (AFM-Radio)

Titelfoto: Antje Frohmüller, verlinkte Fotos Nr. 1-3, 5,6: miles-photo.net, verlinktes Foto Nr. 4: der Spanier.

Veröffentlicht in FC St. Pauli

2 Antworten

  1. Gegengeraden-Gerd: Jetzt rede ich! » » Einmal Hamburg zum Mitnehmen, bitte!

    [...] in 20.000 zermarterten Fangedächtnissen modert noch die Erinnerung an eine erste Halbzeit, die schlimmer war als deutsche Fernseh-Sitcoms. [...]

  2. Fabulous Sankt Pauli

    Schiffe versenken – das war ein Dreier! FCStP vs. HRO…

    Was hatte ich den ganzen Tag ein mulmiges Gefühl. Schon morgens um 9 dem Team Green an der Davidwache beim Beladen der Mannschaftswagen mit allerlei Utensilien zugesehen, die waren für alles gerüstet. So was macht nicht gerade entspannt, das steht …

Deinen Senf dazugeben? Man zu!

Achtung: Kann nen Moment dauern, bis dein Kommentar online zu sehen ist - büdde nich' ungeduldig werden!

Über Gegengeraden-Gerd:

Gerhard von der Gegengerade, 55, ist seit 1910 Dauerkarten-Besitzer des FC St. Pauli.

Als leicht entflammbare Ein-Mann-Meckerecke regt er sich über das Geschehen am Millerntor und in der sonstigen Fußballwelt auf. Das Ergebnis veröffentlicht er hier und auf Twitter in wüsten Pamphleten zwischen Wahn (klar erkennbar) und Witz (möglicherweise unfreiwillig).

Nebenbei unterstützt Gerd die Stadionzeitung VIVA ST. PAULI als Fußball-Sachverständiger.