Geschmolzenes Plastik

1. Mai 2008 von Gegengeraden-Gerd

Mi, 16.04.2008, 17:30: FC St. Pauli – TSG 1899 Hoffenheim 3:1 (1:1)

Pliquett steht. Hoffenheim am Boden. Foto: Antje Frohmüller.

Da stehen sie also. 22 Beine im Spielertunnel, 100 in der Gästekurve, und ich bin nervös. Denn bei der TSG In-Echt-bestimmt-schon-seit-1599 Hoffenheim wird nix dem Zufall überlassen. Das sind Profis da, alle: Der Trainer. Der Co-Trainer. Der Fitness-Trainer. Der Mental-Trainer. Der Vor-dem-Freistoß-Meditations-Trainer. Der Reklamier-Trainer. Der Schwalben-Trainer. Und das ist erst der Anfang.

Der Maskenbildner: früher bei Steven Spielberg. Der Head of Flugbahn-Design, Ecken-Abteilung: ein Top-Mann von der NASA. Dass der Zeugwart direkt aus Paris eingeflogen wurde, brauch ich ja wohl nich erst erwähnen, und den Mannschaftsbus fährt ein ehemaliger Formel-1-Pilot. Der Hopp will schließlich was haben für sein Geld.

Gilt auch für die Truppe, die jetzt den Rasen betritt. Ganz in Weiß. Das Feinste vom Feinsten, zur Einheit verschmolzen von den Besten der Besten. Lückenlos, fehlerlos, glatt. Perfekt wie – tja, was soll ich sagen: Perfekt wie sonst nur Plastik, oder kennt einer ein vollkommeneres Material? Unkaputtbar wie Tupperware. Das gibt Haue, denk ich, und als die nach zwei Minuten schon dreimal auf unser Tor geschossen haben, denk ich das erst recht.

Gegengeraden-Stani. Foto: Antje Frohmüller

Aber Pliquett hält wie ein Verrückter. Unsere Jungs wachen auf. Aus dem Nichts fällt das 1:0. Und die Temperatur steigt. Plötzlich wird der Schiri komisch: Handelfmeter für uns? Nö. Freistoß für den Gegner? Jo. Stani auf die Tribüne? Klar doch. Schon steht’s 1:1. „Pfeif doch auf der Insel, die du geschenkt gekriegt hast“, regt sich so ne Buchhalter-Type neben mir auf.

Aber spätestens nach Takyis aberkanntem 2:1 merkt man, dass das hier mehr wird als die übliche Frustpartie gegen Fußballgott (korrupt) und die Welt (ungerecht), gegen Fußball-Mafia (überall) und die Verhältnisse (immer gegen uns). Denn die „boys in brown“ stecken nicht auf. Kommen besser aus der Pause als sie reingegangen sind. Und schießen das 2:1 einfach nochmal. So wie sie später auch das 3:1 zweimal schießen (Abseits? Könnt ihr meiner Oma erzähln!).

Das letzte Tor schießt “Felgen-Ralle” Gunesch so, als wollte er das ganze Spiel in einem Zug zusammenfassen. Er läuft los – und lässt sich einfach nicht stoppen. Durch nichts und niemand. Ein Mann, der schneller rennt als sein Schatten, getrieben von 20.000 Zuschauerstärken. Kein Audi kann da mithalten.Solo auf Links. Schuss nach Rechts. Massenekstase.

Am Ende steht es moralisch 5:1, und ich fühle mich wie damals, als in Star Wars der Todesstern explodiert ist. Dann kippe ich meinen letzten Bierrest aus, um zu sehn, ob die Schwerkraft noch geht. Tut sie. So gesehen auch kein Wunder. War doch alles streng nach Naturgesetz: Plastik schmilzt. Wenn nur die Hitze groß genug ist.

Veröffentlicht in FC St. Pauli

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Über Gegengeraden-Gerd:

Gerhard von der Gegengerade, 55, ist seit 1910 Dauerkarten-Besitzer des FC St. Pauli.

Als leicht entflammbare Ein-Mann-Meckerecke regt er sich über das Geschehen am Millerntor und in der sonstigen Fußballwelt auf. Das Ergebnis veröffentlicht er hier und auf Twitter in wüsten Pamphleten zwischen Wahn (klar erkennbar) und Witz (möglicherweise unfreiwillig).

Nebenbei unterstützt Gerd die Stadionzeitung VIVA ST. PAULI als Fußball-Sachverständiger.