Gerds Tierleben

12. September 2010 von Gegengeraden-Gerd

Fertigungstoleranzen, ne? Werden ja auch immer geringer. Früher noch so ganz leger, nach dem Motto „sitzt, passt, wackelt und hat Luft“ – heute wird über Nanometer diskutiert. Leider auch im Fußball.

Wenn ich mal so zusammenrechne, was da nur gefehlt hat, dass Bolls Lattenkracher in der 5. gegen Hoffenheim drin ist. Oder dass Podolskis verflixter Pfostenschuss in Köln eben gerade nicht genau seinem Kollegen vor den Fuß fliegt, so dass der den einfach so versenkt Oder dass unser Ritchie Sukuta-Pasu seinen Ausgleichstreffer behalten darf und keiner was von „Abseits“ erzählt und ich nicht diesen grauenhaften Sofortkatzenjammer erleiden muss, den jeder kennt, der schon mal mitten in vollem Jubel kalt erwischt wurde vom Tor-Entzug …

Also, wenn ich das alles zusammenrechne, komm ich doch auf weniger Millimeter als ne Zecke lang ist! A propos: Ab und zu hab ich an dieser Stelle ja schon mal meinen Kollegen Rothosen-Ernie erwähnt. Der Fußballgeschmack – ich weiß ja nicht … Aber: Diskutieren kann man gut mit dem. Neulich zum Beispiel hat er mich voll erwischt.

„Zecken, hä?“, meint er so. „Was das denn für’n Lieblingstier?“ Ich natürlich sofort auf kontra: „Wieso? Total super! Seit 90 Millionen Jahren am Start! Unverwüstlich! Zeitloses Basisdesign. Stressfreie Lebensphilosophie. Unwiderstehlicher Überträger von Bolleriose, Ebbephalitis und Nakifieber. Überall auf dem Vormarsch!“

Darauf hatte Ernie nur gewartet: „Genau“, meint er trocken. „Ist doch ’n totales Mainstreamviech. Zeckenfans sind Modefans!“ Und erzählt mir einen vom Pferd von wegen Dinosaurier wären viel cooler. Von wegen selten und so. „Oder hast du schon mal beim Waldspaziergang ein Warnschild ‚Vorsicht, Saurierwanderung’ gesehen? Ich sag dir was: Dinosaurier sind die wahren Underdogs der Evolution!“

Da hat er natürlich ’n Punkt. Vor so viel Engagement für eine untergegangene Spezies kann ich eigentlich nur meinen Hut ziehen. Wobei, so’n kleinen Alternativvorschlag hätt ich da ja, liebe Freunde der Tradition: Könnte man die Geschichte nicht noch ’n Stück weiterdrehen und einfach in jeder Saison ein anderes ausgestorbenes Maskottchentier adoptieren – so mahnwachenmäßig, wider das Vergessen?

Gibt ja noch reichlich andere Tierarten, die es nicht mehr gibt – lasst Euch das einfach mal auf der Zunge zergehen: Dodos der Liga! Beutelwölfe der Liga! Heidehühner der Liga! Schweinsfuß-Nasenbeutler der Liga! Wär das nicht was? Sogar der Riesenalk der Liga wäre noch frei, den soll es irgendwann im 19. Jahrhundert erwischt haben. (Und ich dachte immer, der lebt irgendwo bei den Bierständen unter der Gegengerade!)

Veröffentlicht in FC St. Pauli

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Über Gegengeraden-Gerd:

Gerhard von der Gegengerade, 55, ist seit 1910 Dauerkarten-Besitzer des FC St. Pauli.

Als leicht entflammbare Ein-Mann-Meckerecke regt er sich über das Geschehen am Millerntor und in der sonstigen Fußballwelt auf. Das Ergebnis veröffentlicht er hier und auf Twitter in wüsten Pamphleten zwischen Wahn (klar erkennbar) und Witz (möglicherweise unfreiwillig).

Nebenbei unterstützt Gerd die Stadionzeitung VIVA ST. PAULI als Fußball-Sachverständiger.