Gehtnochmehrgerade

4. Februar 2013 von Gegengeraden-Gerd

Schal und Wahn (Foto: Antje Frohmüller, www.afroh.de)

So liebe Leute. Das war so epochal am Sonntag, das konnte sich meine Tante Kriemhild nicht entgehen lassen. Und weil wir keine Lust haben, gleich zwei lange Artikel zu schreiben, gibt’s die Spielkritik heute als Mitschnitt vom Kaffeeklatsch danach. Bitteschön!

Tante Kriemhild (gabelnd): Ein ganz herrlicher Bienenstich ist das hier. Wirklich, ganz herrlich! Gerhard, hier müssen wir Gitti auch mal mit hinnehmen.

Gegengeraden-Gerd (kaut).

Kriemhild: Überhaupt, der Ausflug! Wundervoll. Ganz wundervoll. Aber meinst du nicht, ein paar Tore wären ganz schön gewesen, Gerhard? Onkel Werner sagt immer, das Runde muss ins Eckige! Muss man denn immer alles anders machen bei euch am Milerntor?

Gerd (grunzt).

Kriemhild: Gerhard! Nicht mit vollem Mund! – Aber eins muss ich schon sagen. Ich fand das ganz entzückend, wie die jungen Leute am Anfang gesungen haben.

Gerd (schluckt hastig runter): Büschen Luft nach oben is aber noch! Ich sach mal: Gehtnochmehrgerade!

Kriemhild (mütterlich): Ach Gerhard! Ich hab doch genau gesehen, wie deine Augen geglitzert haben bei dem langsamen Lied da am Anfang. Du weißt doch, das mit den Schals. Du musst dich deiner Gefühle nicht schämen!

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=Rx0r-kr_KvU]

 Gerd: Mach ich auch nicht! Aber solange die Zeitungen beim Heimspiel kein Erdbeben  Stärke 9 auf der Richterskala mit Epizentrum Millerntor melden, bin ich nicht zufrieden. Guck dir doch die Werbung auf dem Spielertunnel an: „REVOICE!“ Keine Ahnung, was das ist, aber wenn das schon die Werbebranche aufschnappt, ist es schon weit mit uns gekommen!

Kriemhild: Meinst du nicht, da verlangst du ein bisschen zu viel? Heute wird in der Schule doch kaum noch gesungen. Wie soll sich ein junger Kehlkopf da so richtig entwickeln? (Überlegt) Weißt du was, Gerhard? Vielleicht sag ich einfach mal der Liedertafel Bad Bevensen Bescheid. Die mischen sich einfach unters Volk und geben Euch ein paar Tipps! (Verträumt) Hach, was sind das für fesche Kerle …

Gerd: Und dann? Steht die ganze Mannschaft auf dem Rasen rum und lauscht? Freiluftkonzert in der Musikmuschel am Millerntor?

Kriemhild: Also, ein bisschen Respekt vor den Musikern würde ich schon erwarten. Das kann doch nicht so schwer sein, mal fünf Minuten mit dem Ballspielen aufzuhören …

Gerd: Fünf? Das können unsere für 90!

Kriemhild: Nun bist du aber ungerecht, Gerhard.

Gerd: Ungerecht? Circa eine echte Torchance, und sonst? Rasentiefbau! Soll ich dir mal sagen, was die Jungs um mich rum so gesagt haben? „Ein Schlepperballett ist lebendig dagegen!“ „Heiteres Buchstabenschießen auf die Werbebande hinterm Cottbusser Tor!“

Kriemhild: Cottbusser Tor? Ist das nicht in Berlin?

Gerd (knurrt): Ungefähr so weit daneben lagen unsere jedenfalls.

Kriemhild: Aber Mühe haben sie sich doch gegeben! Und wo doch die ganzen anderen Jungs immer so im Weg standen …

Gerd: Das kommt da ja noch zu! Die Cottbusser haben Beton angerührt, ich dachte, die bauen uns mitten aufm Rasen die fünfte Tribüne!

Kriemhild: Nu lass sie doch, Gerhard. Die waren bestimmt nur eingeschüchtert! – Mich ärgert ja viel mehr, dass Frau Knesebeck mich nicht gegrüßt hat.

Gerd (leicht ungehalten): Wer ist denn nun wieder Frau Knesebeck?

Kriemhild: Aber die kennst du doch, Gerhard! Die Frau vom Sparmarkt-Besitzer! Immer schön etepetete mit Pelzkragen. Die erkenn ich aus hundert Metern im Nebel, Frau Knesebeck. Und in euerm Stadion? Mittenmangs auf den besten Plätzen direkt am Spielfeld. Anderthalb Stunden war die vor meiner Nase zugange.

Gerd: Ömm, Tante Kriemhild …

Kriemhild (pikiert): Glaubst du, die hat sich einmal umgedreht? Und dann immer dieses Rumgefuchtel mit den Armen! So benimmt sich doch keine Dame!

Gerd (seufzt): Tante Kriemhild, der Pelzkragen heißt Bomm… Ach, lassen wir das. – Mich hat die Hinfallerei von den Cottbussern wahnsinnig gemacht! Was sollte das darstellen, liebe Laienspielgruppe Lausitz: Reise zum Mittelpunkt der Erde? Schwanensee auf Bananenschalen?

Kriemhild: Das stimmt, die haben sich wirklich oft oft hingelegt. In den schönen weißen Trikots. Ich dachte, die hätten was mit dem Kreislauf!

Gerd: KREISLAUF?

Kriemhild: Gerhard!  Jetzt sei nicht immer so aufbrausend! Du wirst sonst noch wie die Leute, die da immer bei dem vierten Herrn Schiedsrichter protestiert haben – wie heißen die noch? Asusi und Meckle?

Gerd: Allen Grund hatten die! Allen Grund! Der Schiri war so unterirdisch, der hätte mit australischem Akzent pfeifen müssen! Von wegen Durchbruch auf die andere Seite der Erdkugel!

Kriemhild: Da wäre ich auch lieber gewesen zwischendurch. Ich fand es ja etwas fußkalt, ganz ehrlich. Mit dem Konfetti unterm Schuh war es etwas besser, aber …

Gerd: Da siehst du’s! Wenn’s nach mir ginge, hätte sich das von selber entzündet!

Kriemhild: Ach Gott. Muss es denn immer so wild sein für dich? Ich fand es schön, als gegen Ende ein bisschen Entspannungsmusik gespielt wurde von der Kapelle da in eurer Südtribüne.

Gerd: Entspannungsmusik? Brüder unterm Sternenzelt, in den Moment war gerade Ebbers reingekommen, und aus der Süd klingt’s wie im Wellness-Hotel.

Kriemhild: Meine Güte. Wenn ihr so unterschiedlichen Musikgeschmack habt manchmal, dann singt doch einfach was anderes bei euch auf der Gegengerade! Wofür habt ihr unterschiedliche Tribünen? Und außerdem weiß gar nicht, was das Geschimpfe plötzlich soll, ihr habt oft genug so schön zusammen gesungen!

Gerd: Ist ja gut, ist ja gut …

Kriemhild: Mach es doch lieber wie das kleinen Mädchen bei uns in der Nähe. Dem sind nur zwei Smarties runtergefallen während des gesamten Spiels. Da war die Kleine so stolz! Onkel Werner sagt immer: Man muss sich realistische Ziele setzen. – Herr Ober, könnte ich wohl noch ein Stück Bienenstich bekommen?

Gerd (kaut).

— (Danke an Brille für die Mitschrift. War der endlich auch mal zu was nütze!)

P.S. Kulturtipp: Der junge lustige Bochumer aus dem Interview ohne Worte tritt am Di 5. Februar, 20 Uhr, im “Kulturhaus III & 70″ auf. Mehr Infos hier! Und wenn ihr schnell seid, könnt ihr über die Cottbus-VIVA sogar noch Karten gewinnen (Eisendeschluss heute)!

Mehr übers Cottbus-Spiel: 
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2 Antworten

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Über Gegengeraden-Gerd:

Gerhard von der Gegengerade, 55, ist seit 1910 Dauerkarten-Besitzer des FC St. Pauli.

Als leicht entflammbare Ein-Mann-Meckerecke regt er sich über das Geschehen am Millerntor und in der sonstigen Fußballwelt auf. Das Ergebnis veröffentlicht er hier und auf Twitter in wüsten Pamphleten zwischen Wahn (klar erkennbar) und Witz (möglicherweise unfreiwillig).

Nebenbei unterstützt Gerd die Stadionzeitung VIVA ST. PAULI als Fußball-Sachverständiger.