Gebrannte Mandeln

20. Dezember 2011 von Gegengeraden-Gerd

Mo., 19.12.2011, 20:15: FC St. Pauli – Eintracht Frankfurt 2:0 (1:0)

Hoffentlich bald wieder so elastisch: Gute Besserung, Tschauni, und danke für ein großartiges Spiel! Abbildung: Guido Schröter aus: Pauli Comix Kalender 2012 - Das Jahr der Superhelden.

Sorry, Leute:

+++ Eilmeldung vom DFB-Kontrollausschuss. +++ Spiel wird annulliert. +++ Aufgrund feindseliger Parolen im Wiederholungsfall und grober Unsportlichkeit. +++  Minutenlange, aggressive ‚HAUT AB!’-Rufe nach Spielende. +++ Feindseliger Akt gegen heldenhaft unterlegene Frankfurter. +++ Für Deutschlands Fußballverwaltungshauptstadt nicht hinnehmbar. +++ Empfehle: Exempel statuieren. +++ Gez. Egon „Luchs“ Mielke, Spielbeobachter. +++

Verdammte Axt. Auch ich habe mich schuldig gemacht. „TSCHAUNER, TSCHAUNER!“ hab ich gerufen. Und mein Gott, was hatte der Junge das verdient. Selten so unterhaltsame Abschläge gesehen!

- OK, im Ernst: Während Tschaunis Bälle nach vorne diesmal wirkten, als hätte man den dadaistischen Kunstgedanken mit der Rhetorik Daniela Katzenbergers gekreuzt, war das nach hinten eine gottverdammte Glanzleistung. (Um so bitterer, das er sich dabei verletzt hat. Gute Besserung, Tschauni!)

Sollte ein erneuter Protest unserer Vereinsführung beim DFB nach der gütigen Gnade von Rostock (zum „NAKI-Skandal“ bitte hier entlang) wider Erwarten erneut Erfolg haben (was ich hoffe) –  dann verdanken wir die drei Punkte zu einem Gutteil Philipp Tschauner.

Und unserem Capitano Morena, der nicht nur in bester „Bomber“-Manier zum 1:0 verwandelt, sondern auch noch ein sicheres Gekas-Tor von der Linie weggeköpft hat.

Grandios: Der Capitano als "Bomber" zum 1:0! Foto: Stefan Groenveld

Und einem der schönsten Konter der Vereinsgeschichte: BARTELS auf Rechts! So schnell, dass ich immer noch auf den Überschallknall warte! Dann genau im richtigen Moment auf KRUSE!! Und der hämmert der das Ding auch noch genau richtig rein!!! Unfassbar!!!!

Ich kann’s noch immer kaum fassen, dass der Schiri diesen Konter nicht wegen Geschwindigkeitsüberschreitung, Verletzung des Rumpelfußball-Reinheitsgebots von 1910 oder sonst einem Mumpitz abgepfiffen hat. Denn abgesehen von seinen ab und zu richtigen Nicht-Pfiffen fand ich den Herrn Zwayer meistens nen glatten Sechser. (Das ham auch die Frankfurter Spieler gemerkt: Schon um die 20. Minute rum reklamierte der nette Herr Idrissou einen souverän von Tschauni gehaltenen Ball als Tor. Kann man bei dieser Pfeife ja mal probieren …)

„Akuter Zurechtweisungsbedarf“, denk ich noch. Plötzlich nimmt mir die Buchhaltertype von nebenan glatt die Arbeit ab: „SCHIRI! ICH BIN STOCKNÜCHTERN, UND WAS DU DA ZUSAMMENPFEIFST, FIND ICH TOTAL SCHEISSE!“ Mein Güte. Wenn Brillenschlangen zu Hyänen werden. Wusste gar nicht, ob ich mir mehr Sorgen um Brilles Kreislauf machen sollte oder um die drei Punkte.

Schließlich hatte der Schiedsrichter kurz zuvor nen Spielabbruch angedroht, wenn nochmal was auf Spielfeld fliegt. Und was dann nicht alles noch aufs Spielfeld flog: Irrlichternde Bälle (nicht nur von Tschauner). Und immer wieder Schallwellen. Besonders von mir.

Das ist nämlich so: Wenn’s eng wird, muss ich in brenzligen Strafraum-Situationen im exakt richtigen Moment „NIX DA!“ schreien. Dann bleibt unser Kasten sauber. (Die Wirkung wird noch gesteigert, wenn eine von mir sehr geschätzte Rebellin zeitgleich „Neinneinein!“ schreit.)

Aberglauben? Von wegen! So hab ich uns den Derbysieg gerettet, ihr Ungläubigen! Ungefähr so wie die Abwehrschlacht von Stellingen sah die zweite Halbzeit dann auch aus. Und sie klang auch so. „RAUF DA! RAUF DA! NIX DA!!! NIIIIX!!! RAUF DA! RAUF, RAUF DA! NIX DA!!!“ The Millerntor Experience: Wo sich selbst ein 2:0 anfühlt als läge man nur ein Vierteltor vorn.

Spätestens in der 80. brannten meine Mandeln, als hätte ich sie frisch aufm Hamburger Dom gekauft.

Bloß gut, dass die mir nicht aufs Spielfeld geflogen sind (siehe oben)! Als der Schiri dann endlich ein Einsehen hatte und abfiff, war ich dermaßen erschöpft, dass ich nicht mal ein „You’ll Never Walk Alone“ rausbrachte. Dabei wäre das ziemlich angebracht gewesen.

Ein Grottenkick wars nämlich nicht, wie manche schon stänkern. Höchstens in einer glitzernden Tropfsteinhöhle. Von der Art, die selbst gewiefte Ortsfremde nicht mit drei Punkten unterm Grubenhelm verlassen. Es war Auf und Ab und Kampf dabei bei dieser Expedition, Hochball-Wahnsinn, Flachpass-Versagen, ab und zu ein Kabinettstückchen und durchgehend viel Herz. Zum Glück gibt’s ein kürzeres Wort dafür: Man nennt es Millerntor.

P.S. An den schlauen Werfer: Macht denn die Kommerzialisierung vor gar nichts halt? In meiner Jugend hätten wir noch das „Kommunistische Manifest“ auf Schriftrollen geschmissen. Und was jetzt? KASSENROLLEN! Was kommt als nächstes: St. Pauli-Anleihen?

P.S. 2: Davon ab: Jeder Wurf ist dämlich. Von jeder Tribüne! Respekt an Pirmin Schwegler für seine faire Reaktion (siehe voriger Link).

P.S. 3: Warum gibt’s eigentlich „Scheiß St. Pauli!“ noch nicht auf Schallplatte? Wär doch ein garantierter Riesenhit! Und die Kreativabteilungen aus Frankfurt, Rostock, Stellingen und so weiter hätten immer gute Stimmungsmusik fürs gesellige Beisammensein.

P.S. 4: Erst stand am Anfang “Fußballveraltungshauptstadt” statt “Fußballverwaltungshauptstadt” für DFB-Frankfurt. Ich sollte mein Unterbewusstsein an dieses Blogdingens löten, das schreibt die besseren Texte.

Abbildungen:  Titelzeichnung von Guido Schröter aus dem sehr empfehlenswerten “Pauli Comix Kalender 2012 – das Jahr der Superhelden” (14,95 Euro, Verlag Tom2m – Thomas Meggle Medien); Foto Fabio Morena von Stefan Groenveld

 

Zum Weiterlesen, besonders auch zur Kassenrollendebatte:

MagischerFC tanzt in seiner ersten Reaktion Elektro und schreibt in seiner zweiten Reaktion Reflektiertes und Nachdenkenswertes zur Debatte, der Rolle des Werfers, DFB-Strafmaßen und der Möglichkeit sich zu stellen. SPNU genießt Frankfurter VehVehchen und denkt in einem weiteren Beitrag darüber nach, wie die Kassenrollensache mit dem Slogan “Auf St. Pauli regeln wir das unter uns” in Einklang zu bringen ist. Der Übersteiger reflektiert ebenfalls lesenswert und besonnen über “neuen Wurfskandal” und Debatte und schreibt außerdem Sportlich-Taktisches zum Spiel.

Liebe Leser, ihr könnt ja mal versuchen rauszufinden, welches Strafmaß für eine Bengalowurfshow a la Rostock in Frankfurt droht und welche für eine einzelne Kassenrolle gegen Frankfurt. In der DFB-Strafordnung werdet ihr dazu nix finden, da werdet ihr nur zweimal den gleichen Strafrahmen euch zusammen basteln können.
(MagischerFC)

Fabulous Sankt Pauli ist anderer Meinung als die drei Erstgenannten, wie immer ebenfalls lesenswert und schreibt außerdem über  tragische Helden, faire Sportler und flinke Fins; das Lichterkarussell spitzt Forderungen nach harten Strafen für den Werfer satirisch zu. Pathos93 sucht nach (historischen) Parallelen und Diskrepanzen,neunzehnhundertzehn-Blog schreibt über Treffsicherheit und Strafmaße, Metalust stellt “Fragen zu dem Bedürfnis, strafen zu wollen”, und Elflaeschs Blog (Supra-Magazin) kritisiert die (Über-)Emotionalisierung der Debatte.

Gegenstände werden in den meisten Stadien beinahe regelmäßig geworfen. Warum das nur dann schlimm ist, wenn jemand getroffen wird, will mir nicht in den Kopf.
(“Fußball von links”-Blog)

Im vielleicht originellsten Beitrag zum Spiel selbst kommt bei Metalust die “Schönheit der Chance” persönlich zu Wort. Beebleblox futtert morgens um 4 Würstchen (und will Herrn Schwedler nichts Böses); KleinerTod bietet wie immer einen lohnenden und umfassenden Bericht mit vielen Bildern und Gedanken zum Spiel und “umzu” im Stadion und anderswo, Fußball von Links berichtet ebenfalls über das Sportliches und Wurftechnisches, und der Quotenrocker fasst gleich die letzten drei Spiele in einem Beitrag zusammen. Blutgrätsche Deluxe hat wie stets die Presseschau.

 

Nachtrag: Am 21. Dezember wurde die Kassenrollen-Debatte im Fanforum so hitzig, dass die Betreiber sich zu einer zweitägigen Schließung entschlossen haben.

Im Rahmen der Diskussion um den Kassenrollenwurf am Montag ist es wiederholt zu unsachlichen Beiträgen gekommen, die regelmäßig nicht über die persönliche Ebene hinauskommen und manchmal ins Beleidigende abrutschen oder auf allertiefstem populistischen Niveau liegen.
(www.stpauli-forum.de; Volltext der Begründung und kurzer Kommentar: SPNU)

Nachtrag 2: Der Werfer hat sich mittlerweile gestellt (Meldung offizielle HP). Dazu nochmal MagischerFC, Fabulous Sankt Pauli und SPNU.Das Lichterkarussell zieht ein sehr pessimistisches Fazit.

Es scheint fast, als seien die Gräben zwischen den unterschiedlichsten Lagern in der Zeit als die LED-Banner wie Brücken über ihnen lagen, gewachsen.
(Lichterkarussell)

Nachtrag 3: … und der DFB-Kontrollausschuss hat da einen ganz hervorragenden Vorschlag. An dem ein, zwei Sachen vielleicht nicht so ganz hinkommen, aber wenn stört das schon. Wen’s doch stört – LESEN:

www.magischerfc.de/wordpress/?p=6078

Zum Weiterschauen (und Genießen): Die Tore im Video mit dem weltzweitbesten Kommentator nach Wolf Schmidt! Sehenswerte Bilder bei Stefan Groenveld. Und die “Montag weghaschen”-Choreo von USP.

Zum Weiterhören (nicht verpassen!): Wolf Schmidts AFM-Radio-Reportage

Veröffentlicht in FC St. Pauli

5 Antworten

  1. Geworfen wird überall – nur bei uns treffen sie dummerweise | neunzehnhundertzehn

    [...] bis dahin noch etwas zum Lesen: Gebrannte Mandeln (GG-Gerd) [...]

  2. 19.12.2011 FC Sankt Pauli vs. SG Eintracht Frankfurt 2:0 « Fabulous Sankt Pauli

    [...] Beim Gegengeraden-Gerd kann ich auch wieder auf der gepunkteten Linie unterschreiben. [...]

  3. 19.Spieltag (H) – Eintracht Frankfurt | Übersteiger-Blog

    [...] – Bericht Gegengeraden Gerd (“Gebrannte Mandeln”) – Bericht Magischer FC – Bericht Lichterkarussell – Bericht [...]

  4. Jekylla

    “NeinneinneinNEINNEIIIN” – auch mir nur allzu bekannt. Es gab aber schon Saison(s?), in denen ich nach einem Spiel deutlich heiserer war. Ich bewerte das mal mit “erfreulich”.

    Ich glaube, ich habe Sie gesehen. Sie alter Zündler hatten eine Wunderkerze!

  5. Gegengeraden-Gerd: Jetzt rede ich! » » Endlich bewiesen: Der DFB ist gut und gerecht!

    [...] zur Vorgeschichte: hier, besonders unten in der [...]

Deinen Senf dazugeben? Man zu!

Achtung: Kann nen Moment dauern, bis dein Kommentar online zu sehen ist - büdde nich' ungeduldig werden!

Über Gegengeraden-Gerd:

Gerhard von der Gegengerade, 55, ist seit 1910 Dauerkarten-Besitzer des FC St. Pauli.

Als leicht entflammbare Ein-Mann-Meckerecke regt er sich über das Geschehen am Millerntor und in der sonstigen Fußballwelt auf. Das Ergebnis veröffentlicht er hier und auf Twitter in wüsten Pamphleten zwischen Wahn (klar erkennbar) und Witz (möglicherweise unfreiwillig).

Nebenbei unterstützt Gerd die Stadionzeitung VIVA ST. PAULI als Fußball-Sachverständiger.