Galaktischer Kurzpass
Fr, 24.10.2008, 18:00: FC St. Pauli - SV Wehen Wiesbaden 2:0 (0:0)
Für manche ist Wehen ja immer noch ein Dorfclub. Papperlapapp! In Wahrheit ist der SV Wehen Wiesbaden der entspannteste Landeshauptstadtverein der Welt. Kein „Kniet nieder …“, kein Geprotze. Stattdessen friedliches Fahnenschwenken in possierlichem Gästeblock. Auch die Mannschaft: alles Pazifisten! Also nix „Attacke“, sondern passiver Widerstand.
„Warum in die Ferne schweifen?“, sagen sich unsere Gäste und machen sich das in ihrer Hälfte gemütlich: Schön den Beton fürs Fundament des Gartenhäuschens angerührt, dann geht die Freiluft-Stehparty los. Feldnachbars von gegenüber sind herzlich eingeladen, kommen aber nicht so richtich zum Grill durch, bildlich gesprochen.
Wie gehen unsere Jungs damit um? Sagen wir mal so: nach kosmischen Maßstäben mit Kurzpass-Spiel. Denn wer 60 Millionen Kilometer vom Millerntor entfernt lebt, für den ist ein 50-Meter-Ball nicht lang. Aus marsianischer Perspektive kann man gern mal ein Auge zudrücken, wenn so‘n Pass nicht ankommt. Kometen schlagen ja auch nur alle Jubeljahre ein.
Aus irdischem Blickwinkel sieht das natürlich anders aus. „Die Mannschaften tasten sich noch ab“, meint der Fachmann neben mir, als die erste Viertelstunde vorbei ist. Korrekt, die Partie ist packend wie der Sicherheits-Check am Flughafen.
Unsere friedfertigen Gäste spazieren meist so gemächlich über den Rasen, dass das alljährliche Rollatoren-Rennen von Bad Bevensen im Vergleich den reinsten Geschwindigkeits-Rausch darstellt. Die „boys in brown“ halten mit bedächtigen Kombinationen zwischen „schieb, schieb, FLIEG!!!“ und „schieb, schieb, schieb, schieb, FLIEG!!!“ dagegen.
Das heißt: Den Ball so lange hin- und herkullern, bis einer die Nerven verliert und ihn per galaktischem Kurzpass hoch nach vorne drischt, wo dann beinahe einer von uns steht. Leider entpuppt sich der nette Herr Beinahe gern als Wehener. Der apportiert den Ball artig zurück bis knapp über die Mittellinie, woraufhin das ganze Spielchen wieder von vorne beginnt.
Das fußballerische Gegenstück zu entkoffeiniertem Kaffee sozusagen. Sieht so ähnlich aus wie das Original, verursacht aber keine unnötige Aufregung. Sicher zukunftsweisend in dieser vergreisenden Galaxis. Überhaupt: Selten hielt sich ein Gegner so nobel zurück. Ein Abseits, eine Ecke und ein Schuss aufs Tor, das hält die Dinge hübsch übersichtlich.
Anders gesagt kann siegen auch ganz schön langweilig sein. Sogar für St. Paulianer. Wäre da nicht unsere Tormusik: Ich hätte gar nicht mitbekommen, dass wir gewonnen haben. Zu null sogar! Und es waren bestimmt vier bis sechs Minuten munterer Fußball dabei. Aus irdischer Perspektive ist das doch schon was. Obwohl – kosmisch gesehen, so vom Urknall her gerechnet: Vielleicht ein bisschen kurz.
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