Fußball auf Rezept (ein Brief an den Bundesgesundheitsminister)

3. März 2013 von Gegengeraden-Gerd

Sehr geehrter Herr Bundesgesundheitsminister Bahr,

ich muss Sie mal dringend auf etwas aufmerksam machen. Und zwar wildert da jemand in Ihrem Revier.

Seit Jahrzehnten tut Ihr Kollege Innenminister so, als wäre er für den Fußball zuständig.

Dabei ist das völliger Mumpitz. Der Fußball sollte einzig und allein Ihr Ding sein. Und außerdem rezeptpflichtig. Ich kann das beweisen. Mir ist da nämlich neulich eine Geschichte passiert … Aber der Reihe nach.

Sehen Sie: Ich bin Anhänger des FC St. Pauli. (Ja, ich weiß, das ist bekloppt und wir gewinnen sowieso nie was, aber lassen Sie mich bitte erst zu Ende erzählen.) Ich bin also Anhänger des FC St. Pauli, und letzten Freitag hatten wir ein Heimspiel gegen den FSV Frankfurt. Ohne jetzt irgendeinen Frankfurter beleidigen zu wollen: An sich kein Grund, plötzlich Bluthochdruck zu kriegen. Mehr so wie Kommunalwahlkampf mit der FDP, wenn Sie verstehen, was ich meine.

An diesem ganz bestimmten Freitag war das aber anders. Und darum ist das so ein gutes Beispiel, warum Sie handeln müssen, Herr Bahr. Sie müssen handeln, JETZT!

Am Montag direkt vor diesem ganz bestimmten Freitag hatte ein Wahnsinniger das Spiel am Millerntor gekapert. Volle 90 Minuten rannte der unbehandelt in der Gegend rum und wedelte mit bunten Karten. Ein Stück aus dem Tollhaus! Schon da hätten Sie handeln müssen, Herr Bahr, schon da.

Die vielen Tausend, die dieser Unglückliche mit ins Elend riss. Was das an Nerven gekostet hat. Kaputte Kreisläufe! Verschlissene Stimmbänder! Aber am Freitag kam es noch dicker.

Wegen Montag kamen die Leute am Freitag schon ziemlich angefressen ins Stadion. Sie wollten Gerechtigkeit. Und weil immer nur 11 spielen können, mussten die übrigen 25.989 die Gerechtigkeit eben herbeischreien. Und wie sie das gemacht haben.

Von überall her Gesänge! Von überall her Anfeuerungsrufe! Und immer wieder Wechselgesänge mit den Nachbarn von links, von rechts und sogar von gegenüber! (Ich schreibe das hier aus Blickrichtung Gegengerade. Das ist die Neubausiedlung im Osten des Millerntor-Stadions, wo ich ein kleines Stehplatzgrundstück gemietet habe.)

Durch Mark und Bein ging das. Und dann noch drei Tore. Drei Tore! Alle von Daniel Ginczek!

Vielleicht finden Sie ja Bayern oder Dortmund gut, da passiert so was ja andauernd. Aber am Millerntor: Wahnsinn. Da ist man solche Euphoriepegel nicht gewöhnt. Da geht das direkt über die Augen ins Blut und ab ins Stammhirn. Das geht rappzappzapp, ein Lidschlag ist ein abendfüllender Spielfilm dagegen.

Wenn Sie die Auswirkungen verstehen wollen: Stellen Sie sich einen Katastrophenfilm vor, am besten irgendwas mit Überschwemmung. Nur dass Sie eben keine abknickende Palme sind oder ein kenterndes Schiff. Nein: Sie selbst sind die Welle.

Sie, Daniel Bahr aus Lahnstein, bilden mit 26.000 anderen Tropfen eine gewaltige gutgelaunte Riesenwelle und überfluten mal eben Frankfurt. Aus Jux und Dollerei. Weil Sie’s können. Und dabei singen Sie sich eins.

Einmal Naturgewalt sein, Herr Bahr! Können Sie sich vorstellen, was solcher Größenwahnsinn anrichtet?

Es war, als hätten sämtliche Krankenkassen Deutschlands ihre Jahresetats für Glückspillen verballert und den ganzen Schwung auf einmal überm Millerntor-Stadion abgeworfen.

Nach Abpfiff war noch lange nicht Schluss. Der ganze Stadtteil: ein Grinsefest. Grinsend Bier trinken. Grinsend Wurst essen. Grinsend nach Hause. Grinsend ins Bett.

Und jetzt kommt der unheimliche Teil: Am nächsten Morgen bin ich immer noch grinsend aufgewacht. Meine Mundwinkel da, wo früher die Ohrläppchen waren. Per-ma-nent. Wie ein Hexenschuss im Gesicht, bloß umgekehrt. Bewegung nach unten unmöglich. Versuchen Sie mal, so Ihren Alltag zu bewältigen!

Meine Friseurin erkennt mich nicht mehr. Sie siezt mich und will mir ne Dauerwelle aufschwatzen. Der Gemüsehändler lässt mich nicht mehr anschreiben. Der Zeitungsmann will mir plötzlich Reiseführer andrehen. Und wenn ich beim Stammkneipenwirt „das Übliche“ bestelle, macht der nur „HÄ?“

Ich war bis zur Unkenntlichkeit zerfreut. Wahrscheinlich ist es das, was die Leute meinen, wenn sie von der hässlichen Fratze des Fußballs sprechen.

So geht das nun schon seit über einer Woche. Das ist doch kein Leben, Herr Bahr! Ist das überhaupt legal? Das verstößt doch bestimmt gegen das Vermummungsverbot!

Vielleicht fragen Sie mal den Kollegen Innenminister Friedrich, wenn Sie das hier fertiggelesen haben. Wo Sie gleich sowieso übern Flur gehen und ihm die Zuständigkeit für den Fußball entziehen. Denn so, Herr Bahr, so kann das nicht weitergehen.

Ich habe gesehen, was der Fußball mit den Menschen machen kann. Er macht sie glücklich. Ja mehr noch: Er traumisiert sie. Traumisiert, Herr Bundesgesundheitsminister, verstehen Sie? So was kann lebenslang dauern!

Nie war ich einer gefährlicheren Droge ausgesetzt als am Freitag, dem 22. Februar 2013. Tausenden von anderen ging es ebenso.

Und das ist nur ein Beispiel. Ein dramatisches Beispiel, aber nicht das einzige. Irgend etwas sagt mir: In anderen Städten könnte das auch passieren.

Darum appelliere ich an Ihre politische Vernunft, Herr Bahr: Dieses Teufelszeug darf nicht länger von Laienhänden verabreicht werden. Machen Sie den Fußball rezeptpflichtig, JETZT!

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.

Mit grinsenden Grüßen,
Ihr Gerhard von der Gegengerade

Veröffentlicht in FC St. Pauli, Fußball allgemein

3 Antworten

  1. Kein Bock auf Nazis. Aber auf 3 Punkte. #FCSP gewinnt in Aalen und Wedel | KleinerTods FC St. Pauli Blog

    [...] Spiel anzusehen war, so angenehm war die Gesellschaft – siehe auch den wunderbaren Vorbericht http://www.gegengeraden-gerd.de/fc-st-pauli/fussball-auf-rezept-ein-brief-an-den-bundesgesundheitsmi… an diesem Tag, wie http://metalust.wordpress.com/2013/03/03/vom-uberwinden-der-scham/ mit wie immer [...]

  2. Ceteno

    Wir sollten alle gemeinsam ALLES überfluten… Dann kommt niemand aus dem Grinsen raus

  3. Gegengeraden-Gerd

    Ich würde es riskieren! “MAGISCHES SANKT PAULI GRINSE HEUTE NUR FÜR UNS, HEY!”

Deinen Senf dazugeben? Man zu!

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Über Gegengeraden-Gerd:

Gerhard von der Gegengerade, 55, ist seit 1910 Dauerkarten-Besitzer des FC St. Pauli.

Als leicht entflammbare Ein-Mann-Meckerecke regt er sich über das Geschehen am Millerntor und in der sonstigen Fußballwelt auf. Das Ergebnis veröffentlicht er hier und auf Twitter in wüsten Pamphleten zwischen Wahn (klar erkennbar) und Witz (möglicherweise unfreiwillig).

Nebenbei unterstützt Gerd die Stadionzeitung VIVA ST. PAULI als Fußball-Sachverständiger.