Friedhofsfußball

13. Dezember 2008 von Gegengeraden-Gerd

Fr., 12.12.2008, 18 Uhr: FSV Frankfurt – FC St. Pauli 1:0

Ja, so war das in Frankfurt (Foto: Norbert Harz)

Es war eine großartige Oper. Besonders diese Wahnsinns-Dramaturgie im letzten Akt. Eine Mischung aus Benommenheit und Andacht erfüllt das Publikum, als Startenor Stefano Pauliano an den Bühnenrand tritt, um die Schluss-Arie zu singen. Ein letztes Mal noch das hohe „C“!

Er macht den Mund auf und übergibt sich.

- So ungefähr war das mit dem FC St. Pauli, der Hinrunde und dem FSV Frankfurt, meine Damen und Herrn. Und falls irgendwer aus diesem Gleichnis schließt, dass er nix verpasst hat, wenn er zu Hause den Basilikum umgegraben hat, statt keinen Fußball in einem leeren Stadion zu sehen, dann hat er recht.

Schon die ersten Minuten sind ein furchtbares Gegurke. St. Pauli produziert Fehlpässe, Frankfurt schießt ab und zu unserm Torwart in die Arme. Sollen wohl Abschlüsse sein. Zwischendurch läuft ein Frankfurter allein auf Hain zu und vergisst nicht mal, den Ball dabei mitzunehmen. Macht aber trotzdem nix draus. „Harmlos“ ist bedrohlich dagegen.

Unsere stehen weit vorne, immerhin. Aber mindestens jeder zweite Ball geht zum Gegner. Wollt ihr wissen, wie das klingt? Huiii, plock, plock, flotsch. Übersetzt:  Langer Ball auf Hoilett. Ditscht zweimal auf. Bis der Gegner ihn ins Aus grätscht. Oder so: Flitsch, plucker, wopp, plucker, wopp, zupp. Zu Deutsch: Einwurf, Annahmeversuch. Gestört durch Frankfurter. Nachgefasst, wieder gestört, Ball weg.

Zu all dem Friedhofsruhe auf den Rängen. Ein paar tausend Wahnsinnige verlieren sich in der 50.000-Plätze-oder-so-Banker-Arena, und die meisten besitzen einen Hamburger Pass. Ist das nicht Ruhestörung, was unsere da machen? Das ist doch bestimmt Ruhestörung. In einer Stadt wie dieser muss das doch Ruhestörung sein! Haben die denn keine Stadionordnung? Da steht doch bestimmt drin, dass Laut geben nicht erlaubt ist. Jeden Moment erwartet man, dass unsere Ultras wegen öffentlichen Singens verhaftet werden. Ist immerhin sowas wie ein Spannungselement. Denn der Rasen ist deutlich lebendiger als die Kicker darauf.

Hat auch was von Alm, das hier. Ruhe, frische Luft, sattes Grün. Und darauf bewegen sich gemächlich ein paar Braun-Weiße. „Die spielen nicht, die grasen“, denk ich, und das stimmt mich schon gnädiger. Milchvieh würde ich ja auch nicht anschreien, weil es keine Tore macht.

Außerdem war das doch klar, dass das  hier nix wird: Wenn kurz vor einem Spiel der 1. Mannschaft des FC St. Pauli von 1910 e.V. das Phrasenrudel “selbstbewusst auftreten”, “breite Brust”, “Aufstiegsplatz in Reichweite” und “sich selbst belohnen“ durch die Presse getrieben wird, dann gibt das Schiffbruch. Erst recht bei einem Abstiegskandidaten, und noch sicherer, wenn der die schlechteste Heimmannschaft der Liga ist.

Also ab in die Schlussphase. 0:0 wär ja noch ne Gnade für das hier. Aber kurze Ecke Frankfurt. Mokhtari Eins bekommt den Ball und bedient seinen Bruder Mokhtari Zwei, der das Tor tragisch verfehlt. Außennetz. Ein bisschen Scheiße am Schuh muss man als Abstiegskandidat dann doch haben. Selbst wenn der mildtätige FC St. (Sankt!) Pauli da ist und die Spendierhosen anhat, was Punkte angeht. Aber weil’s so schön war, machen wir das gleiche einfach nochmal. Kurze Ecke,  Mokhtari bedient Mokhtari. Der bringt den Ball halbhoch rein, und Noll muss nur noch die Rübe reinhalten. Tor. Abpfiff.

„Bloß gut, dass Fußball nicht wirklich aufm Friedhof gespielt wird“, denk ich auf der Rückfahrt. „Wenn unsere Jungs ihr Ding da durchzögen, gäb das Massenauferstehung.“ Dann schlaf ich ein und träume Alb. Eine Armee von Untoten in kurzen Hosen kommt auf mich zu. Ausgestreckt die knochigen Arme, dunkel die augenlosen Höhlen, und erst die Haut! Eklig. Aber kennt man ja. Zombie-Akne. Als ich eben Clearasil aus meinem Flachmann anbieten will, rufen die Untoten “ASTRA!” “ASTRA!” „Oh Gott, mein Bier!“, denk ich. „Was mach ich bloß?“ Hektisch wühl ich in meinen Taschen. Und weil ich nix besseres finde, werf ich ihnen halt so’n paar Punkte hin, die ich irgendwo finde. Ist fast wie Konfetti. Gott sei Dank funktioniert das Ablenkmanöver. Die Zombies stürzen sich auf die Punkte wie Tauben auf Toastbrot.

Schweißgebadet wache ich auf. Vielleicht sind unsere Jungs ja doch nicht so mildtätig, denke ich. Vielleicht ham sie auch einfach nur Angst vor Untoten.

Veröffentlicht in FC St. Pauli

4 Antworten

  1. Gegengeraden-Gerd: Jetzt rede ich! » » Unheimlich heilig

    [...] Da ist er wieder, der seltsamste Heilige des Fußballs: Gestatten, Pauli, Vorname Sankt. Spezialgebiet: Wiederbelebungsmaßnahmen.  Eint noch den zerstrittensten Gegner und macht Lahme vor Freude über seine Wunderkraft nicht nur gehend, sondern verleiht ihnen sogar Flügel. [...]

  2. Gegengeraden-Gerd: Jetzt rede ich! » » Punktspende

    [...] falls ich von selbst nicht genuch Luft haben sollte, wende ich mich eben an die Punkte-Samariter vom Kiez. Die haben reichlich Erfahrung darin, Lahme wieder zum Marathonlaufen zu bringen [...]

  3. Gegengeraden-Gerd: Jetzt rede ich! » » Der innere Super-Grobi

    [...] Wär das nicht eine unheimlich tolle Sache zum Retten? Müssen es wirklich immer Abstiegskandidaten sein? [...]

  4. Gegengeraden-Gerd: Jetzt rede ich! » » (K)ein Date mit Deja

    [...] grinst sich eins und hat die Punkte längst außer Landes geschmuggelt. Is Euch zu wild jetzt? OK, Codewort „FSV Frankfurt“, irgendjemand?  Oder jede beliebige andere Düngemittelexpedition zu welken [...]

Deinen Senf dazugeben? Man zu!

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Über Gegengeraden-Gerd:

Gerhard von der Gegengerade, 55, ist seit 1910 Dauerkarten-Besitzer des FC St. Pauli.

Als leicht entflammbare Ein-Mann-Meckerecke regt er sich über das Geschehen am Millerntor und in der sonstigen Fußballwelt auf. Das Ergebnis veröffentlicht er hier und auf Twitter in wüsten Pamphleten zwischen Wahn (klar erkennbar) und Witz (möglicherweise unfreiwillig).

Nebenbei unterstützt Gerd die Stadionzeitung VIVA ST. PAULI als Fußball-Sachverständiger.