Freud(e) auf Rädern

10. April 2014 von Gegengeraden-Gerd

Gerd-Mobil, Innenansicht

Freitag, 28. März 2014, 18:30 Uhr: FC St. Pauli – SpVgg Greuther Fürth 2:2 (0:0)
Sonnabend, 05. März, 13:00 Uhr: SV Sandhausen – FC St. Pauli 2:3 (0:0)

Moin zusammen!

Normalerweise rede ich da ja nicht so drüber, aber wie jeder Superheld führe ich natürlich ein Doppelleben.

Alltags führe ich eine stinknormale Existenz als Spielkritiker mit Grillwurst und Pilsener auf meiner Schrebergartenparzelle in der Gegengerade. Aber wenn die Umstände das verlangen, geht’s runter in meine GERD-CAVE (ihr wolltet wissen, warum das mit dem neuen Stadion so lange gedauert hat? Einfach eins und eins zusammenzählen …) und ich verwandle mich in den unbeugsamen GERD-MAN. Spezialgebiete: Dummheitsbekämpfung, Korruptionsverdampfung, Rache.

Nach Sandhausen war’s mal wieder so weit. Dabei hätte ich das erst nicht gedacht: Auswärtssieg! Spiel gedreht! Starke zweite Halbzeit! 1:2 in 3:2 verwandelt! Tore von Gonther (!), Schachter, Ratsche! Da hab ich Laune, wenn so was passiert, und nach der ersten Halbzeit wär ich jede Wette eingegangen, das ich die nie haben würde. (Nebenbei: Vorm Fürth-Spiel auch nicht, und das fand ich sogar noch besser. Obwohl das nur ein Punkt war!)

Tjoa, nur sind mir dann so ein paar Sachen zu Ohren gekommen, die gewisse Spezialisten im Internet von sich geben. Da war die gute Laune erstmal wieder hin.

Brüder unterm Sternenzelt! Ich sach ja auch nicht immer nur Kuschelzeugs, so à la „Weiter so, ihr braun-weißen Prachtkerle! Seid wahllos in euren Zuspielen, tollkühn in eurer Chancenverwertung, lässig in euren Laufeinsätzen! Liebet euren Gegner wie euch selbst! Dabei sein ist alles!“

Aber irgendwann muss dann auch mal gut sein. Keiner schießt übers Tor, um mir persönlich eins auszuwischen. Ein vergrützter Abstoß verursacht weder Hungersnöte noch Weltkriege. Nicht jeder Fehler ist eine Beleidigung meiner gesamten Ahnenlinie.

Scheinen manche aber zu glauben. „You’ll never walk alone“ singen – und beim ersten Fehler den virtuellen Morgenstern aus dem Mittelalterkabuff holen und immer feste drauf. Das ham wir gerne. So rede ich nicht mal mit dem Blödmann, der meine VIVA-Kolumnen für mich aufschreibt! Und was der für Böcke schießt – da darf ich gar nicht von anfangen.

Besonders schön, wenn Spieler, die sich jahrelang für den „Magischen FC“ den Arsch aufreißen, plötzlich auf die Abschussliste geraten. Was hab ich schon für Quatsch über Meggi gehört, als der vom Offensiv- zum Defensivmann wurde. Und wie oft wurde Boller schon fußballerisch totgesagt? „Viel zu langsam für Liga 2.“ Ja nee, ist klar, ham wer ja alle gesehen. Und zwar in der 1. Liga. Bruns? Zeitweilig Prügelknabe Nummer 1. Bis die „Bruuunszeit“ kam. Und, und, und …

Als die Pöbelstürme nach Sandhausen losgingen, wollte ich erst ne Rachekampagne starten. Gleiches mit Gleichem vergelten. Giftspritzen ausfindig machen und mal bei der Arbeit besuchen, zum gepflegten Schulterblick.

„Zitzewitz, Du Primel! Nicht mal zu den einfachsten Rechenoperationen fähig, wa? Mit so was wie Dir am Taschenrechner sind wir bald bankrotter als die nordkoreanischen Staatsfinanzen!“

„Blunzig, Du ranziger Spülschwamm! Haste den Jahresbericht von Markus Lanz’ Gagschreiber zugekauft? Wo bewirbste Dich as nächstes – Zeitmanager beim BER-Airport?“

Zum Glück hab ich vorher nochmal mit Tante Kriemhild gesprochen. Und die hat mir die Augen geöffnet: „Gerhard! Diese Menschen sind bestimmt sehr verbittert und hatten eine schrecklich schwere Kindheit! Oder glaubst Du, irgendwer schreibt stundenlang Hasstiraden in dieses Internet, wenn Mutti ihm genug Bienenstich gebacken hat?“

Da hatte sie natürlich recht. Also schnell das GERD-MOBIL umgerüstet: VW-Bulli statt Sportwagen; Couch statt Sportsitzen; Sessel, Stehlampe und Uhr statt Raketenwerfern; Sigmund-Freud-Poster statt Science-Fiction-Deko. Therapie ist mein neues Laserschwert!

Damit geh ich jetzt auf die Jagd. Und ich hol sie mir auf die Couch: all die Hupen, all die Kommentarterroristen, all die Social-Media-Scharfschützen. Wir zerstechen Wutbeulen wie Blasen nach dem Hamburg-Marathon. Und pusten Luftballons auf mit unterdrückten Aggressionen. Vielleicht fliegen sie ja nach Stellingen. Da soll’s ja auch so einiges zu hupen geben die Tage.

Radikal entspannte Grüße,
Euer Gerd

Erscheint auch in VIVA ST. PAULI Nr. 195 (11. April 2014)

P.S. Ebenfalls auf die  Couch gehört “Der Übersteiger”, aber das wussten wir schon lange ;-) Hier der Link zu seiner Statisik “Erfolge des FC St. Pauli in Korrelation zu Sendeterminen des Münsteraner ‘Tatorts’”.

Veröffentlicht in FC St. Pauli

10 Antworten

  1. dL

    Tja du… Ohne Emotion kein Ton.

  2. Gegengeraden-Gerd

    Zum Glück können die meisten Leute emotional sein, ohne persönlich beleidigend zu werden – vor allem nicht noch Stunden nach dem Spiel im Internet …

  3. dL

    Aber…das ist das Internet. Das besteht halt zu gefühlten 90% aus Pornos, Beleidigungen, Werbung und sonstigen Lügen. :D

  4. Gegengeraden-Gerd

    Macht die Beleidigungen nicht besser.

  5. GGG

    Kleine Anmerkung zum (inhaltlich richtigen) Text: Gonther und nicht Thorre hat das Tor gemacht. Sören wäre bestimmt zutiefst empört, solltest du ihm sein allererstes Tor für Braun-Weiß klauen (Verhoek hatte das ja – ohne Erfolg – auch schon versucht)

    ;)

  6. Gegengeraden-Gerd

    Oha … Aberkanntes Lob is ja irgendwie auch eine Form von Mobbing. War natürlich nicht meine Absicht, hatte nur noch Torres Treffer gegen Fürth im Hirn. Danke für den Hinweis, ist korrigiert!

  7. Pauline

    Und noch eine kleine Anmerkung…das oben zitierte 2:2 am 28.03. war gegen Fürth ;-)

    Ansonsten wie immer ein feiner Text…vielen Dank!

  8. Gegengeraden-Gerd

    Jungejunge … Ich muss mal ne härtere Gangart anschlagen bei meinem Bodenpersonal, hab ich das Gefühl … Früher mit den Marmortafeln war das einfacher. Danke für den Hinweis, ist jetzt richtiggestellt!

  9. Nordine

    das Forumgefasel ist einfach nur lächerlich.. Jünger des Ad de Mos lasst ab von diesen Verein!

  10. Der_Hoff

    Moin Gerd,
    dieser Artikel ist so ziemlich das Beste, was ich in diesem komischen Internet in den letzten Monaten, wenn nicht Jahren gelesen habe. Danke!
    Gruß von einem Psycho-Onkel

Deinen Senf dazugeben? Man zu!

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Über Gegengeraden-Gerd:

Gerhard von der Gegengerade, 55, ist seit 1910 Dauerkarten-Besitzer des FC St. Pauli.

Als leicht entflammbare Ein-Mann-Meckerecke regt er sich über das Geschehen am Millerntor und in der sonstigen Fußballwelt auf. Das Ergebnis veröffentlicht er hier und auf Twitter in wüsten Pamphleten zwischen Wahn (klar erkennbar) und Witz (möglicherweise unfreiwillig).

Nebenbei unterstützt Gerd die Stadionzeitung VIVA ST. PAULI als Fußball-Sachverständiger.