Fremdenlegion

27. August 2012 von Gegengeraden-Gerd

Sa., 26. August 2012, 13:00: FC Energie Cottbus – FC St. Pauli 2:0 (1:0)

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Es gibt Spiele, in denen ist dermaßen der Wurm drin, dass sie Komposthaufen sein könnten. Wobei Kompostwürmer – klarer Vorteil vor Profifußballern – sich wenigstens bei der Arbeit eingraben können. Hätten unsere am Samstag bestimmt auch gern gemacht.

Dann sieht man zwar nicht mehr, wo die Kollegen sind und was sie gerade so anstellen. Aber bei der Partie hätte das auch nichts groß geändert. Nach 9 Minuten der erste Torschuss (für uns – Tarnung). Nach 12 Minuten die erste Hundertprozentige für Cottbus (Latte). Nach 20 Minuten das 1:0 (erst).

Während elf Cottbusser Postkutscher einen Eilangriff nach dem nächsten zustellen, passt bei den „Boys in Brown“ ungefähr so viel zusammen, als wollte meine Tante Kriemhild ihr 10.000-Teile-Panoramapuzzle „Neuschwanstein“ mit meinem Muppet-Memory verlöten. Motto des Tages: „11 Fremde sollt ihr sein“.

„Gleich bilden sie nen Sitzkreis und fangen an, Kennenlernspiele zu spielen”, schießt mir das durch den Kopf. „Gut, dass wenigstens die Nachnamen auf den Trikots drauf stehen!“

Wenn das so weitergeht, dürfen wir uns bald auf die ersten Selbstfindungsbücher freuen. „Sturm ist vom Mars, Mittelfeld von der Venus.“ Und bis Ihr das alle gekauft habt, ist mir garantiert noch’n knalliger Titel für den Nachfolgeband eingefallen, in dem auch „Abwehr“ drin vorkommt. Denn die kämpfte an diesem Tag auf mindestens ebenso verlorenem Planeten wie alle anderen auch. Torwart eingeschlossen.

Manche sagen, unser zu Recht hochgeschätzter Tschauni hätte in Cottbus einen gebrauchten Tag erwischt. Das zweifle ich an. Dieser spezielle Tag im Leben des Philipp Tschauner war so was von daneben – den hätte auch neu keiner benutzt.

Wer sich schon immer gefragt hat, warum Abschlag und Anschlag nur einen Buchstaben Unterschied haben: Beim 1:0 für Cottbus hat er die Erklärung bekommen. Flachpass ins Nirgendwo vom braun-weißen Kasten. Ein roter und ein weißer Spieler stürzen auf den Ball zu. Und obwohl der weiße die 17 auf dem Rücken trägt: Der rote Spieler gewinnt, tänzelt sich in Position – und semmelt die Pille auf Tschauners Gehäuse. Bisschen Flattern, bisschen Strecken, bisschen Fliegen – drin.

Wenig später ein Heinz-Weber-Gedächtnisdribbling unseres Keepers am eigenen Fünfmeterraum (die Älteren unter uns werden sich mit Grauen erinnern: 2001, Heimspiel, Hannover 96). Dass das Ding nicht das 2:0 war, kann nur bedeuten, dass Herr Sanogo aus Cottbus seine Samstage beim selben Höker kauft wie Tschauner. Und den haarsträubend hergeschenkten Ball aus vier Metern neben den Kasten setzt.

Hälfte zwo fängt grundehrlich an: Bloß nichts Falsches versprechen. Anstoß Braun-Weiß. Nach drei Sekunden wird der Ball hoch und weit in die Cottbusser Hälfte gelöffelt. Nach fünf Sekunden ist er beim Gegner. Wie so viele andere Bälle vor und nach ihm.

„Ich sehe was, was du nicht siehst“: Immer wieder schicken braun-weiße Feldforscher Pässe in entlegene Ecken des Spielfeldes, als sollten dort Bodenproben genommen werden. Verzweifelte Kollegen hetzen hinterher, um die Pille zu apportieren, natürlich ohne jede Chance.

Erste braun-weiße Ecke nach 64 Minuten. Folgenlos natürlich. Eine Minute später bedient Torschütze Stiepermann seinen Kollegen Banovic am FCSP-Strafraum. Der tanzt sich seelenruhig in perfekte Schussposition – und versenkt das Ding zum 2:0.

Es hätten mehr Tore sein können. Für Cottbus, nicht für uns. Wie gesagt: Es gibt Spiele, in denen ist so was von der Wurm drin, dass sie Komposthaufen sein könnten. Die Frage ist nur, was auf diesem hier wächst.

 

Zum Weiterlesen und -hören: AFM-Radio-Podcast zum Spiel; Spielberichte, -kommentare und mehr von Metalustmagischerfc.de, ÜbersteigerBreitseite, SPNU, KiezkiekerFrau Jekylla, KleinerTod und iLoveSP; außerdem Lesenswertes über Choreos, Klatschpappen und Autoverlosungen auf Fankultur.com und zum “Sicherheitsproblem” im deutschen Fußball bei Lichterkarussell.

 

Veröffentlicht in FC St. Pauli

4 Antworten

  1. Politik gehört dazu – und #FCSP im Pokal und in Cottbus « KleinerTods FC St. Pauli Blog

    [...] http://www.gegengeraden-gerd.de/fc-st-pauli/fremdenlegion/ (mit Dank für den Bodenprobensatz – großes Kino!). [...]

  2. Ich träum von Dir … in meinen Träumen … « Metalust & Subdiskurse Reloaded

    [...] Ach, seufz. Das Offensichtliche haben so viele derart treffsicher ob in Blogs:

    „Gleich bilden sie nen Sitzkreis und fangen an, Kennenlernspiele zu spielen”, schießt mir das durch den Kopf. „Gut, dass wenigstens die Nachnamen auf den Trikots drauf stehen!“

    ob im Forum, ob bei Twitter beschrieben, das braucht man wirklich nicht zu wiederholen: Nix lief in Cottbus. [...]

  3. Tägliche Presseschau des magischen FC, 28.08.2012 | Blutgrätsche Deluxe

    [...] Gegengeraden Gerd – Fremdenlegion Metalust – Träume Übersteiger – Ergebnisse vom Wochenende Magischer FC – [...]

  4. Die Blog- & Presseschau für Mittwoch, den 29.August 2012 | Fokus Fussball

    [...] Auch beim FC St.Pauli glänzt es nicht gerade goldig unter den braunen Trikots hervor, wie Gegengeraden-Gerd nach der 0:2-Niederlage gegen Cottbus zu berichten weiß. [...]

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Über Gegengeraden-Gerd:

Gerhard von der Gegengerade, 55, ist seit 1910 Dauerkarten-Besitzer des FC St. Pauli.

Als leicht entflammbare Ein-Mann-Meckerecke regt er sich über das Geschehen am Millerntor und in der sonstigen Fußballwelt auf. Das Ergebnis veröffentlicht er hier und auf Twitter in wüsten Pamphleten zwischen Wahn (klar erkennbar) und Witz (möglicherweise unfreiwillig).

Nebenbei unterstützt Gerd die Stadionzeitung VIVA ST. PAULI als Fußball-Sachverständiger.