Freistoß-Ballett
So., 19.04.2009, 14 Uhr: 1. FC Nürnberg - FC St. Pauli 2:0

Der drittundankbarste Job im Fußball – nach Trainer und Auswärtsfahrer des FC St. Pauli? Eindeutig Freistoß-Ballerina.
Die Mission der Freistoß-Ballerina ist kurz und schmerzhaft: wild um den Ball rumschwirren. Und zwar nur in den Sekunden, nachdem der Schiri ihn freigegeben hat und bevor er irgendwohin fliegt. Da läuft man sich die Hacken wund, schüttelt die Beine, schlägt Haken, macht Purzelbäume, heckt Choreografien aus, die selbst anspruchsvollste Tanzensembles überfordern – alles, um den Gegner zu verwirren. Und das Ende vom Lied? Kollege drischt gegen Ball. Wenn er reingeht, kriegt er den ganzen Applaus. Brotlose Kunst. So wie unser Auftritt gegen Nürnberg.
45 Minuten laufen sich unsere Jungs die Hacken wund, schütteln die Beine, schlagen Haken, hecken Angriffs-Choreografien aus, die selbst ernsthafteste Aufstiegskandidaten überfordern – und als der Zauber vorbei ist, drischt Nürnberg den Ball ins Netz. Zwei Mal.
Mag sein, dass die Purzelbäume gefehlt haben. Ich sag, es war das Glück: Hoilett setzt den Ball noch selbst übers Tor, bei Bruns‘ Freistoß (Vortanz: Lechner) muss das schon der Torwart übernehmen. Dann setzt Morena den Ball neben den Pfosten. Ebbers schießt den Torwart an, Schulle die Latte von unten. Danach ist wieder Ebbers am Zug. Der setzt zum schönsten liegend geschaffenen Kunstwerk seit den Deckenmalereien der Sixtinischen Kapelle an, bringt den Ball per Flachrückzieher tatsächlich im Netz unter – und der Schiri sagt „Abseits“! AB-SEITS!
Wenn er wenigstens „Jenseits“ oder „Überirdisch“ gepfiffen hätte. Kann ja sein, dass das auch verboten ist in der 2. Liga. Aber so: ganz großer pädagogischer Schachzug. Die Mannschaft lässt das natürlich ganz schnell sein mit der Zauberei und fängt fünf Minuten später das 0:1. Psychologisch perfekt kurz vor der Pause. Statt Lächeln der Mona Lisa die runtergezogenen Mundwinkel der Kanzlerin, sozusagen.
Wie das so ist, wenn man Künstler frustriert: Danach ist erstmal Blockade. Ich hoff mal, nur für 45 Minuten, und nicht für 135. Und sag über den Rest von Nürnberg erstmal nix. Auch nicht über Mintal und wann der wohl das Riesen-Grundstück in unserem Strafraum gekauft hat, auf dem er mutterseelenallein rumturnen durfte vor dem 2:0. Kriegt man für sowas überhaupt noch Kredite heutzutage? OK, wollt ja ruhig sein. Ich geh raus, Freistoßtricks üben.
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Veröffentlicht in FC St. Pauli