Energiewende

13. September 2011 von Gegengeraden-Gerd


So., 11. September 2011: FC St. Pauli – 1860 München 4:2 (0:1)

Es gibt Spiele, nach denen müsste man die Buchstaben wie Konfetti in die Luft schleudern, statt sie brav der Reihe nach aufzuschreiben. Ist nur leider nicht sehr praktisch. Denn wenn die Dinger landen, steht da so was wie GRXMPFLB. Und das klingt irgendwie auch nicht richtig.

Aber was tut’s? Wer über Wahnsinn schreiben will, ohne Worte wie „Wahnsinn“ zu benutzen, wird wahnsinnig. Da ham wir den Salat!

Am Anfang sah alles noch einfach aus: Eins von diesen Spielen, bei denen wir in der ersten Halbzeit klar besser sind, bloß leider kein Tor machen und dann in der Zwoten vergeigen. Dachte ich.

Wer über Wahnsinn schreiben will, ohne Worte wie „Wahnsinn“ zu benutzen, wird wahnsinnig. Da ham wir den Salat!

Für so was wollte ich mir ja mal ne Art Codesystem ausdenken. So ähnlich wie früher diese Kaufhaus-Durchsagen: „49, bitte 512! 49, bitte 512!“ Eine Zahl für jede typische Millerntor-Situation. Irgendwann wär ich so weit gewesen, dass ich nur noch „37 auf 192“ hätte schreiben müssen, und ihr hättet Bescheid gewusst.

Wenn das Spiel so weitergegangen wäre, wie solche Spiele normalerweise weitergehen.

Spiele, bei denen eigene Großchancen über die Latte gehen (Schachten nach Freistoß Kruse) oder an den Außenpfosten (Schindler), während der Gegner in Psychokiller-Minute 44 einen Elfmeter zugesprochen kriegt, denselben vor der Pause noch schnell verwandelt und, gerade erst wieder aus der Kabine auf den Rasen geschlendert,  im braun-weißen Strafraum einen längst gehaltenen Ball (Tschauner) vom Schicksal dermaßen abgefeimt gegen einen zur Bande degradierten St. Paulianer (Schindler) gelenkt kriegt, dass die Pille nach dem Pingpong-Prinzip schon wieder in unserem Netz zappelt. 0:2.

Spiele, bei denen sich nicht fünf Minuten später Marius Ebbers mit der Pille am Fuß in Gegners Strafraum dreht, als gäb es da keine Verteidiger als Hindernis. Spiele, bei denen er nicht abzieht und trifft. Spiele, bei denen nochmal ein paar Minuten später der Pass natürlich NICHT kommt, den alle erwarten, erhoffen ersehnen, wenn Bartels sich rechts bis auf Strafraumhöhe durchtankt, links Schachten steht und alles auf der Tribüne nur noch „LINKS! LINKS!“ brüllt. Spiele, bei denen Schachten nicht trifft.

Ich hatte immer gedacht, ein Gefühl für Unendlichkeit kriegt der Normalsterbliche am ehesten, wenn der Zahnarzt bohrt. Jetzt bin ich anderer Meinung.

Und kurz darauf auch noch Max Kruse: 3:2 nach 0:2! Unfassbar genug. Aber noch war ja Zeit, wenigstens das 3:3 zu kassieren, um ein bisschen in vertraute Muster zurückzufinden.

Stattdessen kurz darauf in der Hälfte unserer Hälfte, rechte Seite:

Kruse kriegt den Ball.
Kruse überschreitet die Mittelinie.
Kruse gegen einen, Kruse gegen zwei, Kruse gegen drei, vier, fünf, sechs, hundert Löwen.
Kruse schießt: TOR! TOOR!!! TOOOOR!!!!!

Ich hatte immer gedacht, ein Gefühl für Unendlichkeit kriegt der Normalsterbliche am ehesten, wenn der Zahnarzt bohrt. Jetzt bin ich anderer Meinung.

Und vielleicht tot. Vor Schreck! Selten hab ich so was Unheimliches erlebt wie Max Kruses Solo vorm 4:2. Klar wünscht sich jeder Fußballfan, mal bei so was dabei zu sein: 1986, Maradona gegen England, die Kragenweite in etwa.

Aber seit wann erlebt man so was …

1. am Millerntor (mit Verlaub!)

2. nach einem aufgeholten 0:2

3. wenn man wegen des gerade geschossenen 3:2 eh schon auf Wolke 7 ist?

So viel Freude auf einmal kann unmöglich gesund sein! Da gehen doch alle Belohnungssysteme im Kopf auf „tilt“! Synapsenüberflutung wie Hamburg 1962!  „Gleich kommt Helmut Schmidt und regelt das“, denk ich, in meinen eigenen Hormonen ertrinkend, und hoffe, dass er sich noch ein bisschen Zeit lässt.

Zeit für mich zum Springen, Jubeln, Sterben; „Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm!“, denk ich, und: „Im Himmel gibt’s auch ein Millerntor!“ Was ein Glück, dass das geklärt ist! Leider gibt’s im Himmel aber auch Spielberichte, und nervige Typen mit Brille, die mich mit fragwürdigen Erpressungen dazu zwingen, welche zu schreiben.

Synapsenüberflutung wie Hamburg 1962! „Gleich kommt Helmut Schmidt und regelt das“, denk ich, in meinen eigenen Hormonen ertrinkend, und hoffe, dass er sich noch ein bisschen Zeit lässt.

Und so sitze ich ich hier, suche andere Worte für „Wahnsinn“ und finde keine.

Bis mir was auffällt: Aachen, 3:1, schön spät „den Sack zu“? Duisburg, der ultimative Last-Minute-Sieg? Und jetzt das hier? Das kann weder Zufall noch Wahnsinn sein, denk ich: Das hat Methode!

Denkt doch mal nach: Wenn man endlich die Energiewende haben will, von der kurz vor der Saison überall die Rede war – dann kann man natürlich das halbe Land mit Solarzellen überziehen, Staudämme bauen, Windräder aufstellen …

oder man kann sich auch einfach 0:2 zurückfallen lassen und dann per Aufholjagd ein ganzes Stadion an den Rand des Wahnsinns und darüber hinaus bringen. Energiewende auf dem Rasen.

Wenn das, was währenddessen und danach im Stadion passiert, nicht Kernspaltung, Kernfusion, Unwahrscheinlichen-Unwahrscheinlichkeits-Drive und alles, was die Raumschiffe Orion und Enterprise gemeinsam so an Bord haben, als Energiequelle locker übertrifft: Dann will ich ab heute gern Gegengeraden-Günter heißen!

Nur eins haben Chefingenieur Schubert und seine Crew vielleicht nicht so ganz bedacht: Wer Rasen und Ränge so dermaßen zum Brennen bringt wie die boys in brown an diesem Sonntag – der tut nicht unbedingt was gegen die globale Erwärmung. Oder?

Fotos: Stefan Groenveld

Zum Weiterlesen, -hören und -schwelgen:

In weniger als zehn Minuten drehte St. Pauli wie eine ungezähmte Naturgewalt das Spiel
(Süddeutsche Zeitung)

Audioreportage von Wolf Schmidt und Knut Kahlbom

Bildergalerie von Stefan Groenveld, Bildergalerie auf fcstpauli.com

Spielberichte: Kleiner Tod, Magischer FCÜbersteiger, Metalust, Süddeutsche, Breitseite (auf bayrisch!)

Video: Südkurven-”Wende-Choreo” beim Einlauf

… unterdessen, irgendwo in Stellingen … (Solidarität mit der Initiative pro Oenning!)

Veröffentlicht in FC St. Pauli

2 Antworten

  1. Gegengeraden-Gerd: Jetzt rede ich! » » Wermaulwurf

    [...] allmählich frag ich mich, was aus mir werden soll. Nehmen wir zum Beispiel das Karlsruhe-Spiel: Nicht mal das tollste, und nicht halb so spektakulär wie die Aufholjagden gegen München und Düsburg. [...]

  2. Gegengeraden-Gerd: Jetzt rede ich! » » Schlafes Brüder

    [...] bitte wieder linksdrehenden Fußball heute. So wie letztes Mal gegen 1860. 4:2 nach 0:2, wisst Ihr bestimmt noch. Ich würd mich aber auch nicht gegen ein 3:0 zur Halbzeitpause [...]

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Über Gegengeraden-Gerd:

Gerhard von der Gegengerade, 55, ist seit 1910 Dauerkarten-Besitzer des FC St. Pauli.

Als leicht entflammbare Ein-Mann-Meckerecke regt er sich über das Geschehen am Millerntor und in der sonstigen Fußballwelt auf. Das Ergebnis veröffentlicht er hier und auf Twitter in wüsten Pamphleten zwischen Wahn (klar erkennbar) und Witz (möglicherweise unfreiwillig).

Nebenbei unterstützt Gerd die Stadionzeitung VIVA ST. PAULI als Fußball-Sachverständiger.