Endlich bewiesen: Der DFB ist gut und gerecht!

27. Februar 2012 von Gegengeraden-Gerd
Nanu, der DFB jetzt auch im Showgeschäft? Gesehen in der U-Bahn St. Pauli nach dem Heimspiel gegen Braunschweig. Foto: Christoph Nagel

Nanu, der DFB jetzt auch im Showgeschäft? Gesehen in der U-Bahn St. Pauli nach dem Heimspiel gegen Braunschweig

Ihr kennt mein Mantra. Ich bete es jeden Abend, jeden Morgen und bei jeder warmen Mahlzeit vor mich hin. Schließlich will ich ein braver Fußballfan sein: “Der DFB ist gut und gerecht. Der DFB ist gut und gerecht.”

Es muss sich also um einen schweren emotionalen Irrtum handeln, wenn mir in diesem Moment nicht nur der Kragen schwillt, sondern zugleich auch noch der Kamm platzt und mein überlaufendes Fass 13, ach was: 14 schlägt! Trotz ausgeschlagenem Boden!

“Der DFB ist gut und gerecht. Der DFB ist gut und gerecht.”

Verdammt noch mal, warum hilft es nicht …?

Vielleicht deshalb:

Der FC St. Pauli muss für den Kassenrollenwurf eines Fans gegen Frankfurts Profi Pirmin Schwegler mit einem Spiel unter Teilausschluss der Zuschauer büßen. Dieses Urteil gegen den Zweitligisten fällte das Sportgericht des DFB unter dem Vorsitz von Hans E. Lorenz in Frankfurt/Main. 5800 Stehplätze dürfen im Heimspiel am 12. März gegen den Karlsruher SC nicht besetzt werden.
(dpa-Meldung, zitiert von www.sportal.de)

Zu diesem Signal kann ich (“Der DFB ist gut und gerecht. Der DFB ist gut und gerecht.”) …

… natürlich nur von Herzen gratulieren! Aus Gründen. Vielen:

- Präambel, Teil 1: Der FC St. Pauli mit seinen ach so friedfertigen Fans spielt der Welt nun schon seit über 20 Jahren eine böse Komödie vor. Es wird Zeit, ihm die peacige Maske von der Krawallfratze zu reißen.

- Präambel, Teil 2: “Alle Differenzierung führt zum Teufel”. Hat schon der olle Fritz gesagt. Oder so. Und darum endlich Schluss mit diesem Hickhack: Entweder alle Paulis sind lustig – oder alle sind böse, und es ist ein Exempel zu statuieren.

- Präambel, Teil 3: Jeder Differenzierungsversuch in allen Fanangelegenheiten ist mit mindestens 50-fachem Aufsagen der Zauberformel “Ach so: Schuld sind immer die anderen?” zu kontern.

Hauptverhandlung:

- Wenn ein ganzer Auswärtsblock, wie beispielsweise zu Rostock geschehen, auf homophobe Beleidigungen unterster Kajüte, permanente Verbrennungen von geklauten und gekauften FCSP-Fanutensilien und dümmste Provokationstransparente mit Spott reagiert (Verbrennungen: “Und ihr wisst wo der Fanshop ist”; Homophobie: “Lieber schwul als homosexuell” usw.) anstatt angemessen zu randalieren, dann ist dieser Irrsinn generell abzustellen. So etwas ist unberechenbar, so etwas macht die Schubladen in den DFB-Denkkommoden kaputt. Und darum sorgt so etwas mit gutem Grund ganz von allein schon für Miese auf dem Gutwillenskonto bei der Deutschen Fußball Bank.

- Wenn in einer Fanszene konsequent auf rassistische Beleidigungen und rechte Parolen verzichtet wird, ja sogar aktiv (und auch noch von Ultras!) gegen Faschismus gearbeitet wird, dann ist auch das als höchst suspekt zu werten. Seien wir doch mal ehrlich: Ganz offensichtlich gehören diese Phänomene zum Fußball dazu. Sonst würde der DFB ja konsequent dagegen vorgehen. Anstatt einen gedemütigten Spieler zu sperren und von Chemnitzer Ordnern vermöbelte Fans noch mit Stadionverboten zu belegen, wie jüngst geschehen gegen Wacker Burghausen.

- Dass der FC St. Pauli ein Wiederholungstäter übelster Sorte ist, kann hier gar nicht genug betont werden. Allein schon der Bierbecherwurf damals gegen Schalke! Wie bitte? Der kam von einem Business Seat der Haupttribüne? Ich bitte Sie: passen Sie umgehend Ihr Weltbild den geltenden Glaubenssätzen an. Gefahren aller Art kommen immer von den Stehplätzen.

- Dass die Fanszene des FC St. Pauli schon vor Jahren aus eigener Initiative gegen das Werfen von Bierbechern usw. vorging, sollte eigentlich schon als Beweis dafür genügen  was das für schlimme Finger sind: Welche Fanszene auf diesem Planeten würde von sich aus aktiv werden, wenn das Problem nicht längst so groß ist, dass man den Rasen vor lauter Bechern kaum mehr sieht? Ich bitte Sie!

- Zu guter Letzt noch die Sache mit Hoppenheim: Bekanntlich wurde dort von einem mittlerweile geschassten Vereins-Mitarbeiter eine Klanganlage installiert, um Schmährufe Dortmunder Fans gegen den Vereinsmäzen zu unterbinden. Was so laut war, dass es laut diversen Augen- und Ohrenzeugen sogar schmerzhaft wurde. Also eine geplante Maßnahme von einem Vereinsmitarbeiter – nicht etwa ein Wurf aus Blödheit und Unfall wie bei der Kassenrolle oder eines Einzelnen im Affekt wie bei den Bierbechern oder eine Mischung. Und genau darum gehört der FC St. Pauli härtestenst bestraft: Erstmal wegen des offensichtlich schlechten Karmas, weil wer kriegt das denn hin, so dermaßen wenig zu werfen und dabei dermaßen konsequent zu treffen. Und dann sind Affekt und Pannen natürlich schlimmer als Planung. Das organisierte ist dem unorganisierten Verbrechen grundsätzlich vorzuziehen. Wer erfolgreich ist, hat Recht. Darum hat der DFB das Hoffenheim-Verfahren auch eingestellt.

Strafverschärfende Umstände:

- Wie bitte, im aktuellen Fall war der Werfer auch noch geständig? Und reuig? Und es ist klar rekonstruierbar, dass ein direkter Wurf mit einer Choreo-Kassenrolle während des Spiels zwar a) saublöd, aber b) schon wegen des Winkels zwecks Überwindung des Fangzauns gezielt nicht möglich ist? FRECHHEIT! BESTRAFEN! ABSCHRECKUNG! Wen sollen wir denn noch kriminalisieren, wenn die Ganoven von selbst in den Dialog treten? Mann, Mann, Mann …

Ihr seht also: dass der DFB angesichts der Sachlage nur 5800 Stehplatzfans vom Spiel gegen den Karlsruher SC ausschließen lassen will und nicht die ursprünglich angedachten 13.000, ist nicht nur “gut und gerecht”, es ist auch über die Maßen gnädig. Überlegt doch mal:

Lässt der DFB etwa das Stadion abreißen? Oder das Millerntor in “Theo-Zwanziger-Arena” umbenennen? Lässt er den Verein einwickeln und an Red Bull verschenken, oder zwingt er die 5800 Ausgeschlossenen gar, sich zur Strafe ein Spiel der TSG 1899 Hoffenheim anzusehen?

Nein, liebe Freunde, all das tut der DFB nicht! Bei so viel Milde angesichts unfassbarer Verfehlungen von bis zu vier Personen (2 Becher, 1 Schneeball, 1 Kassenrolle) sollten wir vielleicht nur einmal, ein einziges Mal, ein klitzekleines bisschen Dankbarkeit zeigen.

Und so bleibt nur noch eine Frage offen:

Kennt die Milde des DFB Grenzen? Kennt sie gar Regeln? Irgend etwas, das dem menschlichen Verstand helfen würde, seinem weisen Ratschluss zu folgen? Immerhin fällt die DFB- Sportsgerichtbarkeit Entscheidungen von Millionen-Tragweite?

Nein, liebe Leserinnen und Leser: Die Milde des DFB kennt keine Grenzen. Und Regeln somit auch nicht. Natürlich nicht: die Wege des Herrn sind ja auch unergründlich!

Wem das zu religiös ist, der kann ja einfach die offizielle Presseerklärung des DFB lesen, in der die zu sperrenden Blöcke schon mal vordekliniert werden. Ganz klar mit dem Ziel, ein hübsches Muster im Stadion zu erreichen: dreimal Süd, zweimal Nord. Nur Kleingeister werden fragen, warum ausgerechnet die berüchtigte Gegengerade straffrei ausgehen soll, und was denn eigentlich die  Nordkurve mit der ganzen Geschichte zu tun hat (späte Rache für die Bananen gegen Olli Kahn am 16.02.2002)?

Nein, solche Kleinigkeiten haben den DFB noch nie bewegt. Im Gegenteil: Dadurch, dass so gut wie überhaupt kein irdischer Zusammenhang von Sanktion und ärgerlichem Klein-Klein wie Tätern, Absichten und (nicht) angerichteten Schäden erkennbar ist, transzendiert der DFB das Wunder seines herrlichen Selbst  nur noch mehr.

Wir stehen in Ehrfurcht. Und sehen endlich ein:  ”Der DFB ist gut und gerecht!” Und ein Künstler ist er auch.

Mehr zur Vorgeschichte: hier (kommentierte Linksammlung).

Wenn in Hoffenheim ein Angestellter angeblich ohne Wissen des Vereins gegnerische Fans mit Störgeräuschen beschallt, dann ist das für die muntere DFB-Justiz kein Fall. Wehe aber, es wirft einer mit Papierrollen …
Andrej Reisin, Publikative.org

Zum Weiterlesen: Der Kiesel zu “Zeichen und Chancen” (Teil 2 hier); Vorwort zu Verbandsstrafen aus der aktuellen Basch, SPNU, Sitzblogade, Übersteiger, magischerfc.de und Momorulez über das DFB-Urteil.

Lieber DFB … Vorbildfunktion? FairPlay? Ehrlichkeit? Mag es an vielen Stellen dieser Welt geben, aber nicht bei Dir.
(Übersteiger-Blog)

DFB-Sportgerichtsreportage von Lutz Wöckener (“Abendblatt”), Meldung auf der offiziellen Vereinshomepage; “Vergehensvergleich” FCSP/Hoppenheim von Nord Support; Generalabrechnung mit dem DFB bei Publikative.org.

Der DFB hat ein bedenkliches Rechtsstaats- und Demokratiedefizit. Ob dies für einen Erfolg vor einem ordentlichen Gericht ausreicht, wissen wir natürlich auch nicht genau. Aber wir wissen eines: It’s worth a try.
(Magischerfc.de)

Ebenfalls wie immer sehr lesenswert Frau Jekyllas Kommentar zur Debatte und möglichem Verhalten des Vereins und seiner Fans.

Erwarten von dem non-established-Verein würde ich einen Einspruch nach diesem Urteil. Nicht, weil der FC Sankt Pauli und seine Fans solche Unschuldslämmer sind, sondern weil dieses Urteil ein Witz ist.
(Fabulous Sankt Pauli)

Und zum Abschluss für alle DFB-Kritiker: unbedingt mal hier hereinschauen!

Veröffentlicht in FC St. Pauli, Fußball allgemein

12 Antworten

  1. STP1910

    Kasperbude Dee-eff-bäh!

    Hatte gerade überlegt, dass sie vielleicht nicht die Fans, sondern den Verein bestrafen wollen. Aber das können sie ja auch einfach machen.

    Was hilft denn dagegen? 24.000 Dauerkarten?

  2. !

    Dies bitte direkt an den DFB schicken und teilen, kommunizieren, weiterverbreiten !

  3. Tägliche Presseschau des magischen FC, 28.02.2012 | Blutgrätsche Deluxe

    [...] Gegengeraden Gerd Gegengeraden Gerd 2 SPNU Gefällt mir:Gefällt mirSei der Erste, dem dieser post gefällt. [...]

  4. Danke DFB (Eine Ode an die Sportgerichtsbarkeit des Deutschen Fußball Bundes und die Güte seiner allmächtigen Sportrichter) #FCSP | Supporters in action | SPNU - St. Pauli News & Social Club | » St. Pauli NU*

    [...] für Deine fairen Regeln, Danke für das leere Rund, Danke, dass wir nicht stehen müssen, Danke Deutscher Fußball BundTeilen:Tagged as: DFB, Gericht, Kassenrolle, Song, Strafe, Youtube [...]

  5. Wo Recht zu Unrecht wird, wird der Instanzengang zur Pflicht » Magischer FC

    [...] Vieles ist schon geschrieben und wir verweisen sehr gerne auf unseren Kollegen Gerd und auf unseren Kollegen Kiesel. Trotzdem wollen wir noch ein paar Aspekte ins Licht bringen. [...]

  6. Die Kassenrolle – Ein Frankfurter Armutszeugnis | Übersteiger-Blog

    [...] zum Thema: – Offizielle DFB-Meldung – Abendblatt (Mit Originalzitaten der gestrigen Verhandlung) – Gegengeraden-Gerd (“Endlich bewiesen: Der DFB ist gut und gerecht!”) – MagischerFC (“Wo Recht zu [...]

  7. Aus aktuellem Anlass «

    [...] Gegengeraden Gerd Der Kiesel st.pauli.nu Sitzblogade publikative.org und der doch wieder schreibende magischerfc Der Übersteiger. <- nachdem er raus war wollte ich meinen Beitrag nciht mehr veröffentlich denn er ist wie immer wahnsinnig gut! [...]

  8. Völlig von der Rolle – #FCSP und die Nullnummer daheim gegen Braunschweig sowie das #DFB-Versagen « KleinerTods FC St. Pauli Blog

    [...] dazu Worte gefunden haben http://www.gegengeraden-gerd.de/fc-st-pauli/endlich-bewiesen-der-dfb-ist-gut-und-gerecht/, http://basch.blogsport.de/2012/02/27/archiv-basch-11-vorwort-zu-verbandsstrafen/, [...]

  9. Norbert

    Moin,
    nach dem Lesen der diversen Blogs. fällt mir erstmal nur ein den FCSP und die Verantwortlichen mit Mails zu “attackieren”, mit der Aufforderungen gegen dieses Urteil Widerspruch einzulegen und wie es St.Pauli.nu schrieb. Kämpfe FCSP! Hab’ das gestern schon nach dem Urteil gemacht.
    Was wir uns als Fans überlegen können, falls das Urteil doch bestand hat … Der Vorschlag von magischerFC mit dem vor dem Stadion stehen ist schon mal gut. Mit allem drum und dran was im Stadion nicht erlaubt ist. Bengalos etc. Mit allem was der D(ümmste) FB*sucks* nicht will.
    Aux Armes …United we stand, divided we fall !

  10. Die Gerechten, die Empörten, die Selbstgerechten, die Enttäuschten und die Nachdenklichen – die Fans des #fcsp « Fabulous Sankt Pauli

    [...] Und last but not least, der bissig-ironische Blogpost vom Gegengeraden-Gerd, der sich trotz der Unerfreulichkeit des Themas durch seine spitze Feder und nadelscharfe Stiche auszeichnet.[...]

  11. Wenn aus Rauch nicht Randale, sondern Vorfreude wird | Übersteiger-Blog

    [...] Heute aber hab ich mich dann doch mal wieder dabei erwischt, kurz daran zu zweifeln, dass Du wirklich so gerecht bist, lieber DFB, wie der geschätzte Gegengeraden-Gerd in seiner Alters(Demenz)weisheit immer beteuert. [...]

  12. Von Mimimis, Miasanmias, Managern, Medien und Moosröschen « Fabulous Sankt Pauli

    [...] Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC hat wieder neue Maßstäbe gesetzt und dem Herrn Niersbach vom guten und gerechten DFB eine Steilvorlage geliefert, die der auch nicht ungenutzt liegen lässt. Allüberall werden im [...]

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Über Gegengeraden-Gerd:

Gerhard von der Gegengerade, 55, ist seit 1910 Dauerkarten-Besitzer des FC St. Pauli.

Als leicht entflammbare Ein-Mann-Meckerecke regt er sich über das Geschehen am Millerntor und in der sonstigen Fußballwelt auf. Das Ergebnis veröffentlicht er hier und auf Twitter in wüsten Pamphleten zwischen Wahn (klar erkennbar) und Witz (möglicherweise unfreiwillig).

Nebenbei unterstützt Gerd die Stadionzeitung VIVA ST. PAULI als Fußball-Sachverständiger.