Der Geist, der stets vergeigt
So., 11. Dezember, 13:30 Uhr: FC Ingolstadt 04 – FC St. Pauli 1:0 (0:0)
(Antwort auf einen Brief aus Ingolstadt, ebenfalls erschienen auf donaukurier.de)
Lieber Lars,
vielen Dank für die vielen Informationen über Deinen Lieblingsclub. Ich bin jetzt ein bisschen beruhigt. „Sauhaufen“ (Zitat) machen mir keine Angst. Hatten wir am Millerntor auch schon. Aber die Internetseite Eures Vereins – die fand ich doch etwas brutal.
Oben auf der Startseite wilde Kung-Fu-Übungen, genau in der Mitte des Mannschaftsfotos eine weißlackierte Kampfmaschine mit mehr Kraft unter der Haube als Hannibals legendäre Elefanten, und wenige Zentimeter darüber der fotografische Beweis, dass man als Fußballer zu Ingolstadt jederzeit mit platzstürmenden Sakkoträgern zu rechnen hat. Für sensible Naturen muss das doch verstörend sein!
Vielleicht deshalb, so entnehme ich dem Bildmaterial auf Eurer Vereinswebsite weiter, weichen Eure Kicker auf die Gassen Eurer schönen Stadt aus, suchen Schutz bei nicht-DFL-konform gekleideten Speerträgern, bewachen Fußgängerbrücken statt Aluminiumtoren, beschießen unsichtbare Omis im Park per Sitzfallzieher und spielen Straßenfußball, bis der letzte Passant Reißaus nimmt. Das alles mit Stollenschuhen auf historischem Kopfsteinpflaster. Kein sicherer Stand. Ein Grund für die sturzgefährdete Tabellensituation?
Doch keine Sorge. Da lässt sich was machen. Denn wofür gibt es ihn sonst, den seltsamsten Heiligen des Fußballs? Nachname: Pauli, Vorname: Sankt, Spezialgebiet: Wiederbelebungsmaßnahmen. Wenn ich Deine anerkennenden Zeilen so lese, weiß ich nicht recht, ob seine Kunde sich schon bis zu Euch in den Süden verbreitet hat.
Der heilige Sankt Pauli hat in seiner über hundertjährigen Geschichte mehr bedürftige Vereine aus der Trübnis des Tabellenkellers gerettet als Superman hilflose alte Damen aus brennenden Häusern! Und das auf rein sportlichem Wege! Zugegeben: In den letzten Jahren war Sankt Pauli ein wenig abgekommen vom tugendhaftem Weg der Wohltätigkeit. Doch niemand, der ihn länger kennt, würde ernsthaft annehmen, dass er seine Superkräfte eingebüßt hätte.
Der heilige Sankt Pauli hat in seiner über hundertjährigen Geschichte mehr bedürftige Vereine aus der Trübnis des Tabellenkellers gerettet als Superman hilflose alte Damen aus brennenden Häusern!
Mit Chance auf Platz 2 zum Tabellenletzten? Noch dazu einem verdienten Koggeversenker? So eine Gelegenheit lässt Sankt Pauli sich nicht entgehen. Wir sind der Geist, der stets vergeigt! Jedenfalls wenn es für uns um etwas geht. Und erst recht, wenn man damit Gutes tun kann. Dass das zwischendurch mal anders ausgesehen hat: gut und schön, aber nur die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Schließlich muss man auch beim Versagen mal versagen, damit die Sache richtig rund wird.
Und dann noch am dritten Advent: Lichterglanz allüberall, Glanz in vorfreudigen Kinderaugen, Glanz auf den ersten Weihnachtskugeln … Dann auch noch Glanz auf dem Platz? Das wäre wohl ein bisschen zuviel des Guten gewesen. Also haben unsere Jungs ihn konsequent weggelassen.
Anfangs dachte ich ja noch, es könnte trotzdem klappen. Querpässe und Ballkontrolle statt lange Verzweiflungsschläge. Sieht langweilig aus, hat aber schon ein paar Mal funktioniert diese Saison. Wenn dann der schnelle Konter kommt. Leider ist es aber so, dass das mit dem schnellen Kontern nur funktioniert, wenn man den Ball zum eigenen Mann passt statt zum Gegner oder ins Aus. Und das am allerbesten noch in den Lauf statt in den Rücken. Was Sankt Pauli aber alles nicht macht, wenn es im Heiligenmodus unterwegs ist. Und als Torchance eine ganze Halbzeit lang nur ein halbgefährliches Anstandsschüsschen von Herrn Bruns hinkriegt.
Es roch nach einem Sankt-Pauli-Tor wie Apfelmus nach Blattspinat.
Auch in Hälfte zwo roch das ungefähr so stark nach einem Sankt-Pauli-Tor wie Apfelmus nach Blattspinat. Selbst wenn die boys in brown nun bemühter wirkten und die Herren Schanzer von ihrem Engagement in Hälfte eins etwas ausgelaugt. Letzten Endes kam es, wie es kommen musste: 1:0 für Euch in der 89. Minute. Für mich ein seltsam vertrautes Gefühl. Und nach all den für uns gedrehten Spielen in dieser Saison so etwas wie eine Last-Minute-Impfung gegen Euphoria, jene gefürchtetste aller Kiezkickerkrankheiten.
Glückwunsch zu Euren drei Punkten also. Die habt Ihr verdient. Und wenn es Euch so geht wie den vielen anderen Teams, denen in tiefster Bedrängnis der heilige Sankt Pauli erschienen ist: Dann bleibt Ihr auf sicher „drin“.
Mit den besten Grüßen,
Dein Gerhard von der Gegengerade
P.S. Hübsches Detail am Rande, Eure Bandenwerbung für „Hörgeräte Langer“! Könnte den für St. Pauli zuständigen DFB-Beobachter auf nen sinnvollen Gedanken bringen. Der versteht nämlich immer „Nazi“ statt „Naki“. Vielleicht habt Ihr davon ja schon gehört …
P.P.S. Immerhin: Das Tabellenbild gefällt mir untenrum jetzt viel besser als vor diesem Spieltag. Und wenn das nicht hilft: Hier das großartige Audio-Special mit allen Toren der Hinrunde, zusammengeschnitten von Wolf Schmidt (AFM-Radio)
P.P.P.S. Wem das hier zu lang ist: Auf Twitter gibt’s mich auch kürzer: Twitter.com/GG_Gerd
Zum Weiterlesen und -gucken: StPauli.nu auf Wiehnachtsmission, KleinerTod zum Spiel und zu extrem unsanktpaulianischen Szenen im St. Pauli-Block, Fabulous Sankt Pauli über verspannte Ungläubige, Tourberichte von MagischerFC und Breitseite, Neues aus dem “Hochsicherheitstrakt” von Beebleblox, Presseschau bei “Blutgrätsche Deluxe”, Bilder von AuxArmes, Bildergalerie auf fcstpauli.com.
Zum Weiterhören: Audio-Reportage zum Spiel von Wolf Schmidt.
Außerdem zum Videogucken: 19er-Alu-Fußballtalk aus Ingolstadt mit braun-weißer Beteiligung (“Kult, Kommerz und Pyros”)
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Veröffentlicht in FC St. Pauli





12. Dezember 2011 um 10:09
2 Doofe 1 Gedanke – und erstaunlich, wieviele wir in den eigenen Reihen haben, die von dieser Legende noch nie was gehört haben. Ausgerechnet im heiligen Versagen dann Leistung fordern für sowas wie schnödes Eintrittsgeld. Total verstengert die bayrische Paulianerjugend.
12. Dezember 2011 um 10:15
@ring2: Wird schon mit der Popularität. Apostel Paulus (V1) hat auch das eine oder andere Jahrhundert gebraucht bis zum ersten Starschnitt. Erwarte spätestens 2910 erste Kathedralen.
12. Dezember 2011 um 11:03
Dann ist Gernot Stenger unser Pontius Pilatus?
12. Dezember 2011 um 11:07
@ring2: Hoppla, jetzt wird’s theologisch (*grübelgrübel*). Ich geh erstmal Hände waschen!
12. Dezember 2011 um 11:25
[...] stpauli.nu Gegengeraden Gerd Gefällt mir [...]
12. Dezember 2011 um 14:28
[...] Doch wer jetzt verzweifelt, der hat sich die Tabelle noch nicht angeschaut – die Kogge steht ja jetzt dank des Sieges von Ingolstadt ganz unten – oder aber noch nicht den wunderschönen Text von Gegengeraden-Gerd zum Spiel gelesen: http://www.gegengeraden-gerd.de/fc-st-pauli/der-geist-der-stets-vergeigt/ [...]
12. Dezember 2011 um 14:32
[...] das ganze in schön lesen Sie wie immer beim Gegengeraden-Gerd. [...]
9. Februar 2012 um 14:50
[...] welches das offensichtlich ebenfalls tiefgefrorene Schiri-Team gern mal hätte geben können: Das Helfersyndrom hat mal wieder gewonnen. Es lebe der heilige Sankt Pauli, Schutzpatron aller [...]