Blaulight Express (oder: mehr Mehrwert für die Goliathwache)

29. August 2012 von Gegengeraden-Gerd

 

Sehr geehrter Herr Innensenator Neumann!

Ich muss mal dringend eine Lanze für Sie brechen. Alle hacken auf Ihnen rum, und ich finde, das haben Sie nicht verdient. Als St. Pauli-Fan bin ich traditionell für den Underdog. Für das Raue, Wilde, Unangepasste. Und Sie, Herr Neumann, sind ein wahrer Rebell.

Ich meine: Da ist ein absolutes Filetgrundstück. 600 satte Quadratmeter, mitten im Szenestadtteil St. Pauli. 600 Quadratmeter Premium-Prestigelage in einer der berühmtesten Kultstätten des europäischen Fußballs. 600 Quadratmeter in der Geburtsstätte eines der erfolgreichsten Exportartikel der Freien und Hansestadt Hamburg: des sagenumwobenen St. Pauli-Totenkopfs. 600 Quadratmeter, Herr Neumann! Groß wie ein Strafraum! Unvermietet, frei zum Erstbezug!

Da würde jeder andere doch exklusive Eigentums-Lofts draus basteln, wie überall sonst im Stadtteil. Oder unvermietete Büros. Oder wenigstens eine Touristenattraktion, um Besuchermassen anzulocken, Hotelbranche und Gastronomie anzukurbeln und Steuermillionen zu kassieren – irgendwas zum „Kultclub FC St. Pauli“ zum Beispiel, ein Erlebnismuseum oder so, würde sich ja anbieten.

Sie aber, Herr Neumann, Sie machen da nicht mit. 600 Quadratmeter? Premiumlage? Einzigartig? Von solchen Petitessen lassen Sie sich nicht unter Druck setzen. Sie haben Zugriff auf das Grundstück, das hat Ihnen Corny Littmann mal versprochen. Was Sie damit machen, das ist doch bitteschön Ihre Sache. Und Sie wollen da keinen Touristenfirlefanz. Und noch nicht mal Eigentumswohnungen. Sie wollen da überhaupt keinen Kommerz. Sie wollen: eine Polizeiwache. Und ich, ich finde das toll.

Ein Polizeipalast im Piratenschiff! Die Goliathwache für Groß und Klein, offen an mindestens 100 Tagen im Jahr. Was das für Möglichkeiten eröffnet! Sie wissen ja, ich stehe in Verhandlungen mit der ARD. Für eine Fernsehserie. Unser „Großkultrevier“ wird ein Hit, sage ich Ihnen, ein Hit!

Doch für das bisschen Fernsehn und die paar verhafteten Taschendiebe und Radaubrüder – für dieses läppische Bisschen Polizeialltag braucht man natürlich keine 600 Quadratmeter. In anderen Stadien reicht ein Fünftel, Achtel oder sogar Zehntel davon. Und die stehen nicht als Immobilienperlen mitten im quirligen Leben, sondern irgendwo draußen im Gewerbepark.

Sie wissen das natürlich längst. Und Sie, da bin ich mir sicher, Sie sind keiner von diesen Kleingeistern, die überall Probleme sehen. Sie sind einer, der die Chancen erkennt. 600 Quadratmeter Erlebnispark Blau-Weiß, mitten im Millerntor-Stadion! Was das für Möglichkeiten eröffnet!

Ich sage Ihnen was, Herr Neumann: Lassen Sie uns Ihre Vision mit den meinen verbinden. Sie müssen den ganzen Platz in Ihrer Goliathwache sowieso besser nutzen. Sonst schimpft der Bund der Steuerzahler, und außerdem hallt das sonst so, Sie kennen das vielleicht aus Neuschwanstein, Herrenchiemsee oder Sanssouci.

Aber was kann man mit 600 Quadratmetern bloß Sinnvolles anstellen? All dieser Platz! Keine Sorge, ich habe da ein paar pfiffige Ideen entwickelt. Müssen Sie nur noch aussuchen und umsetzen.

  • Die klassische Lösung: Ein Indoor-Erlebnispark! Regensicher, Spaß garantiert. In der Mitte sitzen die Beamten, polieren Handschellen, tippen Einsatzberichte und schauen ein bisschen nach dem Rechten – außen herum pulsiert eine quirlig-bunte Erlebnismeile mit ortstypischen Attraktionen wie Becher- und Kassenrollenwurfbuden. Wildwasserwerferbahn, Polizeiautoscooter und Dienstponyreiten inklusive. Das wird ein Knüller!
  • Die Service-Lösung: Das Bildungs-Hotel! Anstatt wohnungslose Studenten in Turnhallen zu pressen – heißen Sie sie alle in den unendlichen Weiten der Goliathwache willkommen! Urige Etagenbetten bis unter die Decke. Möglicher Mehrwert: Gegen eine kleine Servicegebühr servieren die freundlichen Polizeibeamten Snacks und klären die weltfremden Jungakademiker mit ausgewählten Anekdoten aus dem Polizeialltag über das wahre Leben auf.
  • Die Leuchtturm-Lösung: Einen dermaßen gigantischen Raum wie die Goliathwache sollte man nicht für ein paar Schreibtische und Arrestzellen wegschenken.Wenn Sie schon den ganzen Platz haben – warum nicht mal mit einem richtigen Wahrzeichen aufwarten? So eins mit ordentlich Strahlkraft? Die Akropolis zum Beispiel bietet ein ideales Verhältnis aus Popularität und Fläche und wäre bestimmt für einen Appel und ein Ei zu haben. Im Gegensatz zur Elbphilharmonie ist das Teil außerdem seit gut 3.000 Jahren fertig. Und wer weiß: Mit ein bisschen Verhandlungsgeschick können Sie den Eiffelturm vielleicht noch dazustellen! (Bei Bedenken wg. Höhe: Einfach Loch in die Decke oder Turmspitze absägen. Wie beim Weihnachtsbaumaufstellen, kennen Sie doch bestimmt!)
  • Die urige Lösung: Bisschen Kalk an die Decke und immer hübsch den Raumluftbefeuchter anmachen – schon sind Sie auf dem Weg zu Hamburgs ganz persönlicher Event-Tropfsteinhöhle. In 30-50.000 Jahren bestimmt ein Hit! Extra-Tipp: Umstellung der Dienstunifomen auf Säbelzahntigerfell. Großes Plus fürs Ambiente.
  • Die vollintegrierte Megaevent-Lösung: Welches beliebte Broadway-Musical lässt sich bei Gott nicht überall aufführen, weil seine Hauptdarsteller abstrus viel Platz für Rennspiele auf Rollen brauchen? Sie sagen es, Starlight Express. Was für ein Klassiker! Dümpelt im Augenblick in Bochum vor sich hin. Und ich sage: lassen Sie den zeitlosen Gassenhauern Andrew Lloyd-Webbers eine hübsche Räuber-und-Gendarm-Handlung auf den Leib schneidern, schnallen Sie Ihren Schutzmännern Rollschuhe unter die Füße, nutzen Sie die gigantischen Räume für verschlungene Serpentinen, setzen Sie singende Action-Verfolgungsjagden in Szene, wie die Welt sie noch nicht gesehen hat, und versetzen Sie Ihr Publikum in Staunen. Meine Damen und Herren, willkommen bei Blaulight Express!

Na, Appetit bekommen? Mit ein bisschen Geschick können Sie bestimmt sogar alle Vorschläge zusammen umsetzen, Platz ist ja genug da. Gern können Sie meine Vorschläge auch an die Kulturbehörde und Hamburg Tourismus weitergeben, ich bin da freigiebig.

Auf jeden Fall bin ich mir sicher, dass Sie und ich da ein mächtig tolles Ding am Start haben. Wenn wir es durchziehen. Also lassen Sie sich bloß nicht in letzter Minute breitschlagen zum Wache verkleinern, zum Auszug der Wache oder zu irgend einem anderen schäbigen Kompromiss!

Hamburg braucht die Goliathwache! Alle 600 Quadratmeter davon! Und die Goliathwache braucht Sie. Bleiben Sie standhaft!

Mit dem größten Respekt,
Ihr Freund und Verehrer

Gerhard von der Gegengerade

P.S.: Ich stell das mal als offenen Brief ins Internet, OK? Vielleicht haben die freundlichen Leserinnen und Leser ja auch noch Ideen. Einfach als Vorschläge hier drunter schreiben!

P.P.S.: Wir sollten auch die nächsten Schritte schon mal andenken. Think Big! Riesige Polizeiwachen in Sehenswürdigkeiten – was das an Geld spart! Also: Welches dieser Hamburg-Denkmäler sollte als nächstes “seine” Goliathwache bekommen? Heitere Umfrage hier (Facebook-Link)!

 

Zum Weiterlesen: Hamburg braucht mehr Goliathwachen! und Traumquote mit der Goliathwache (beides hier im Blog); Neuer “Übersteiger”-Artikel über die Goliathwache, St. Pauli News & Social Club

Zum “Gefällt mir”-Klicken: 1910 – Museum für den FC St. Pauli e.V. (Facebook-Seite)

Veröffentlicht in FC St. Pauli

3 Antworten

  1. SyS

    Moin Gerhard,
    wie immer hast du auf einzigartige Weise den Finger auf die Wunde gelegt. Danke dafür.
    Hmm – mir kommt gerade eine Eventloge für den Senat in den Sinn. Die besten Plätze im Stadion, reserviert für den Innensenator und Senatsgäste aus aller Welt. Das ist mal Mehrwert. Da hat er seine Miete schnell wieder heraus. Ich hör mal auf zu phantasieren, mir wird grad noch schlechter als ohnehin schon. Gegengeraden-Gerd kann das eh viel besser.

  2. Herr Meyer

    Lieber Gerd,

    Gratulation zu dieser tollen Idee!

    Ich hätte da auch noch einen Vorschlag:

    *Die kulinarische Event-Lösung (a la Palazzo o.ä.)
    Einen Haufen Tische & Stühle in die Mega-Halle platzieren, in der Mitte stehen pseudo-prominente TV-Kochs wie Tim Mälzer und zaubern marinierte Flugsaurierkeule und Planktongulasch an kirschgrünem Hopfenpesto hervor, die von gutzahlenden Hanseaten/innen (Eintritt ab 350,00 €, ist also auch in finazieller Hinsicht ein Gewinn!)verspeist werden. Dazu bietet die Innensenator-Truppe akrobatische Kunststücke wie Gummiknüppel-Jonglieren, Hubschrauber-Seiltanz oder Wasserwerfer-Ballett mit einer Hundertschaft dar. Um dem Ganzen einen braun-weißen Anstrich zu geben, übernehmen die Super-Fans Corny Littmann und Elton die Moderation! Hossa !Das hebt die Stimmung!

  3. Keine Goliathwache! » Magischer FC

    [...] haben es getan, wir haben es getan, Kollegen haben konkrete Hinweise für die Verlagerung der Goliathwache gemacht und passiert ist nix. Okay, dann müssen wir nun als Fanszene sehen, wie wir Veränderung in [...]

Deinen Senf dazugeben? Man zu!

Achtung: Kann nen Moment dauern, bis dein Kommentar online zu sehen ist - büdde nich' ungeduldig werden!

Über Gegengeraden-Gerd:

Gerhard von der Gegengerade, 55, ist seit 1910 Dauerkarten-Besitzer des FC St. Pauli.

Als leicht entflammbare Ein-Mann-Meckerecke regt er sich über das Geschehen am Millerntor und in der sonstigen Fußballwelt auf. Das Ergebnis veröffentlicht er hier und auf Twitter in wüsten Pamphleten zwischen Wahn (klar erkennbar) und Witz (möglicherweise unfreiwillig).

Nebenbei unterstützt Gerd die Stadionzeitung VIVA ST. PAULI als Fußball-Sachverständiger.