Bachblütengewühl (Oder: Tante Kriemhild in Köln)

18. September 2012 von Gegengeraden-Gerd

Ich glaube, Herrn Saglik hat es auch nicht so gefallen – Foto: Stefan Groenveld, www.stefangroenveld.de

Mo., 17.09.2012, 20:15: 1. FC Köln – FC St. Pauli 0:0

Mein lieber Gerhard -

ich gehe wirklich gern für Dich zum Fußball. Irgendwann werde ich mich bestimmt daran gewöhnen, dass nicht immer Bananen und Feuerwerk dabei sein können, so wie damals in Rostock. Aber dass sie neuerdings sogar die Tore weglassen – also, da weiß ich nicht, Gerhard. Da weiß ich wirklich nicht.

Zuerst fand ich das ja ganz beeindruckend da unten in Köln. So ein großes Stadion, so viele Menschen, und so hoch! Onkel Werner ist ein bisschen weiß im Gesicht geworden, du weißt ja, seine Höhenangst. Aber dafür war das Spiel dann nicht so aufregend. Höchstens ein klein bisschen zum Schluss.

Mich hat das alles an Bregenklöters neue Villa erinnert. Hab ich Dir ja erzählt neulich: 27 Zimmer, Platz genug für die Königin von England, und was nutzen die davon? Die Stube. Nur die gute Stube, und sonst nichts. Weil das sonst zu aufwändig wird mit dem Heizen.

Heute auf dem Rasen war das so ähnlich. Da sind doch Zimmer aufgemalt, nicht? Und warum nutzen die nur die beiden großen links und rechts von der Mittellinie? Und fast nie die zwei mittelgroßen, oder die ganz kleinen, die, wo das Tor drin steht? Also das, was Du immer Strafraum und Fünfmeterraum nennst?

Darf man da nicht mit schmutzigen Fußballschuhen hinein? Das könnte eine Erklärung sein. Aber warum schießen die den Ball dann nicht einfach? Bei einem Fußballzimmer muss das doch erlaubt sein?

Und was zwischen den beiden Strafräumen passierte: Das war mir viel zu unordentlich. Mal haben die Braunen den Ball, dann steht wieder ein Weißer im Weg, dann geht das wieder umgekehrt. Dann versucht jemand, den Ball weiterzugeben, und dann haben ihn wieder die anderen, und das Spiel geht von vorne los.

Das geht so lange, bis einer die Geduld verliert und den Ball hoch und weit durch die Luft schießt. Dann strecken sich alle und springen umher. Aber kriegen tun sie den Ball trotzdem nicht. Und da frage ich mich doch, Gerhard: Muss das sein mit dem ganzen Gewühl? Das ist ja wie Einsteigen in den Regionalexpress! Die einen wollen raus, die anderen rein, und alle stehen einander im Wege.

Wenn das nach mir ginge, würde man das anders machen. Spielfeld längs knicken, die Weißen nach rechts, die Braunen nach links, und dann immer schön den Ball zirkulieren. So kommt jeder einmal dran. Dann würde das auch nicht 0:0 ausgehen, sondern 4:4, 5:5 oder 6:6, und ich könnte Dir ein paar Tore mitbringen statt dieser Fingerhüte, aus denen die Kölner immer ihr Bier trinken.

Nein, lieber Gerhard: Ein unaufgeräumtes Spiel war das – wirklich wahr. Und die erste halbe Stunde haben unsere kein Bein auf den Boden gekriegt. Die Kölner dagegen mit Hurra in die braun-weiße Hälfte, als hätte der nette Herr Stanislawski da irgendwo ihr Taschengeld versteckt.

Da musste unser Herr Tschauner in seinem roten Trikot ganz oft springen! Am liebsten hätte ich ihm ein paar Kissen hingelegt, damit das nicht so wehtut beim Aufkommen.

Dass die Kölner später nachgelassen haben – das hätte ich Dir schon an der Trikotfarbe vorhersagen können. WEISSE TRIKOTS, Gerhard, WEISSE TRIKOTS! Jedes Kind weiß, dass man nach fünf Minuten Fußball damit aussieht wie Bauer Brödingers Zuchteber nach dem Schlammbad.

Als die Anfangsaufregung weg war, haben die Kölner bestimmt nur noch eines gedacht: ‚Wenn das meine Mutti sieht! Oh je, oh je.‘ Weiße Trikots, Gerhard, meine Güte! Muss man Euch Jungs denn wirklich immer die Kleider rauslegen, damit Ihr Euch vernünftig anzieht?

Die braunen Trikots von unseren sind zum Herumtoben viel besser. Darum waren die auch am Drücker nach der ersten halben Stunde. Mich hat das ja gefreut, aber herausgekommen ist nichts. Das sah alles ein bisschen ratlos aus, Dein Onkel Werner meinte das auch, als ich ihn geweckt habe. Und dann hat sich auch noch der Herr Boll am Knie wehgetan und musste ausgewechselt werden. Ich hoffe, es ist nichts Schlimmes!

Was die Ratlosigkeit angeht: Vielleicht ist das ja wie bei den Taxifahrern. Die jungen Leute am Steuer heutzutage, die schaffen das ohne Navigationssystem ja nicht mehr vom Rathaus bis zur Post. Bei Fußballern könnte das so ähnlich sein. Also, zur Post müssen die natürlich nicht beim Spiel. Aber vielleicht könnte man ihnen ja was mitgeben, das den besten Weg zum Tor anzeigt? So ist das nun mal, wenn man nicht aufräumt: Ständig ist einer am Suchen.

Irgendwann war alles vorbei, und jetzt frage ich mich, wie ich dieses Spiel meinen Jungseniorinnen zu Hause erklären soll. Und erst im Landfrauenverband! War das ein Gurkensalat heute? Oder mehr Spagelcremesuppe, blickdicht und etwas zu sämig? Ach was, ich sag einfach: „Wie wenn die Mehlschwitze klumpt“, dann werden die das schon verstehen.

Ich will aber nicht nur meckern, Gerhard. Drei Sachen haben mir sehr gefallen heute. Eine, das waren die Geräusche. Unsere, die singen ja sowieso immer viel, aber die Kölner diesmal auch, gerade so gegen Schluss. Und dieses Rauschen immer, wenn die Kölner nach vorn gelaufen sind: Wie ein Wald mit brüllenden Bäumen.

Die zweite Sache, das war die Entspannung. Auf Onkel Werner hat das Spiel Wunder gewirkt. Du weißt ja, er ist sonst leicht nervös, aber das hier, das war besser als jede Bachblütenbehandlung! Schon nach fünf Minuten hat Werner gegähnt wie ein Loch in den Staatsfinanzen. Nach zwanzig war er beim ersten Nickerchen.

Und die dritte Sache, die ich toll fand, Gerhard: Das war Euer Trainer. Der hat immer so schön geklatscht! Fast wie Gitti und ich beim Howard-Carpendale-Konzert. Werner hat glatt gefragt, ob der Duracell im Rücken hat, der Herr Schubert. Das hatte Schwung.

Fehlt also nur noch die Musik auf dem Platz, Gerhard. Dann wird das wieder richtig schön beim Fußball.

Lass den Kopf nicht hängen, und sei herzlich gegrüßt,

Deine Tante Kriemhild

 

P.S.: Legst Du mir bitte 50 Karten zurück für das FC St. Pauli-Museum in Eurer Gegentribüne, das Dir so am Herzen liegt? Meine Jungseniorinnen und ich sind sehr neugierig, und Onkel Werner auch. Wir kommen mit einem ganzen Bus aus Bad Bevensen, wenn das fertig ist! Die netten Schutzmänner müssen ja trotzdem nicht auf der Straße stehen.

Mehr zum Spiel bei SPNU, KleinerTod, MagischerFC, Übersteiger, Metalust; Fotos bei Stefan Groenveld

Zum Weiterlesen: Alle Blogposts von und mit Tante Kriemhild 

Veröffentlicht in FC St. Pauli

4 Antworten

  1. Jekylla

    Ich hatte so eine Ahnung, dass ich einfach nur ein bißchen abwarten muss, um dem gestrigen Spiel etwas abgewinnen zu können. Und ich hatte Recht: DAS hier kam. :-)

  2. Toby

    Lieber Gerhard,
    kannst Du Dir bitte, bitte, bitte einen Account bei Flattr schnappen, damit ich Dir hier nicht nur Anerkennung in Form eines dahingeschnippten “Fatzebook” like dalassen kann, sondern einen, der mir was wert ist? Weil nämlich, Deine Beiträge sind echt super, sie haben ein Trinkgeld verdient. Und ich weiß, dass Du gern was trinkst ;)

    Danke,
    Toby

  3. Klaas

    Ich habe just herzhaft gelacht. Im Gegensatz zu gestern. Da ging es mir mehr wie Onkel Werner. Wenn man nicht einen der beiden Vereine toll findet, dann ist so ein Nullnull ja noch langweiliger.

    Vielleicht sollte ich das nächste Mal mit Kriemhild gucken. Dann lerne ich wenigstens was über Mehlschwitze.

  4. 5.Spieltag (A) – 1.FC Köln | Übersteiger-Blog

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Über Gegengeraden-Gerd:

Gerhard von der Gegengerade, 55, ist seit 1910 Dauerkarten-Besitzer des FC St. Pauli.

Als leicht entflammbare Ein-Mann-Meckerecke regt er sich über das Geschehen am Millerntor und in der sonstigen Fußballwelt auf. Das Ergebnis veröffentlicht er hier und auf Twitter in wüsten Pamphleten zwischen Wahn (klar erkennbar) und Witz (möglicherweise unfreiwillig).

Nebenbei unterstützt Gerd die Stadionzeitung VIVA ST. PAULI als Fußball-Sachverständiger.