Astra und Brot

13. Dezember 2009 von Gegengeraden-Gerd

Jip, Umbruch. Alles wird anders.

Was hab ich da neulich im Fernsehen gesehen? Dinosaurier sollen ja eigentlich Vögel sein. Von wegen gemeinsame Wurzeln und so. Bisschen warten, ne Prise Evolution, und schon wird aus Tramplosaurus Rex mein schwerelos flatternder Mitbewohner Volker Sittich.

Findet ihr seltsam? Ich glaub das sofort nach dieser Hinrunde.Und ich hab reichlich Zeit gehabt, darüber nachzudenken. Denn wie das so geht heutzutage: Kaum ist man einen winzigen Moment unachtsam, schon hat man nen Jutesack übern Kopf, wird im Kofferraum verstaut und verbringt die nächsten X Spieltage in irgendnem Partykeller bei Astra und Brot.

Wobei ich mich gar nicht beklagen will. Spart ja auch Lebenshaltungskosten. Couch bequem, Catering ausreichend, geheizt war auch. Ab und an gab’s sogar Fernsehen, Jubiläumsbuch sei Dank hatte ich ordentlich was zu lesen, und aufm Couchtisch lag ein ordnungsgemäßes Bekennerschreiben. Absender: „Kommando Seelenheil. „Nix für ungut, Gerd“, stand da: „Aber du hast einfach zu viel gemeckert. Das is‘ Gift für die Fußballerpsyche!“

Alles halb so wild also. Nur die Zettel mit den Fußballergebnissen, die die mir immer unter der Tür durchgeschoben haben: Die wurden immer absurder. Ich mein: 2:1 gegen Ahlen – gut und schön. Aber 5:0 in Aachen? Auswärts? Und 4:0 in Karlsruhe? Auch nich zu Hause? Eher fliegt‘n Dinosaurier am Fenster vorbei! Tja, und dann? Siehe Anfang. So ähnlich wird man wohl auch zum UFO-Gläubigen.

Irgendwann haben die mir angeboten, mich rauszulassen. Wenn ich zu meckern aufhör. Und da hab ich das eben versprochen. Gab ja auch nix zu kritisieren. Dacht ich so. Ich meine: Einmal absolut keine Chance gehabt (Kaiserslautern), einmal so richtig schön nostalgisch geworden und heroisch gescheitert in letzter Minute, so richtig oldschool St. Pauli (Augsburg) – und sonst fast nur gewonnen? Ja, was soll ich denn da meckern ?!?

Also ließen meine freundlichen Kidnäpper mich eines Tages in der Nähe von Koblenz raus. Hab’s gerade noch so geschafft zum Spiel. Und was passiert? Nach zehn Minuten steht das 1:0, nach 27 Minuten 2:0, und zehn Minuten nach der Pause glatt 3:0. Für uns! „Na siehste“, denk ich, „die sind dermaßen gefestigt, die gewinnen sogar, wenn ich dabei bin.“

Und dann kam die 61. Minute: Auftritt Ebbers. Marius „Die Maschine“ Ebbers. Serienmitglied der „kicker“ Elf des Tages und zuverlässigste Torgarantie unseres Vereins seit mehreren Fußballzeitaltern. Ein Mann, der sich normalerweise jedes Salzkristall einzeln aufs Frühstücksei schießen müsste – und das von draußen durchs Küchenfenster mit der Hacke! Nur um seine für irdische Verhältnisse vollkommen überproportionierte Feinmotorik mal so’n bisschen zu fordern.

Und dann rutscht so ein Mann aufs leere Tor zu und JAGT DIE PILLE DA HIN, WO NICHT MAL DER MANN IM MOND ZU SEHEN IST! Vor lauter Entsetzen hab ich glatt die nächsten zwei Tore für uns verpasst. Das haben wir gern: Erst durch permanenten Budenzauber jede Hornhaut gegen Anti-Fußball von der Schlachtenbummlerseele schmirgeln – und dann voll auf die Zwölf?

Also, wenn ich so zurückschaue: Ich sehe großes Leid auf uns zukommen, Freunde. Großes Leid! Denn unsere Widerstandskraft sinkt. Und wir haben plötzlich was zu verlieren. Oder so aus Saurierperspektive gesprochen: Wer fliegen lernt, steigert auch die Fallhöhe.

Anders gesagt: Das Meckern stirbt zuletzt. Ich mach mich dann schonmal auf den Weg zurück in meine Zelle. Sicherheitshalber.

Veröffentlicht in FC St. Pauli

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Über Gegengeraden-Gerd:

Gerhard von der Gegengerade, 55, ist seit 1910 Dauerkarten-Besitzer des FC St. Pauli.

Als leicht entflammbare Ein-Mann-Meckerecke regt er sich über das Geschehen am Millerntor und in der sonstigen Fußballwelt auf. Das Ergebnis veröffentlicht er hier und auf Twitter in wüsten Pamphleten zwischen Wahn (klar erkennbar) und Witz (möglicherweise unfreiwillig).

Nebenbei unterstützt Gerd die Stadionzeitung VIVA ST. PAULI als Fußball-Sachverständiger.